Armin Linke, TRANSIENT und ALPI/ALPEN: Dia-Performance und Podiumsdiskussion
veranstaltet am 11. Mai 2005 in der Neuen Galerie in Graz von ARTIMAGE / Medien und Architektur Biennale Graz im Rahmen der Schwerpunktreihe ON TERRITORIES, in Kooperation mit der Neuen Galerie Graz am Landesmuseum Joanneum.
Eine Nachlese von Fabian Wallmüller
Was uns die Reiseführer versprechen, bricht die Realität. Einmal angekommen im Urlaubsparadies, hinterlässt die Diskrepanz zwischen der in den Prospekten abgebildeten Idylle und der tatsächlichen Banalität vor Ort beim Touristen zuweilen das Gefühl herber Enttäuschung. In den Alpen allerdings wird nachgeholfen: Was den Massen nicht zugänglich ist, wird mit Liften, Seilbahnen und Panoramastraßen bequem erschlossen; was nicht vorhanden ist, wird künstlich erzeugt: Pisten, Schnee, Gemütlichkeit.
Touristische Erwartungshaltungen prägen heute wesentlich Architektur und Raumplanung in den Alpen, die sich längst vom Agrarraum zur touristischen Attraktion im Zentrum Europas gewandelt haben. Europas „Central Park“ ist mit einem Besuchervolumen von 120 Millionen jährlich – was einem Viertel des Welttourismus entspricht (1) – heute ein Laboratorium, das im beständigen Spiel von Angebot und Nachfrage ein überraschend hohes Maß an Innovationskraft sowie beachtlichen wirtschaftlichen Erfolg erreicht. Im Zeichen alarmierender ökologischer wie auch soziokultureller Folgen der Tourismusindustrie stellt sich allerdings gleichzeitig die Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung für die Alpen wie auch ihre Bewohner. Diese Fragestellung wurde am vergangenen Mittwoch im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Spiegelsaal der Neuen Galerie in Graz diskutiert.
Von den Teilnehmern der Diskussion – Fotograf und Videokünstler Armin Linke (I), Architekt Daniele Marques (CH), sowie Architekt Gerhard Mitterberger (A) – stand zunächst Armin Linke mit seinem fotografischen Werk im Vordergrund. Seit sieben Jahren bereist der in Mailand lebende Linke den Globus, um die Transformation von Landschaften unter dem Einfluss des Menschen bildlich festzuhalten. Entstanden ist TRANSIENT, ein beständig im Wachsen begriffenes Archiv von mittlerweile über 50.000 Aufnahmen (siehe auch www.arminlinke.com).
Linke spannt in seiner umfangreichen Bilderreise einen Bogen von gigantischen Staudammprojekten in China und wuchernden Märkten in Laos bis zu schwülstigen Stadtutopien in Shenzhen; oft mit feinem Gespür dafür, wie künstlich transformierte Lebensräume von ihren Bewohnern neu interpretiert werden. Linke bleibt dabei stets auf Distanz zum Gegenstand seiner Beobachtungen, was seinen visuellen Analysen einen streng dokumentarischen, aber auch poetischen Charakter verleiht.
Die Transformation alpiner Landschaften im Zeichen ihrer touristischen Vermarktung, auf die sich Linke im zweiten Teil des Abends mit seiner preisgekrönten Arbeit ALPI/ ALPEN konzentrierte, führte schließlich auch zur zentralen Fragestellung der anschließenden Podiumsdiskussion: Wie kann die nicht mehr umkehrbare Verstädterung des alpinen Raums zum positiven Modell einer intelligenten Urbanisierung weitergedacht werden? Welche Strategien lassen sich für die Alpen entwickeln, deren Landschaft gewaltig und sensibel zugleich ist und gerade deshalb eine besondere Herausforderung hinsichtlich innovativer Lösungsansätze darstellt?
Im Lauf der Diskussion wurde sichtbar, dass der Tourismus gleichzeitig Basis des ökonomischen Erfolgs wie auch größtes Hindernis einer nachhaltigen Entwicklung der Alpen ist. Auf der Suche nach alternativen Formen des Tourismus kommt der Produktion von Bildern der Alpen eine sicherlich nicht unwesentliche Bedeutung bei der Konstituierung touristischer Erwartungshaltungen zu. Armin Linke entwirft dabei in seinen Fotografien Perspektiven, die, im kompromisslosen Blick auf die vom Menschen transformierte Natur, eine ungewöhnliche Sicht auf die Alpen bieten - mit im Übrigen durchaus ästhetischer Komponente. Abseits von Postkartenmotiven sensibilisieren seine Bilder für eine Poesie des Banalen, die sich zuweilen erst auf den zweiten Blick erschließt.(1) Regina Barth-Grössler, Theo Deutinger: European Central Park, in: GAM. Tourismus und Landschaft, Springer-Verlag/Wien, 2004.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Nachlese
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