Nachlese zur Diskussionsveranstaltung "Kulturkonflikt in Graz. Warum der Grazer Kulturbeirat streikt", die am Freitag, den 16.02.2007 in der Neuen Galerie Graz stattgefunden hat.
Im kommenden Sommer soll nach dem Willen von Kulturstadtrat Werner Miedl das Neo-Musical „Dracula“ von Frank Wildhorn die Kasemattenbühne am Grazer Schlossberg beleben und der Stadt zugleich eine Neuausrichtung ihres kulturellen Profils bescheren. Die geplante Subventionierung des neuen „Grazer Musicalfestivals“ von Seiten der Stadt in Höhe von rund 100.000 Euro sorgte allerdings für große Verstimmung – und das nicht nur unter den bei der Beurteilung des Projekts übergangenen Mitgliedern des Kulturbeirats, der daraufhin seine Tätigkeit ruhend gestellt hatte.
Zahlreiche Künstler aus der „Freien Szene“, die im vergangenen Jahr durch den Sparkurs der Stadt wieder herbe Einschnitte bei den Zuschüssen hinnehmen musste, zeigten sich ebenfalls sehr verärgert über die Förderung des mehr oder minder kommerziellen Projekts. Ein Diskussionsabend der Kleinen Zeitung im Spiegelsaal der Neuen Galerie, mit Werner Miedl und den Mitgliedern des Kulturbeirates Andrea Redi, Mathis Huber und Brigitte Thelen am Podium, sollte dazu beitragen, den Konflikt zu entschärfen. Wer von den zahlreichen Besuchern sich auf heftige Kontroversen gefreut hatte, wurde aber enttäuscht, denn diese waren offensichtlich bereits in einem vormittäglichen Treffen mit Miedl ausgetragen worden.
Der Kulturstadtrat gab sich denn auch etwas zerknirscht und selbstkritisch darüber, es verabsäumt zu haben, den Kulturbeirat in die Entscheidung einzubeziehen und gelobte für die Zukunft, sich um „ein besseres Verhältnis zu bemühen“ sowie die Evaluierungsprozesse neu zu gestalten. Den Vorwurf, dass die Musical-Produzentin Brigitte Thelen selbst im Kulturbeirat sitzt, konnte Miedl ebenso wie diese („Das Projekt war seit Jahren bekannt“) nicht nachvollziehen, „beziehen doch praktisch alle Mitglieder als Kunstschaffende Förderungen aus den Töpfen der Stadt“. Miedl berief sich auf seine „Handschlagqualität“, denn er hatte Thelen bereits im vergangenen Herbst die Bereitstellung der Mittel für das Festival versprochen – eine Position zur Vergabe von öffentlichen Geldern, die gewiss nicht von allen Anwesenden unisono geteilt wurde.
Die Architektin Andrea Redi stellte klar, dass man von Seiten des Kulturbeirats grundsätzlich nichts gegen die Förderung von Musicals hätte. Außerdem sei es nicht Aufgabe des ehrenamtlich tätigen Gremiums, über die Inhalte und Höhe der Finanzierungen einzelner Projekte zu befinden: „Wir haben die Tätigkeit niedergelegt, weil wir nicht in einen für die künftige kulturelle Ausrichtung der Stadt zentralen Entscheidungsvorgang einbezogen worden sind.“ Styriarte-Intendant Mathis Huber ergänzte, dass man seine Aufgabe gerade darin sähe, „nicht selbst große Konzepte zu entwerfen, sondern die Umsetzung von kulturpolitischen Visionen im Hinblick auf das gewünschte kulturelle Profil der Stadt zu diskutieren – aber da wollen wir dann auch als Partner ernst genommen werden“.
Die Kritik der anwesenden Vertreter der Freien Szene richtete sich vor allem gegen die Kürzungen bei zahlreichen Vereinen und Initiativen, „während die großen Einrichtungen nie evaluiert werden“, wie Gemeinderat Georg Fuchs (KP) anmerkte. Der Architekt Konrad Frey ortet Sparen am falschen Ort auf Kosten der Kulturqualität: „Vieles, wie der Mariensäulenlift, ist einfach verschwunden und Institutionen wie das Stadtmuseum werden ausgehungert.“ Als ein Betroffener meldete sich Walter Raidl vom Grazer Kasperltheater zu Wort: „Was machen die falsch, denen das Geld gestrichen wurde?“ Dem gegenüber konterte Miedl, der sich hier offenbar auf vertrautem Terrain bewegt: „Ich weiß wie man ein Kasperltheater organisiert, da kann man schon ordentliche Gewinne einfahren.“
Dass insgesamt nur knappe fünf Prozent des 45 Millionen Euro schweren Grazer Kulturbudgets in die Freie Szene fließen, erachtet Margarethe Makovec (rotor) als Skandal: „In diesem Bereich müsste mindestens der dreifache Betrag investiert werden, um der Stadt ein eigenständiges Profil zu geben.“ Diesen und anderen Forderungen wurde von Redi und Huber entgegen gehalten, dass der Kulturbeirat sich nicht als Standesvertretung definiere. Die Erfolge könnten aber nicht bestritten werden: „In den vergangenen drei Jahren wurde ein hohes Maß an Transparenz bei der Vergabe der Mittel geschaffen – wir können jedenfalls nicht mehr zurück in das Graz des Jahres 2003.“
- Verfasser/in:
- Josef Schiffer, Nachlese

