Ein Jahr „Frauenhaus Kapfenberg“ - 95 Jahre „Internationaler Frauentag“

Ein Beitrag anlässlich des ersten Geburtstages des in vielerlei Hinsicht engagierten Projektes „Frauenhaus Kapfenberg“ aus dem Grazer Architekturbüro Uli Tischler.

08/03/2006

Ein Beitrag anlässlich des ersten Geburtstages des in vielerlei Hinsicht engagierten Projektes „Frauenhaus Kapfenberg“ aus dem Grazer Architekturbüro Uli Tischler.

Ohne den allgegenwärtigen 8. März überstrapazieren zu wollen, einleitend ein Statement Bernd Marins von vor mittlerweile sieben Jahren zum Thema Herausforderungen der Zukunft im Zeitalter der „Flexibilitätsrevolution“: „Die Mehrzahl der Arbeitsleistungen in Österreich, 11 Mrd. Stunden jährlich, sind unbezahlte Arbeit, gegenüber 8 Mrd. bezahlte Stunden im Jahr, und die 11 Mrd. unbedankte und unbezahlte Arbeit überlassen wir natürlich den Frauen und daher ist es so, dass die Frauen 500 – 700 Stunden im Jahr mehr arbeiten als wir Männer, wofür wir ihnen aber nicht sagen, was wir mit dieser zusätzlichen Freizeit machen, also ist der Großteil der Arbeit auch der Frauen, die überwiegend berufstätig sind, weiterhin unbezahlte Arbeit.“(1) Die Flexibilität scheint eingetreten, die Revolution ist ausgeblieben.

Die längst vorausgesagte Polarisierung im Bereich des Arbeitsmarktes, der Einkommensentwicklung und damit des Sozialgefüges nimmt weiterhin zu und dass davon immer die Schwächsten der Gesellschaft betroffen sind, ist kein Geheimnis, ebenso wie die Tatsache, dass physische und psychische Gewalt gegenüber Frauen und Kindern mit zunehmender Armut im Steigen begriffen sind.

Das „Frauenhaus Kapfenberg“ von Uli Tischler - mehr als eine vorübergehende Zufluchts- und Schlafstätte für Frauen und Kinder in Not - ist ein Beispiel dafür, wie qualitätsvolle Architektur als gesellschaftspolitische Herausforderung mit viel Engagement konsequent umgesetzt, einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten imstande ist.

Dass die Umsetzung von innovativen Konzepten nicht einfach ist, vor allem unter Berücksichtigung von Zeit- und Finanzdruck, muss nicht ausdrücklich betont werden, umso bemerkenswerter, wenn dies trotzdem gelingt.

Ein Vergleich mit dem eingereichten Wettbewerbsprojekt verdeutlicht die Konsequenz in der Umsetzung bei Einhaltung aller Kostenrahmen und Zeitlimits ohne Qualitätsverlust sowohl was die Gestaltung als auch die Einhaltung der vorgegebenen Volumina betrifft.

„Im März 2003 hat das Land Steiermark, vertreten durch die LIG, die Landesimmobilien Gesellschaft mbH, 14 Architektinnenteams zu einem anonymen Wettbewerb für das Sozialprojekt Kapfenberg eingeladen. Am 8. Mai 2003 wurden die Entwürfe abgegeben, die Jury fand Mitte Mai statt. (GAT berichtete; siehe untenstehender Link)

Dem Wettbewerb vorausgegangen war der Ankauf eines bestehenden Objekts durch das Land Steiermark in Kapfenberg. Die Unterstützung des Projekts durch die Stadtgemeinde Kapfenberg führt die Tradition weiter, Architektur als gesellschaftspolitische Aufgabe zu verstehen. Die besten Beispiele dieser Haltung wurden hier von Architekt Ferdinand Schuster in den 60er und 70er Jahren realisiert.

Die Lage des Grundstücks hat für die Bauaufgabe besondere Qualität. Situiert am Rande einer Wohnsiedlung, gleichzeitig in unmittelbarer Nähe zum Stadtzentrum, d.h. fußläufig zu Kindergarten und Nahversorgern, geschützt aber nicht abgeschlossen vom Geschehen in der Stadt und auf einem ideal besonnten, nach Süden geneigten Hang.

Die Bebauung des ca. 3.100 m2 großen Grundstücks konzentriert sich im Bereich der Straße. Das bestehende Bauvolumen wird durch einen zweigeschossigen Baukörper auf Stützen erweitert, es entsteht ein vor Einblick geschützter, privater Innenhof, zu dem hin sich das Gebäude öffnet.

In ihrer Komplexität bildet die Bauaufgabe „Frauenhaus“ auf unterschiedlichen Ebenen eine Herausforderung. Zentrales Thema unter vielen anderen ist, die Sicherheit der Bewohnerinnen, die in Sicherheit und geschützt sein müssen, ohne sich aber „wie im Gefängnis“ zu fühlen. Auf diese Ambivalenz reagiert die Architektur auch im Verhältnis des Baukörpers zum Freiraum, dem Garten und zur Umgebung. Der introvertierte Freibereich hat als sonniger Garten für die Nutzerinnen besondere Qualität (Planung: Land in Sicht, Wien).

Nicht weniger komplex ist die innere Organisation des Gebäudes. 8 Wohneinheiten mit je 2 Schlafräumen und Bad bilden den privaten Bereich. Der Koch- und Essbereich funktioniert, wie auch der Wohn- und Bügelbereich, als Kommunikationszone. Innerhalb dieser Gemeinschaftsräume wird die Überlagerung von Hausarbeits- und Wohnbereich betont. Der dritte Funktionsbereich kann als Bürotrakt zusammengefasst werden, der als operativer Teil des Gebäudes nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Beratung für Frauen und Kinder, sowie Kinderbetreuungsräume umfasst.

Das Raumprogramm hat eine Gesamtnutzfläche von 1.040 m2, gegliedert in:

360 m2 - 8 Wohneinheiten

340 m2 - Wohn- u. Aufenthaltsbereiche wie Essbereich u. Gemeinschaftsküche, oder Jugendräume

240 m2 - Bürobereiche mit Beratung und Verwaltung

100 m2 - Nebenräume

Der aufgeschlossene Bauherr und das klare Organisationskonzept der LIG haben eine konstruktive Basis für die Planungs- und Bauphase geschaffen und ermöglichten damit die wesentliche Weiterentwicklung des Wettbewerbsprojekts innerhalb eines fixierten Kostenrahmens und eines strikten Terminplans.“ (Uli Tischler)

Genau vor einem Jahr, am 8. März 2005 konnte das Frauenhaus Kapfenberg seiner Bestimmung übergeben werden.(1)Bernd Marin, Wohnen und Arbeiten in Zukunft, in: wohnbau haltbar bis, housing best before, Beiträge zum 1. Grazer Wohnbaukongress 22. - 24. April 1999, Hrsg.: Ute Angeringer, Jörg Kindermann, Hansjörg Tschom, Wolfgang Winter, S. 22.

KONTAKT:

Architekturbüro Uli Tischler

Haydngasse 6, 8010 Graz

T 0316/81 76 35, F 0316/81 76 35-75

M 0664/213 22 02, tischler@tugraz.at

Verfasser/in:
Ute Angeringer, Bericht
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Foto: (c) Paul Ott
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Foto: (c) Paul Ott
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Architektin Uli Tischler (re.), Spatenstichfeier 04.05.2004
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Grundriss 1.OG
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Grundriss Erdgeschoss
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Südansicht Wettbewerb
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Grundriss 2. OG
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Tatsächliche Ausführung

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