Die Städte wachsen auch ohne uns

Die heurige Architekturbiennale in Venedig wirft einen Blick auf die Megacities: Mit vielen beeindruckenden Fakten, aber so gut wie keinen Visionen. Österreich blickt in

15/09/2006

Die heurige Architekturbiennale in Venedig wirft einen Blick auf die Megacities: Mit vielen beeindruckenden Fakten, aber so gut wie keinen Visionen. Österreich blickt in seinem Beitrag zurück und nimmt damit eine Sonderposition ein.

Die Städte wachsen und wir stehen dieser rasanten Veränderung hilflos gegenüber. Das ist der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die am Sonntag eröffnete Architekturbiennale in Venedig besucht. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wirft die größte Schau der Branche einen Blick auf die Metropolen unserer Erde. Richard Burdett, der diesjährige Kurator, hat sich damit einem sehr anspruchsvollen Thema gewidmet. Die Stadt an sich ist schwer zu begreifen und ebenso schwer zu vermitteln. Ein bereits von den niederländischen Architekten seit längerem erprobtes Mittel ist hierbei das der Statistiken. Daten, Zahlen und Fakten helfen das Phänomen einzukreisen. Die Tatsache, dass zum Beispiel vierzig Prozent der Bevölkerung in Los Angeles außerhalb der USA geboren wurden, sagt weit mehr über das dortige Leben aus als Pläne und Fotos. Und so verwundert es nicht, dass genau solche Informationen in der Hauptausstellung in der Corderie dell’Arsenale neben Luftbildern und Stadtaufnahmen herangezogen werden, um die größten Metropolen der Welt eindrucksvoll vorzustellen.

Die Länderpavillions widmen sich ebenfalls dem übergeordneten Thema Stadt. Auch hier begegnet man Statistiken. Nicht immer sind diese jedoch so informativ wie die von Burdett im Arsenale. So erfährt man im Österreich Pavillon, in „Vienna.Identities“ das alle 1,39 Sekunden ein Schnitzel in einem Restaurant verspeist wird oder dass alle 0,04 Sekunden jemand ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt. Aber was sagt das über Wien wirklich aus? Nicht viel.

Die Hauptausstellung im Arsenale stellt nicht den Anspruch Lösungen aufzuzeigen aber auch die Länderbeiträge scheinen sich diesem zu verweigern. Man begegnet so gut wie keinen Visionen. Es sind meist Bestandsaufnahmen. Allein die Dänen haben gemeinsam mit chinesischen Architekten ein ökologisch motiviertes Stadtmodell entworfen sowie im italienischen Pavillon junge italienische Architekten eine Stadt der Zukunft. Auch den Österreichern fehle es an Visionen, wie ihre Städte in Zukunft aussehen können, sagte Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au bei der Eröffnung. Der Kurator des österreichischen Beitrages hat deshalb auf Manifeste aus der Vergangenheit zurückgegriffen. Sein auf der Biennale präsentiertes Bild einer Stadt setzt sich aus drei Elementen zusammen: Hans Holleins Collage eines “Flugzeugträger” (1964), Friedrich Kieslers Entwurf einer Bühnenkonstruktion (1925) und Gregor Eichingers Bar – für ihn die “Keimzelle jeder Gesellschaft”. Auch wenn bis auf letzten Beitrag es Visionen aus vergangenen Tagen sind, so traut sich Prix im Gegensatz zu den meisten anderen eine Aussage zu treffen: So kann Stadt aussehen. Er zeigt auf, dass es visionäre Konzepte hierzulande gab und fordert zu neuen auf oder zumindest zu einer Weiterentwicklung der vorhandenen. So wie es der französische Beitrag – mehr zufällig als bewusst - mit dem Raummodell von Kiesler gemacht hat. Nach einem Besuch bei den Franzosen kann man sich vorstellen wie lebendig es in Kieslers Modell zugehen könnte. 23 französische Architekten sind für die Zeit der Biennale in ihren Pavillon eingezogen. Mit Hilfe von Baugerüsten sind Schlafkojen, eine perfekt eingerichtete Küche, ein Büro und die benötigten Serviceeinrichtungen entstanden. Man wird unweigerlich an das „Addon.20 Höhenmeter“ – ebenfalls ein Baugerüst mit allerlei Funktionen – erinnert, das im vorigen Jahr am Wallensteinplatz in Wien zu sehen war. Die Franzosen zeigen als einzige wie Stadt funktioniert: Sie leben es.

Was nach dem Besuch der Biennale bleibt ist die Frage: Wo sind die Architekten? Die Städte wachsen auch ohne uns. Kaum ein Beitrag präsentiert aktuelle architektonische Eingriffe ins Stadtgeschehen. Eingriffe, die wenn auch im Kleinen eine Antwort auf die drängenden Fragen unsere Metropolen geben (und die gibt es hier wie überall). Traut man sich nicht diese zur Diskussion zu stellen oder ist man sich der Bedeutung dieser nicht bewusst? Burdett präsentiert in seinem Ausstellungsteil sehr wohl wirkungsvolle urbane Interventionen. Diese sind aber mehr politisch als architektonisch motiviert. Um der Fülle an beeindruckenden Informationen eine zukunftsweisende Basis zu geben, hätte es vor allem auf einer Architekturbiennale genau diesem bedurft: dem Mut architektonisch Farbe zu bekennen.

10. Architektur Biennale Venedig

"Stadt, Architektur und Gesellschaft"

10. September - 19. November 2006

KONTAKT:

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www.labiennale.org

Verfasser/in:
Anne Isopp, Kommentar
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Studie über die Golfregion von OMA/AMO: Der unaufhaltsame Wachstum unserer Städte - hier am Strand von Dubai. © OMA-AMO (Fernando Donis)
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Im Arsenale wird der rasante Wandel unserer Metropolen anhand von sechzehn Beispielen vorgestellt. Das Thema des zunehmenden Verkehrs ist dabei immer wieder präsent. Hier ein Verkehrsknoten in Mexiko City. © Dante Busquets, 2006
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Friedrich Kieslers Entwurf einer Bühnenkonstruktion aus dem Jahr 1925 steht für ein offenes, flexibles Stadtmodell. Foto: Markus Pillhofer
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Foto: Markus Pillhofer
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Hans Holleins "Flugzeugträger von 1964 steht für die begrenzte, verdichtete Stadt. Foto: Markus Pillhofer
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Gregor Eichinger hat im Österreichpavillion eine Bar installiert - für ihn die "Keimzelle jeder Gesellschaft". Der auf den Tisch projizierte Film ist eine gelungenes Stück zum Thema Netzwerk. Foto: Markus Pillhofer

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