Mit der Ausstellung „With Your Eyes Only. Display reduktive Kunst“ zeigt der Grazer Kunstverein Medienturm 16 aktuelle Beispiele, in denen sich KünstlerInnen mit dem Themenkreis Konstruktion, Konstruktivismus und subjektive Wahrnehmung auseinander setzen.
„Falling Man“ (2009) ist der Titel einer Installation des Grazers Clemens Hollerer, die auf den ersten Blick an Details von Baukränen erinnert. Ein kleiner Nebenraum der Galerie ist nicht mehr begehbar, nur mehr einsehbar und es scheint, als wären in diesem wie zu klein wirkenden Raum zwei farblich verschiedene Kräne ineinander gestürzt – als stünde die Ursache des Bruches in einem Zusammenhang mit den Dimensionen des Präsentationsraums. Hollerer beschreibt seine Idee hinter der minimalistisch anmutenden Form jedenfalls weit poetischer, als sie vielleicht einer zeitgemäßen Adaption von Prinzipien der Minimal Art vergleichbar wäre: Reale Baukräne, die über das urbane Weichbild hinausragen, dachte er sich immer schon als märchenhafte Riesen, die in städtisches Gefüge eingreifen. Das Übertragen der plastischen Form in den weit begrenzteren Ausstellungsraum bedingt nun auch eine Veränderung des Umfeldes zwischen frühem Motiv und inhaltlicher Disposition.
Die Auseinandersetzung mit in Form und Materialien reduzierter Kunst rekurriert, gewollt oder nicht, deutlich auf Strömungen des Konstruktivismus und der Abstraktion spätestens um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Damit gleichermaßen auf eine Frage, die noch in den 1960ern von Theoretikern gegenüber dem abstrakten Expressionismus diskutiert wurde: Ob es nämlich möglich sei, die pure Form ohne jeglichen Inhalt als künstlerisches Produkt entstehen lassen zu können. Das Problem des Seins an sich mag dazu die platonische und die Variante Kants gewesen sein. Eine Lösung des wohl eher sprachphilosophischen Diskurses versuchte zu Anfang der 1990er Jahre noch der Amerikaner Thomas McEvilley (Kunst und Unbehagen, 1991) für die bildende Kunst zu geben, indem er dafür plädierte, die Inhalte abstrakter Kunst respektive auch der Minimal Art als dialektische Abhandlung der Form des Kunstwerkes über die (historischen) Voraussetzungen bildnerischer Form darzustellen. Form also diskutiert Form und wird so bestimmender Inhalt.
Während Hollerer in der Erklärung des Zustandekommens seiner Installation noch vergleichsweise weit ausholt, ist Esther Stocker mit ihren zwar statischen, wahrnehmungsbedingt aber dynamischen Strukturbildern (siehe auch ihre „Wandarbeit Nr. 19“ an der Grazer Kunsthausfassade) an einem Phänomen gelegen, das neurowissenschaftlich belegt und für die Rezeption der Op Art zentral war und ist. Entsprechend auch einer philosophischen Haltung des Radikalen Konstruktivismus existiert eine über die primäre Wahrnehmung des Faktischen hinausreichende Tendenz subjektiver Orientierung, die sich sich – in jeder Situation – als Konstruktion von Wirklichkeit äußert. Am Beispiel von Stockers Tafelbild (O.T., 2008, Acryl auf Leinwand) scheinen sich die von der Malerin vorgegebenen Raster nicht nur im Bild, sondern auch darüber hinaus zu bewegen; man arbeitet in der Betrachtung gewissermaßen endlose Bildflächen aus.
Für das Konzept der Ausstellung konnte Medienturmleiter Sandro Droschl den aus Deutschland stammenden Künstler und Leiter des Center for Contemporary Non-Objective Art (Brüssel), Tilman, gewinnen. Von dem Belgier Ward Denys stammt „The Graz Installation“, das „visuelle Gerüst“ der Ausstellung. Ein gegenüber dem Grundriss der Galerie um 35 Grad gedrehtes Display aus Holz und Pappe ist durch alle Räume der Galerie geführt. In Teilen überschneidet sich „The Graz Installation“ mit Tilmans „Intervention #9“, die mittels MDF-Platten, verschiedenen Farbführungen, kreisrunden Öffnungen und Durchgängen kojenartige Räume eröffnet, in denen wiederum Arbeiten anderer installiert sind. Dan Walsh nennt sein Environment „Meditation“, bestehend aus Glas, Regalen und diversen weiteren Materialien. „Meditation“ erinnert, auch aufgrund mehrfarbigen Lichts, an räumliche Hintergründe der Installationen eines Ed Kienholz. Walsh aber verweist in seiner Vorstellung auf die Kargheit dieses nahezu spontan errichteten Raumkonzepts, das sich in der Rezeption von Tilmans nicht mehr separieren lässt. Ebenfalls in Korrespondenz zum Display von Ward Denys steht die malerische Wandarbeit von Pieter Vermeersch. Raumillusion wird erzeugt durch verlaufendes, monochromes Gelb und zugleich gebrochen durch eine an die Wand gelehnte Tafel. Weißes Rauschen in Form einer Videoprojektion, deren oszillierendes Schwarz-Weiß-Gewitter aus der Übersetzung der Raumgeräusche entsteht, wirft der Norweger Kjell Bjørgeengen an die Wand. Simon Ingram aus Neuseeland dagegen lässt einen programmgesteuerten Lego-Roboter in Öl auf Leinwand malen. Formal auf geometrische Flächen reduziert ist eine Installation von Greet Billet mit dem Titel „1/256 – 256/256, 256 different kinds of black in a movie“. In Kombination von Wandmalerei und Diaprojektion wird die Verunsicherung zwischen Sicht und Wahrnehmung durch vergleichsweise einfache Mittel vielleicht am plausibelsten.
With Your Eyes Only; Display reduktive Kunst“ ist zu sehen bis zum 13. Februar 2010 während der Öffnungszeiten Di–Sa 10.00–13.00 Uhr, Mi–Fr 15.00–18.00 Uhr im Kunstverein Medienturm, Josefigasse 1, 8020 Graz.
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek, Bericht
Weiterführende Links



