Wann immer ich an der Thalia vorbeikomme, möchte ich sofort mit ihrem Umbau beginnen. Geht es Ihnen auch so? Gut, Sie sind vielleicht ArchitektIn, ich bin das nicht. Aber obwohl mir jede Voraussetzung fehlt, verspüre ich diesen dunklen Drang, sofort ein Baugerüst aufzustellen, die Mischmaschinen anzuwerfen; den Plan kann ich noch mit leichter Hand aufs Papier werfen, wenn die Arbeiter schon einmal begonnen haben.
Husch-pfusch, meinen Sie? Gut Ding brauche Weile? Und wie lange braucht das Projekt noch, um endlich gut, um endlich überhaupt etwas zu werden? Da wäre mein beherztes Eingreifen in seiner erfrischenden Inkompetenz doch zumindest ein Schritt in die richtige oder richtig falsche Richtung.
Falls Sie sich erinnern, hat Volker Giencke das Sieger-Projekt von Heiner Hierzegger in kollegialer Verbundenheit als „einfach miserable Architektur“ bezeichnet. Dazu müsste ich doch auch noch imstande sein. Und ganz ohne Referenzen bin selbst ich nicht. Im Werkunterricht habe ich im vorigen Jahrhundert einmal als Hausmodell eine Art Schuhschachtel gebastelt, das erinnert in seinem Purismus an so manchen großen Baukünstler, auch wenn mir im Moment kein Name einfallen will.
Da staunen Sie aber! So ein unverbildetes Naturtalent bin ich! Ich kann das, weil ich hab das nicht studiert. Dem Terror der Fachleute muss endlich offensives Stümpertum entgegengesetzt werden. Wo ich Hand anlege, bleibt kein Stein auf dem andren. Die Axt im Haus erspart die Abrissbirne.
Ich fühle mich als Bauherr dem Dekonstruktivismus verpflichtet. Mit der einen Hand reiße ich ein, mit der anderen baue ich auf, es ist ein fortwährendes Einreißen und Aufbauen, ich bin mit mir im Widerstreit, als würde ich zwei hart konkurrierende Architekten in meiner Brust beherbergen; eine sehr kritische, selbstreflexive, selbstzerstörerisch-konstruktive Arbeit, von der ich nur einen Begriff, aber keine Ahnung habe. Wo sich doch bezeichnenderweise Jacques Derrida und Peter Eisenman im Zuge ihrer Zusammenarbeit auf den Flügeln der Reflexion heillos dekonstruiert haben, so dass es Derrida zerrissen und Eisenman schwer getroffen hat. Stücke von Derrida schwirren immer noch herum und treffen den in Mitleidenschaft gezogenen Eisenman.
Vielleicht sollte ich mich doch eher auf die Architekturtheorie beschränken, da sind die Möglichkeiten geringer, bleibenden Schaden anzurichten. Ich werde alle in Grund und Boden kritisieren, mit Hierzegger fang ich an, arbeite mich bis zu Domenig hinauf. Dann werde ich mit diesem Scharlatan Rem Kohlhaas aufräumen. Le Corbusier? Heillos überschätzt! Gaudi? Ein Gaukler, wie schon der Name sagt…
Die Architekten, die ich persönlich kenne, scheinen mir nicht eben glücklich. Von Wettbewerb zu Wettbewerb getrieben oder auch geflissentlich nicht eingeladen, immer wollen sie bauen, niemand lässt sie, die Pläne wachsen ihnen aus den Achseln heraus, jedes Härchen ein Projekt, das doch nicht realisiert wird. Und dann die schlechte Nachrede, wenn sie doch etwas hinstellen. Wer möchte denn diesen grässlichen Beruf ausüben? Sie wahrscheinlich…
Und die Thalia? Die bleibt weiterhin meine Muse. Die Muse der komischen Dichtung und der lachhaften Architektur.
- Verfasser/in:
- Günter Eichberger, Kommentar

