"Eisenerz 2021" Erläuterungstext Projekt: 05_270378

Der Wettbewerbsbeitrag „re-think Eisenerz, re-do Eisenerz“ will die Eigenständigkeit Eisenerz stärken und Abwanderung und Überalterung begegnen.

12/10/2006

Ideenwettbewerb Eisenerz 2021

Projekt: 05_270378

re-think Eisenerz, re-do Eisenerz

„Was nützt der Umbau einer Stadt, wenn letztlich die Menschen fehlen, die darin wohnen?“

Jan Siegel zit. in Dürrschmidt 2006

Unser Ziel ist es, die Eigenständigkeit der Gemeinde Eisenerz nachhaltig zu stärken und Voraussetzungen zu schaffen, die der jungen Bevölkerung eine Zukunft in Eisenerz ermöglichen. Dazu muss die Problemlage aus einer anderen Perspektive als die der Studie re-design Eisenerz untersucht werden. In den Mittelpunkt rücken wir die Probleme der EinwohnerInnen von Eisenerz und nicht die betriebswirtschaftlichen Überlegungen der Wohnungsgesellschaften. So wird deutlich, dass der Leerstand der Wohnungen nicht das eigentliche Problem der Gemeinde ist. Viel dringender als eine Bekämpfung dieses Symptoms ist es, seine Ursachen zu begreifen: Abwanderung und Überalterung der Gemeinde sowie die mangelhafte Aufarbeitung der Geschichte. Diese negative Entwicklung, die wir mit der „Abwanderungsspirale“ (im Ggs. zur „Leerstandsspirale“ in „re-design“) erklären, kann nur gestoppt werden, wenn die EisenerzerInnen dazu motiviert werden die Zukunft ihrer Gemeinde selbst zu gestalten. Ein neues Selbstverständnis als aktive, innovative Gemeinde hat auch nach Außen seine Wirkung. Das Image als Stadt der PS- und dezibellastigen Megaevents hat damit ausgedient. Gefragt ist eine differenzierte Vielfalt an Initiativen, für die nicht großes Kapital nötig ist, sondern das Interesse und die Aktion der BürgerInnen. Will Eisenerz zudem auch weiterhin von gemeinschaftlich geförderten Projekten profitieren, so erfordert das eine radikale Neuorientierung der strategischen Ausrichtung.

re-think Eisenerz! Am Anfang dieses Prozesses muss das Denken stehen: das Nachdenken der BürgerInnen über die Vergangenheit und die Zukunft ihrer Gemeinde. Wir schlagen die Einrichtung von „re-think tanks“ („Denkfabriken“*) vor, Räume, in denen die EisenerzerInnen gemeinsam mit ExpertInnen und ModeratorInnen ( alle Wettbewerbsteilnehmer von Eisenerz 2021) die dringendsten Probleme bearbeiten können. Die re-think tanks werden in Leerständen in der Altstadt eingerichtet, wodurch die Aktivitäten auch symbolisch ins Zentrum gerückt werden. Sie dienen als Treffpunkt und zum Informationstransfer.

re-do Eisenerz! In den re-think tanks werden konkrete Projekte und Initiativen erarbeitet, die in alle (Problem-)Bereiche der Gemeinde wirken. re-think und re-do lassen ein innovatives Milieu und eine gewisse Aufbruchsstimmung entstehen, in denen die EinwohnerInnen motiviert werden, sich für die Gemeinde zu engagieren, die Zukunft der Gemeinde zu planen und ihre Pläne umzusetzen.

In unserer Analyse zeigen sich drei Problemkreise der Gemeinde, die in drei re-think-tanks bearbeitet

werden:

re-think: Geschichte

Wenn wir von einer Schrumpfung der Gemeinde sprechen, stellt sich die Frage, welche Faktoren zuvor zur großen Anzahl an EinwohnerInnen beigetragen haben. Den Höchststand an EinwohnerInnen verzeichnete die Gemeinde in den Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs. In der Zeit der Kriegsvorbereitung kurbelte das Nazi-Regime den Erzabbau am Erzberg an und die EinwohnerInnenzahl verdoppelte sich innerhalb weniger Jahre. Ein großer Anteil der Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges in Eisenerz lebten, arbeitete am Erzberg. Zu den Eisenerzer ArbeiterInnen kamen noch Tausende Zwangsarbeiter, die jedoch in den demographischen Satistiken nicht aufscheinen. Mit dem Ende des Krieges, nachdem die vormaligen „Hermann Göring Werke“ in Staatsbesitz übergegangen waren, wurde die Rüstungsindustrie durch eine Industrie für den Wiederaufbau ersetzt.

Das Fehlen aller unter Zwang ausgebeuteten ArbeiterInnen und KZ-Häftlinge in der verwendeten Statistik ist symptomatisch für eine Strategie des Ausblendens unbequemer historischer Fakten. Obwohl sowohl die Republik als auch das Land als auch die Gemeinde von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter profitierte, hat bis jetzt nur eine mangelhafte Aufarbeitung der Geschichte stattgefunden.

Im Stadtmagazin Leoben (Juni 2006) fordert der Geschäftsführer des Vereins Steirische Eisenstrasse Peter Cmager „die Identität der Region zu bewahren, die reiche montanhistorische Tradition aber gleichzeitig zu entstauben und für Gäste wie Einheimische attraktiv aufzubereiten“. Um dieses Versprechen einzulösen müssten sich alle Beteiligten sehr viel entschiedener von ihrer traditionellen Blindheit gegenüber geschichtlichen Evidenzen befreien, denn weder die Geschichte der Eisenstraße im ganzen noch in ihrem Eisenerzer Teil kann an ihrer zweifelhaften nationalsozialistischen Entwicklungs- und Blütezeit vorbei erzählt werden.

re-do: Überlieferung einer alpinen Industrialisierung

Die Gemeinde hat die große Chance sich durch die Präsentation eines erheblichen Teils regionaler Industriegeschichte in eine Vorreiterrolle zur Pflege eines offenen Geschichtsverständnisses und einer Friedenskultur im wachsenden Europa zu stellen. Durch die Einrichtung eines Dokumentationszentrums oder eines „Hauses der Geschichte“ kann sich die Gemeinde produktiv mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und ermöglicht der jüngeren Generation ihr „Erbe“ zu bewältigen. Nur wenn die Gemeinde ihre Geschichte aufarbeitet, wird sie lebenswert für die jüngeren Generationen.

re-think: Leerstand

Der rasante Anstieg der EinwohnerInnenzahlen führte zu einer explosionsartigen Siedlungsentwicklung mit einschneidenden Eingriffen ins Stadtbild. Allein in den Kriegsjahren entstanden 1538 Wohneinheiten, die meisten davon verteilt auf nur zwei Siedlungen: Trofeng (965 Wohneinheiten) und Münichtal (557 Wohneinheiten). Damit nimmt die Bautätigkeit in diesem Zeitraum eine herausragende Stellung ein: Im Vergleich entstand bis 1938 etwa ein Drittel, in der Nazizeit mehr als die Hälfte und nach dem Krieg weniger als ein Fünftel aller Wohneinheiten in Eisenerz. Die baulich-räumliche Organisation der seit den 30er Jahren entstandenen Siedlungen, in der die Menschen fast ausschliesslich zur Miete leben, orientiert sich am Leitbild der Lohnarbeit am Erzberg: Die Etablierung eigenständiger Ökonomien war nicht vorgesehen und ist auch heute deswegen nur schwer möglich. Nach 60 Jahren sind nur einige Ausnahmen in der Siedlung sichtbar, etwa Büros, eine Arztpraxis und ein Gasthaus. Diese fehlende Anpassungsfähigkeit wirkt verstärkend auf den Abwanderungsdruck.

re-do: Siedlungsumbau

Die überzähligen Wohnungen können rückgebaut werden, wobei die Kosten für den Rückbau von den Wohnungsgenossenschaften zu tragen sind. Sondernutzungen für den Tourismus sind in den vorgeschlagenen Größenordnungen unrealistisch. Bei der Adaptierung alter Gebäude und bei neuen Bauvorhaben ist darauf zu achten, dass die baulich-räumliche Organisation für die BewohnerInnen Möglichkeiten eröffnet, eigene Ökonomien aufzubauen. Grundsätzlich sollte versucht werden, den Anteil an Eigentum zu erhöhen. Öffentliche Fördermittel sollen nicht in den Abriss investiert werden sondern in Maßnahmen gegen die Abwanderung wie Siedlungsumbau.

re-think: Abwanderung

Nicht nur Wohnungen in den Genossenschaftssiedlungen sind heute vom Leerstand betroffen, sondern auch Gewerbeflächen in zentraler Lage. Die Leerstände in der Altstadt von Eisenerz sind die Folge sich verstärkender ökonomischen Probleme. Die Ursache dieser Situation ist zuerst in der Abwanderung der jüngeren (innovativen, kreativen, eigeninitiativen) Bevölkerung und in der Überalterung zu suchen (vgl. Abwanderungsspirale) und nicht in der Leerstandsspirale. Durch die Aufgabe von Betrieben gehen weitere Arbeitsplätze verloren, Kommunalsteuerbeiträge sinken und fehlen bei der Erhaltung von Infrastruktur, Sozialem und Kultur, was sich negativ auf die Lebensqualität auswirkt. Die Spirale der Abwanderung verstärkt sich so von selbst, bis schließlich das Standortpotential der Stadt zerstört ist.

re-do: Privatökonomien, kleine und mittlere Unternehmen stärken

Als Stadt mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Österreich muss Eisenerz kompromisslos Maßnahmen für seine junge Bevölkerung treffen, damit die BewohnerInnen eine eigenständig funktionierende Ökonomie aufbauen können. Nur dann wird sich die Erwerbsquote, die derzeit bei ca. 36% liegt, einem österreichischen Durchschnitt von 48% annähern. Zwar nennt die Gemeinde sich selbst „Sport- und Schulstadt Eisenerz“, doch erwachsen ihr aus dieser Ausrichtung vor allem drückende Kostenlasten. Um die Jugendfreundlichkeit jedoch auf eine breitere Basis zu stellen sollte, ein Jugendlichenstadtrat eigenständig über seinen eigenen Kulturetat entscheiden. Daneben sollten Kinder und Jugendliche dazu ermuntert werden auch in anderen Bereichen gestaltend in die Lokalpolitik einzugreifen.

* Eine Denkfabrik (nach engl. Think tank) ist eine feste Gruppe meist von Politikern, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern

oder Unternehmern [oder BürgerInnen, Anm.], die gemeinsam politische und wirtschaftliche Konzepte oder Strategien

entwickeln und entsprechende öffentliche Debatten fördern. Da Denkfabriken private Einrichtungen sind, haben sie nicht selten

mehr Freiheiten, neue Ideen vorzuschlagen und zu diskutieren, als Mitglieder oder Arbeitsgruppen einer Regierung. (Vgl.

Wikipedia.com; think tank; 24.7.2006)

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