Die Lehren der Lehrer
In der blutigen Schlacht um das “Phantom Schulreform“ und den Lehrerstreik haben mir während der letzten Tage zwei Personen viel beigebracht. Die eine war der bekannte Politologe Anton Pelinka mit seinem Beitrag „Die Zweiklassengesellschaft“ in der letzten Ausgabe der „Zeit“. Die andere Person war die weniger bekannte Katharina Z., eine baumlange, bärenstarke Textilfachfrau aus Vorarlberg mit einer heftigen Vorliebe für Rotwein und Extremrudern auf dem Bregenzer See. Pelinka hält fest, dass die Arbeitnehmer neuerdings in zwei Klassen auseinanderfallen. Die Mehrheit setzt sich aus Arbeitnehmern zusammen, die, weil ihre Arbeitsplätze sich leicht in Billiglohnländer transferieren lassen, dem Druck der Globalisierung ausgesetzt sind. Die Restlichen erbringen Leistungen für die Öffentlichkeit, die bisher jedenfalls nicht einfach in andere Länder ausgelagert werden können. Dazu gehören die Rechtsprechung, der öffentliche Verkehr", die Exekutive und - ja doch! – auch das Schulsystem.
In einer Verkehrung der historischen Entwicklung sind die Arbeiter als Speerspitze des Arbeitskampfes ziemlich stumpf geworden und die Beamten als ehemaligen Vertreter der Obrigkeit zu wackeren Recken sozialer Gerechtigkeit mutiert. (Klassenkämpfer wäre doch etwas ….übertrieben). Tatsächlich sind sie, weil eben unverzichtbar, die einzigen, bei denen Streik noch wirkt. Deshalb wird Katharina Z., herzensgut und leistungswillig wie sie nun einmal ist, auch nicht müde, sich über die vielen Millionen zu erregen, die der Streik dieser „privilegierten“ Lehrerschaft die Steuerzahler kostet. Und auch für die wegen dieses einen Streiktages zur Aufsicht verdonnerten Eltern bzw. deren Vertreter scheint der Bruch der morgendlichen Routine eine Katastrophe darzustellen, beinah so einschneidend wie der Finanzcrash selbst.
Bei allem Beschwören des Streikrechtes haben sich seine stillschweigenden, gewissermaßen mentalen Rahmenbedingungen um 180 Grad gedreht. Ein Arbeitskampf wird nicht mehr als legitime Auseinandersetzung gegen eine vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtigkeit empfunden. Legitim ist vielmehr die willenlose Akzeptanz eines globalen Unrechtssystems. Und illegitim ist daher jeder Arbeitskampf, der die natürliche Ruhe einer von Jobangst getriebenen Leistungsgesellschaft stört. Statt also die „unnatürlichen“ Möglichkeiten der Beamtenschaft zu reklamieren, bestehen die Arbeitnehmer darauf, dass ihre prekären Bedingungen generell für alle gelten. Wenn es nicht überall ungerecht zugeht, gibt es keine Gerechtigkeit.
Den Ausweg bietet wie immer der „Washingtoner Konsens“: Zurückfahren des öffentlichen Sektors, Aufheben von Handelsbarrieren, Freizügigkeit von Dienstleistungen.
Die internationale Mafia könnte sich beispielsweise auf Provisionsbasis um das Justizwesen kümmern, die Asylwerber – Learning By Doing – wären prädestiniert für den Schulbetrieb und freiwillige, nationale Selbsthilfegruppen stehen liebenswürdigerweise ja schon länger bereit, um die Aufgaben der Exekutive zu übernehmen.
Dann gäbe es keine teuren Streiks mehr! Hiesige Arbeitnehmer rissen sich endlich am Riemen und akzeptierten freudig ein internationales, also wenigstens chinesisches Lohnniveau. Und die damit verbundenen Einsparungen setzten die Regierung in die Lage ein neues Hilfspaket für die Not leidenden Banken zu schnüren. Aber so weit ist es leider noch nicht. Bis es soweit ist, gilt es, sich stilvoll im Prekariat einzurichten. Den Architekten, hoch qualifizierten aber häufig unterbeschäftigten Freien Unternehmern, kommt dabei durchaus eine schmerzhafte Vorbildfunktion zu.
- Verfasser/in:
- Wilhelm Hengstler, Glosse
