Die Unmöglichkeit, Wohnzimmer zu sein

Die beiden Designerinnen Désirée Heissund Ines Kaag arbeiten seit 1997 in Bereichen von Mode und Kunst. Künstlerinnen wollten sie aber eigentlich nie sein, sondern Kunsth

17/06/2010

Die beiden Designerinnen Désirée Heiss (geb. 1971 in Freiburg i. Br.) und Ines Kaag (geb. 1970 in Fürth) arbeiten seit 1997 in Bereichen von Mode und Kunst. Künstlerinnen wollten sie aber eigentlich nie sein, sondern Kunsthandwerkerinnen. Als BLESS präsentieren sie ihre N°41 im Kunsthaus Graz.

Was Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ einst als „Kulturindustrie“ bezeichneten – und mir will das Tippen hier nicht recht gelingen, es ging beinahe auf Kulturindustyria aus – ist offenbar längst kein Thema mehr und bleibt den neuen Altvatrischen überlassen, die keine Diskussionsgegner mehr finden. Alle Kultur, meinten die kritischen Theoretiker damals, wird zur Ware, Kunst wird über ihren ökonomischen Wert definiert, das Ästhetische wird zur Funktion der Ware und bestimmt die Bilder der Werbung. Hat sich da seit dem Erscheinungsjahr 1944 der „Ästhetik“ Horkheimers und Adornos etwas geändert? Offenbar. Wenn der danach benannte „–Monat Graz“ nun glücklich vorüber ist, darf man Vorheriges im Sinn der Veranstalter getrost unter dem Titel „Design“ verzeichnen. Aufgefallen ist dabei, dass Design in der Steiermark strikt an der Oberfläche verbleibt, solutions for surfaces sozusagen, auf einer Menge bunter Dinge schwimmen die Überschriften des Spektakels. Dem oktroyierten Titel verschließt sich auch nicht das Kunsthaus Graz. Dort allerdings wird das Medienkunstlabor „aus wirtschaftlichen“ und „räumlichen Diskrepanzen“ geschlossen, die Räume tauchen, vermietet als Showroom an die Creative Industries Styria, an der Oberfläche wieder auf.

Und weiter geht’s mit BLESS N°41 im Space01, in dem es sich Heiss und Kaag „wohnlich“ machen wollten, in dem sie „sich breit machen“, wie die Kunsthandwerkerinnen sich während der Pressevorschau ausdrückten. Ein „Wohnzimmer“ sollte eingerichtet werden. Der Raum aber erwies sich als „viel zu groß“ dafür. „Wir entwerfen für den Gebrauch, nicht für das Museum“, sagten BLESS auch noch und so stößt man eingangs auf ein „Traumarbeitsgerät für den Büroalltag“. „Whatwasitagain“ ist ein PC, dessen Keyboardfunktionen durch betätigen etlicher Punchingballs ersetzt werden können. Wie im Designshop findet man zudem trendy Hängematten, lustige Steckdosenleisten in Form kleiner Fußbälle (Achtung Fußball-WM), hübsche Fellperücken, Plastikpflanzen und Fototapeten. Praktisch dürften Sessel mit Teleskopbeinen sein, ein Alfa in Originalgröße erweist sich als partiell bequemes Ledersofa. Ebenfalls im Angebot: gestrickte Boxhandschuhe. „Die Kunst als Design und Mode als Architektur“ zu sehen, sei die Herausforderung für diese Ausstellung, heißt es im Katalog, der auch nicht zufällig dem Warenkatalog eines s.o. –Shops gleicht. Haben Sie Freude an Dingen, die uns den Alltag verzaubern – könnte man vielleicht als Slogan für die Ausstellung anbieten, die im Untertitel auch „Retrospektives Heim“ heißt.

BLESS N° 41 bis zum 29. August im Kunsthaus Graz.

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Kommentar

Weiterführende Links

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BLESS, N°40 Retroperspective Home, Workoutcomputer
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BLESS, N°28 Climate Confusion Assistance, Fur Hammock
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BLESS, N°36 Levelbox 7. (Fotos: BLESS)

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