"Raum verschraubt mit der Zeit" - Architekturpreis des Landes Steiermark 2010
Eigentlich wollte er auf keinen Fall ein Einfamilienhaus prämieren, so Hubertus Adam, aber das Erleben des Hauses vor Ort habe ihn überzeugt. Der Schweizer Architekturkritiker und -historiker, der dieses Jahr als Kurator des biennal vergebenen Architekturpreises des Landes Steiermark eingeladen war, verlieh diesen dem efh_surplus value01 der Architekten Reinhold Weichlbauer und Albert Josef Ortis. Zu Recht.
Dass über die Symbolwirkung gesprochen wird, wenn zum zweiten Mal in Folge ein Einfamilienhaus ausgezeichnet wird, war allerdings abzusehen. Und die Diskussion ist auch berechtigt, sind sich doch alle Fachleute einig, dass die Zersiedelung und die, bedrohliche Ausmaße annehmende Flut an Einfamilienhäusern in der Steiermark zu bekämpfen sind. Es ist Hubertus Adam hoch anzurechnen, dass er dieses Thema – und die Frage, inwieweit der Architekturpreis sich über die Bewertung architektonische Qualität hinaus als politisches Symbol zu verstehen hat – anspricht. Wie übrigens auch Andreas Ruby, der den Preis vor zwei Jahren kuratiert hatte.
Sieht man zum ersten Mal ein Foto des Siegerprojekts in einer Hochglanz-Architekturzeitschrift, könnte man meinen, ein weiterer kunstsinniger Städter habe sich ein abgehobenes, publikationsheischendes Designerhaus auf die grüne Wiese stellen lassen. Doch dieser Schein trügt. Hier wohnt und arbeitet eine fünfköpfige Bauernfamilie im traditionellen Hofverband. Das mit Kunstrasen überzogene Haus, auf dem sich Treppen und Fenster an unüblichen Stellen tummeln, bricht mit Konventionen, stellt den Geschmack als gesellschaftliches Konstrukt infrage. Und doch lässt es sich darin ganz unaffektiert wohnen. weichlbauer/ortis, bekannt für experimentelle Projekte, durchbrechen den "gängigen architektonischen Formfindungsprozess", dem zufolge "das realisierte Gebäude die Umsetzung einer vorgefassten Idee darstellt" (H. Adam). Aus "digitalem Abfall" aus ihrem Büro und zufälligen Zahlenwerten entsteht eine computergenerierte Form und sie selbst greifen erst bei deren Interpretation zu einem realisierbaren Objekt wieder ein. Der Zufall sei ein Werkzeug, um eingefahrene Muster und Strukturen zu überwinden und den Horizont zu erweitern, so Weichlbauer, "eindeutig mit Nutzungen verbundene Elemente werden von ihrer Funktion befreit und auf ungewohnte Weise verwendet." So dienen Treppenelemente nicht nur dem Überwinden eines Geschoßes, sondern ebenso als Stütze, Sichtschutz, Vordach und Trittstufe für den Rauchfangkehrer, Fenster finden auch als Brüstungen Verwendung. Der Kunstrasen ist keine Referenz an die ländliche Umgebung, sondern entstammt der Absicht, die übliche Wahrnehmung von Raum über harte Kanten mit dem weichen Material zu manipulieren. Hubertus Adams Resümee: Die Architektur von weichlbauer/ortis stellt die "ebenso intelligente wie spielerische [...] Frage, was Architektur ist, sein kann und sein darf" und regt zum Denken an.
In ihre kurze Dankesrede verpackten die Architekten auch gleich eine Portion Kritik an der Wohnbaupolitik des Landes: Leider sei gewagte, innovative Architektur nur mehr bei Einfamilienhäusern mutiger Bauherren möglich und nicht mehr im geförderten Wohnbau. Dass sie mit ihrer kompromisslosen Auffassung von Architektur den Preis gewinnen konnten, werde erst durch einen Kurator möglich, so Ortis, denn vor einer Jury, die oft zu Kompromissentscheidungen führe, könne so ein Projekt nie bestehen. Auch für Adam hat das Kuratorenprinzip seinen Reiz, muss sich der Kritiker doch stärker deklarieren, anstatt sich wie sonst üblich hinter dem "man" zu verstecken. Obwohl die Entscheidung zwischen den, dieses Mal über 60, sehr unterschiedlichen Einreichungen schwer ist, würde er es begrüßen, wenn der Kurator auch nicht eingereichte Projekte einbeziehen könnte.
Um dieser Vielfalt zu entsprechen, vergab Adam neben dem Preis drei Anerkennungen. Die Generalsanierung der Montanuniversität Leoben hob er als einen beispielhaften Umgang mit einem Bau der sechziger Jahre hervor, deren Architekten Gangoly & Kristiner sich "auf Konstruktion, Struktur und Ästhetik [des Karl-Raimund-Lorenz-Baus] eingelassen haben" und den Purismus förmlich aus dem Gebäude heraus schälten. Das MUMUTH von UN Studio zeichnete er für das Blob und Box nahtlos zusammenführende Raumkonzept und die Realisierung einer salle modulable aus, den Murturm von terrain: loenhart&mayr für die Verschmelzung eines "zweckfrei-kontemplativen Aussichtsturms" mit dem fast beiläufig pädagogischen Aufstieg durch die "Waldetagen" zu einem touristischen Anziehungspunkt. Bemerkenswert ist die Nominierung des temporären Projekts Raumschnitt von Arquitectos. Unter der Bezeichnung "Rurbanismus" setzen sich die Architekten (nicht nur) in diesem, "in die Landschaft eingeschriebenen Gedankenexperiment" intensiv mit dem "sonst in der Steiermark geflissentlich ignorierten Thema des heutigen Verhältnisses von Stadt und Landschaft auseinander", wie Adam schreibt.
Im gekoppelt mit dem Architekturpreis erscheinenden Architekturjahrbuch Graz Steiermark 2010 finden sich, ebenso wie in der laufenden Ausstellung im HDA, alle zehn nominierten Projekte wieder und spannen ein Panorama des aktuellen Baugeschehens in der Steiermark auf. Der titelgebende Essay „Raum, verschraubt mit der Zeit“ von Hubertus Adam bettet die Projekte in eine imaginäre Reise durch die Steiermark. Historische Kommentare und Assoziationen ergänzen als Referenzebene den subjektiven Text. Die Fotografin Hertha Hurnaus wirft in intensiven und trotzdem angenehm unaufgeregten Bildern einen weiteren Blick auf die Bauwerke. Die Entscheidung ausschließlich Schwarzweiß-Fotografien zu verwenden erweist sich als goldrichtig: Die präzisen, leicht abstrahierenden Bilder lassen eine Publikation ohne jede Reizüberflutung entstehen. Der Bild- und der Textteil können durch die raffinierte Bindung sowohl einzeln als auch gemeinsam gelesen werden und sind durch einen "Pegel" auf eine unscharfe Weise miteinander verschränkt. Das Buch ermöglicht durch den komplexen Aufbau verschiedene Wahrnehmungsebenen, -geschwindigkeiten und -tiefen. Das Herstellen von Querbezügen – auch nicht vom Autor intendierten – ist möglich und erwünscht.
Hubertus Adam: Raum, verschraubt mit der Zeit / Space Twisted with Time – Architekturjahrbuch Graz Steiermark 2010 / Architecture Yearbook Graz Styria 2010
Eva Guttmann – Haus der Architektur (Hg.), Fotoessay: Hertha Hurnaus
© 2011 Birkhäuser Basel
ISBN 978-3-0346-0792-6
€ 49,90
Raum, verschraubt mit der Zeit – Architekturjahrbuch Graz Steiermark 2010
Ausstellung im Haus der Architektur: bis 31. Juli 2011
DI-SO jeweils 10.00-18.00 Uhr, montags geschlossen
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Bericht







