Im Sommer 2004 haben sich die Steirische Landesregierung und der Grazer Gemeinderat mit Beschlüssen zu einer intensiven Förderung der Baukultur bekannt und auch auf deren wesentliche Funktion als Wirtschafts- und Standortfaktor hingewiesen. Zum Ein-Jahres-Jubiläum zog die Ingenieurkammer eine zwar nicht grundsätzlich negative aber auch keinesfalls enthusiastische Bilanz: "Das Bewusstsein in den Köpfen einiger Entscheidungsträger ist zwar da, die breite Akzeptanz fehlt aber", sagte Ingenieurkammerpräsident Werner Nussmüller am vergangenen Montag, den 4. Juli 2005 bei einem Pressegespräch in Graz.Auf der Haben-Seite des Landes seien, so Nussmüller, einige durchaus beachtenswerte Initiativen, wie das Architekturlaboratorium Steiermark, der Architekturbegleiter und das Jahrbuch Architektur zu verbuchen. Die Stadt Graz könne vor allem mit dem von Stadtrat Christian Buchmann initiierten Architektur-Hauptstadt-Projekt 2007 punkten. Auch die offene Diskussion um einen Gestaltungsbeirat lobte der Kammerpräsident der Architekten- und Ingenieurkonsulenten.
Mängel gebe es aber bei den strukturellen Maßnahmen: "Wir verlangen, dass die Evaluierung, zu der sich die Politik in Stadt und Land verpflichtet hat, tatsächlich stattfindet", sagte Nussmüller. Dazu sei es aber erforderlich, klare Verantwortungen zu schaffen und die erforderlichen budgetären Mittel freizumachen.Um die Baukultur als übergeordnetes Prinzip zu etablieren, müsse jede Entscheidung, die die Umwelt gestalterisch beeinflusst, auf die Kriterien einer qualitätsvollen Baukultur überprüft werden – von der Raumplanung bis zur Gestaltung von Büroräumlichkeiten öffentlicher Stellen.
Ähnlich argumentierte auch Architekten-Obmann Christian Andexer, der vor allem die Bedeutung eines Gestaltungsbeirats in Graz hervorhob: Die Erfahrungen in Salzburg und Linz seien ermutigend. Dort hätten die Gestaltungsbeiräte zu einer Hebung der Qualität und gleichzeitig zu einer Senkung der Planungs- und Bauzeit beigetragen.
Der Obmann der Ingenieurkonsulenten, Meinrad Breinl, wies auf die bereits realisierten und geplanten Projekte hin, die mehr Transparenz und Mitwirkung durch mehr Information möglich machen. Über das Internetportal gat.st seien umfassende auf Architektur bezogene Informationen zugänglich, das ZT-Datenforum erfülle im Bereich der ortsbezogenen Informationen eine ähnliche Funktion – darüber seien Flächenwidmungspläne und Grundstückspreise Interessierten zugänglich. Es sei auch angedacht, beim ZT-Datenforum eine Informationsplattform für UVP-Verfahren (UVP = Umweltverträglichkeitsprüfung, Anm. d. Red.) einzurichten, um interessierte Bürger schon frühzeitig über Projekte informieren zu können.Breinl betonte auch die zunehmend wichtiger werdende Rolle der Ziviltechniker als nichtamtliche Sachverständige, die in vielen Bereichen die öffentliche Verwaltung entlasten und vor allem zur Reduktion der Personalkosten beitragen.