Ich bin 24 Stunden am Tag Privatmann. Auch wenn ich schlafe, ist das keine öffentliche Angelegenheit. Ich lege mich nicht in ein Schaufenster, um meinen gesunden Schlaf zu demonstrieren. Ein Rest an Intimität muss auch in der hemmungslos auf Selbstentblößung drängenden Mediengesellschaft gewahrt sein.
Da ich kein öffentliches Amt bekleide, habe ich, was meine geschäftlichen Aktivitäten anbelangt, freie Hand. So weit geht meine Freiheit, dass ich gar keine Geschäfte tätige. Um Herr im eigenen Haus zu sein, brauche ich kein Haus. Ein totales Privatleben muss nicht mit Privatbesitz verbunden sein. Wer sich als öffentlicher Mandatar ein Haus bauen lässt, muss peinlich darauf achten, dass er die Architektin/ den Architekten seiner Wahl nicht gleichzeitig mit einem öffentlichen Auftrag bedenkt – selbst wenn er von deren/ dessen baukünstlerischen Fähigkeiten noch so überzeugt ist. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, über Vergabepraktiken schon. Allzu freigiebig sollte man mit seiner Gunst und öffentlichen Mitteln nicht sein. Freihändige Vergaben brauchen Fingerspitzengefühl, sonst macht man sich die Hände schmutzig. Ehe man sich’s versieht, gerät man in ein schiefes Licht. Auch wenn es nur eine Sinnestäuschung sein mag. Das sind halt die Tücken der Optik.
Wo endet das Private, beginnt das Politische? Die 68er haben seinerzeit das Private zum Politikum erklärt und gleich einmal in ihren Kommunen die Klotüren ausgehängt. In ihrem Sinne ist der Stoffwechsel von öffentlichem Interesse.
Vor ein paar Jahren wurde in Graz die Differenz zwischen dem Politischen und dem Privaten folgendermaßen definiert: Wenn ein Bürgermeister als Bauherr auftritt, tut er das als Privatmann. Schließlich lädt er ja auch nicht die Öffentlichkeit in sein Haus ein. Das gäbe ein Gedränge!
Aber es kann der Beste nicht in Frieden bauen, wenn es der bösen Altstadtkommission nicht gefällt. Immer dieser Stil-Purismus! In ein barockes Ensemble darf man nicht nach Herzenslust seine persönliche Moderne hineinbauen. Wie kleinlich! Wo bleibt denn da der private Einzelne und sein Eigentum, sein eigener Wille als Himmelreich?
Der Titel „Weltkulturerbe“ steht auf dem Spiel? Was geht das einen Privatmann an? Eine Ausnahme mehr wird die Altstadt schon noch aushalten. Wo kommen wir sonst hin? In die Privatwirtschaft?
Da scheint es nur konsequent, dass der Bürgermeister nun auch das Planungsressort übernommen hat. Das wird Graz über kurz oder lang ein neues Gesicht geben. Ich hätte da einen Vorschlag von brutaler Direktheit: Reißen wir die Altstadt nieder! Bringen wir lieber heute als morgen die nötigen Dynamitladungen an den altersschwachen Häusern an. Die reaktionäre, vergangenheitstrunkene Altstadtkommission kann ruhig im Amt bleiben; die darf weiterhin Empfehlungen abgeben, an die sich niemand hält. Wir müssen jede überkommene Ästhetik hinter uns lassen. Schön ist, was nicht gefällt. Die Architektur muss die Schattenseiten der Welt spiegeln. Jedes Haus ein Mahnmal. Nehmen wir nur die neue Thalia als ein Teil fürs Ganze. Frei nach Pasolini: „Acoton oder Wer nie sein Haus mit Tränen sah" …
Graz wird zum Wahrzeichen für Angst und Schrecken. Das Zeughaus zur modernen Folterkammer umgebaut. Andere Städte werben mit historischen Bauten, die dem Schönheitsempfinden früherer Generationen entsprechen. Graz aber wird eine Welt zeigen, die nur abgebrühte Horrorliebhaber oder unbelehrbare Realisten anzieht.
Ich sehe sie deutlich vor mir. Wem seine schlimmsten Alpträume fad geworden sind, der möge Graz besuchen. Wem kein Arzt mehr helfen kann, der ist reif für meine Vision.
- Verfasser/in:
- Günter Eichberger, Glosse
