Die Kunst der Universalpoesie – Wolfgang Buchner in der Neuen Galerie
„Gewinnt ein Bild an Gewicht, sinkt es im Bewusstseinsmeer und bewirkt, wie eintauchende Schwimmkörper in Flüssigkeiten, einen Auftrieb anderer Bildkörper, selbst an entferntesten Orten des Bewusstseinsmeers.“ Wolfgang Buchner
Salinen sind für den Künstler-Philosophen Wolfgang Buchner „Orte der Kristallisation“ und „Gleichnisse jener Strömungen, welche die Weltstoffe durch das Bewusstsein des Menschen treiben, wo sie allmählich, ähnlich der Sole in den Salzfeldern der Meeressalinen, einen Bodensatz bilden und als Traum oder Werk in Erscheinung treten“.
1994, als Beitrag zur Ausstellung „Styrian Window“ in der Neuen Galerie, nahmen Buchners Salinenprojekte ihren Ausgang mit den assoziativ analytischen Modellen unter dem Titel „Die Saline des Felsendoms“. Ihnen sollten Studien und weitere Modelle zu den Salinen von Triest und schließlich zur „Saline des Falken“, präsentiert im Jahr 2002, folgen. Durchwegs begibt sich der 1946 in Mürzzuschlag geborene und in Graz lebende Wolfgang Buchner in seinen Arbeiten auf die Suche nach Korrespondenzen respektive Analogien zwischen Phänomenen der Natur, dem Denken und kategorisierender Wahrnehmung der Welt. Ein dialektischer, wenn auch sehr subjektiver Prozess führt in die Umsetzung von Objekten, die so vielleicht weniger als autonome Kunstwerke, vielmehr als anschauliche Ergebnisse des persönlichen Erkenntnisgewinns erscheinen.
In den Salinenmodellen weist Buchner „Korrespondenzen zwischen Kastell und Saline“ nach. Ausgehend von den Grundrissen des Jerusalemer Felsendoms und des Castel del Monte in Apulien führt ein narrativer Strang über formale und historische Vergleiche zur Gewinnung von Meeressalz und über dessen kristalline Struktur wieder zu Vergleichen mit den historischen Bauten. „Die Saline des Falken“ stellt eine Assoziation zum Erbauer des Castel del Monte her, dem Stauferkaiser Friedrich II, der von Zeitgenossen auch stupor mundi genannt wurde, „Wunder der Welt“ als Staatsmann und Dichter, Feldherr und Wissenschafter. Buchners Erzählung führt hier noch weiter zum Modell eines gleichermaßen phantastischen wie mit den Maschinen des arabischen Ingenieurs Al Jazaris, eines Zeitgenossen Friedrichs, vergleichbaren Bohrwerkes, dessen Spindel und Bohrer über ein Getriebe mit vier Windrädern verbunden sind.
Bildwerke, Dokumente und poetische Modelle
In dieser Ausstellung von „Bildwerken, Dokumenten und poetischen Modellen“ über den Arbeitszeitraum von 1968 bis in die Gegenwart erweist sich Wolfgang Buchner als virtuoser Handwerker, Zeichner, Maler, Bildhauer, Autor und Arrangeur von Installationen im Raum. Buchner ist im besten Sinn ein Einmann-Betrieb, der seine Themen in Bereichen der Natur- , Wirtschafts- und Technologiegeschichte (Salzbergbau) oder, im weit gefassten Sinn, der Philosophie findet und über analogisches Vergleichen miteinander verbindet. Solcherart – und er selbst sagt, alles sei mit allem Verbunden – könnte man ihn in der Nachfolge von Alchimie und neuplatonischem Denken ansiedeln, nachdem sich in Buchners Arbeiten auch immer wieder zeigt, wie das Kleine im Großen enthalten ist. Der „Alchemilla“, kleine Alchimistin, beziehungsweise dem „Frauenmantel“ ist eine Serie von ursprünglich aquarellierten Bildfolien gewidmet; die Blattgeometrie der alten Heilpflanze stand am Anfang der künstlerischen Gestaltung einer Grazer Geburtenstation und ist nun in der Neuen Galerie zu sehen.
Kuratorin der Ausstellung unter dem Titel „Rotsalz im Herbstberg“ ist Christa Steinle. Ausstellungskonzept und Ausstellungsplan stammen aber ebenfalls von Buchner selbst, der Katalog zur Ausstellung, von ihm selbst verfasst, handelt vorrangig von Buchners Japanaufenthalt im Jahr 1999 und ist der erste Band einer geplanten Reihe zum Gesamtkatalog über sein Werk. Im Ausstellungs-Feld „Tauweg“, so auch der Katalogtitel, finden sich in einem japanischen Pavillon eine Reihe von aquarellierten Zeichnungen der „tsuyukusa“. Die „tsuyukusa“ ist eine nur nachts blau blühende Taublume, „ein fröhliches Geschöpf“ nennt sie der Künstler, mit der Schönheit und Vergänglichkeit in der japanischen Kultur verbunden werden. Das Bild der blauen Taublume führt bei Buchner allerdings auch zu Novalis’ „blauer Blume“. In dessen unvollendetem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ (1802) ist sie ein Symbol für das Streben nach stufenweiser Welterkenntnis, ebenso wie für den Wunsch des Helden, die Welt kraft der schöpferischen Phantasie in eine der Schönheit zu verwandeln.
Novalis, Wegener und Bach
An der Universität Graz studierte Wolfgang Buchner Philosophie, er beschäftigte sich mit Werken der Alten und Neuen Musik wie jenen von Johann Sebastian Bach und György Ligeti, mit Literatur der Romantik, vor allem Novalis’. Zudem setzte sich Buchner intensiv mit Botanik, Mineralogie und Geologie auseinander.
Über Novalis nun führt wohl die deutlichste Spur zu Buchners Werk. Er zitiert den Dichter, der in seinem „Heinrich“ dem „Naturpoeten“ die Gestalt des „Kunstpoeten“ zur Seite stellt: „Es ist gar nichts Besonderes, es ist die eigentliche Handlungsweise des menschlichen Geistes. Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute?“ Der gemeinhin auf seine frühromantischen Dichtungen reduzierte Sohn eines Salinendirektors war ab 1796 Akzessist an der Salinendirektion in Weißenfels, Sachsen-Anhalt, hatte Bergwerkskunde, Chemie und Mathematik studiert, um schließlich als Salinenassessor angestellt zu werden. Kaum bekannt, von Buchner aber nicht allein in den Zusammenhang mit der rezenten Ausstellung gebracht, stammt von Novalis, eigentlich Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, (1772-1801), eine naturwissenschaftlich-philosophische Aphorismensammlung, in der er immer wieder auf technische Verfahren und Erkenntnisse der Salzgewinnung rekurriert.
Im Ausstellungsplan über acht Räume und 14 Ausstellungs-Felder findet sich so auch eines, benannt „Salzfeld Alpin“, in dem Buchner von der „Korrespondenz eines Salzbergs mit Herbstlaub“ erzählt. Hier, und in Analogie zwischen maritimer und alpiner Salzgewinnung, sind ein mächtiger Block Rotsalz, alte Kartenwerke der Salinen in Altaussee und ein Modell des Berges mit Stollensystemen, von einem Salinenmeister im 19. Jahrhundert akribisch nachgebildet, versammelt. Dem gegenüber stehen Buchners poetische Modelle von „Geburt, Stoff und Tod des Erzes“ (1984) beziehungsweise das von ihm nachgebildete Modell eines Gradierwerkes, an dem Sole über Rutenbündel gepumpt wurde und nach Verdunstung Salz abfiel.
Eine polyphone Komposition von Bach dagegen hat Wolfgang Buchner gewissermaßen dekomponiert und auf meterlangen Papierbahnen in einzelnen Stimmen grafisch und scheinbar räumlich wiedergegeben. Diese Übersetzung vormals akustischer Raumkunst gleicht nun einer in den Raum sich ausweitenden Partitur der Buchnerschen Variation.
In einem weiteren Feld wiederum erweist der Künstler-Forscher dem Meteorologen, Geophysiker und Grönland-Forscher Alfred Wegener seine Reverenz. In kleinen Schaukästen, den „Arktischen Boxen“, erstellt Buchner Panoptiken über transparente Reproduktionen von Wegeners Fotografien. Jede Box enthält auch frühe grafische Darstellungen, in denen Wegener die Bewegung der Kontinente veranschaulichte. Ähnlich „Schneekästen“, nach Wilson A Bentleys ersten Fotografien von Schneekristallen. „Schneewerke“, in diesem Zusammenhang, sind Papierskulpturen, die Buchner 1981 während des Winters in Wörschachwald fertigte.
In „Analogie“ zur Arbeitsweise von Novalis könnte man Wolfgang Buchners – um hier nicht länger die noch weit größere Ausstellung beschreiben zu wollen – wie gleichkommend einer Sehnsucht nach einer Universalpoesie verstehen, nach der über das Prinzip der Analogie die Dinge zueinander in Beziehung gesetzt sein wollen.
Die Ausstellung „Rotsalz im Herbstberg“ mit Arbeiten von Wolfgang Buchner ist bis zum 13. April in der Neuen Galerie Graz zu sehen.
RAHMENPROGRAMM:
Im Rahmenprogramm halten am Donnerstag, 12. März, um 19.00 Uhr, Götz Pochat und Hasso Hohmann Vorträge; am Donnerstag, 26. März, 19.00 Uhr, Ulrich Foelsche und Wolfgang Müller-Funk.
Im Artist’s Talk am Donnerstag, 19. März um 19.00 Uhr, spricht Wolfgang Buchner mit Christa Steinle.
Wolfgang Buchner führt am Sonntag, 5. April, ab 11.00 Uhr durch die Ausstellung.
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek, Rezension
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