„Die Kraft der Architektur liegt darin, einen Kontext in einen anderen zu transformieren."

Am Abend des 27. Aprils war der französische Architekt Dominique Perrault auf Einladung von XAL und dem HDA in Graz und sprach anhand zehn seiner Projekte über „l'archite

11/05/2011

Ein Baum, umbaut mit Glaswänden. Innen und außen, Transparenz und Geschlossenheit, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Präsenz. Die Konzeptarbeit Kolonihavehus bei Kopenhagen beschreibt die Haltung Dominique Perraults zur Beziehung von Architektur und Natur, der Rolle von Oberflächen (je nach Blickwinkel und Lichtsituation dominieren das Glas oder der Baum) und Grenzen. Die geometrischen, mitunter fast minimalistischen Formen seiner Entwürfe lassen Raum und Natur den Vortritt. Sie leben von der Spannung zwischen Umwelt und Gebautem.

Am Abend des 27. Aprils war der französische Architekt auf Einladung von XAL und dem HDA in Graz und sprach anhand zehn seiner Projekte über „l'architecture", „le contexte" und „le vide". Den würdigen Rahmen bot das gerade erst fertiggestellte LED Competence Center am XAL Headquarter, geplant von den Grazer Architekten INNOCAD. Am Beginn des Vortrags stand das Bauwerk, das den Anfang von Perraults internationaler Karriere markiert: Die Bibliothèque Nationale de France, das beeindruckendste und wohl meistdiskutierte der Denkmäler, die sich der frühere französische Präsident François Mitterand in Paris gesetzt hat. Die Kritik an der mangelnden Funktionalität des Baus interessiert Perrault wenig – für ihn zählt die große Idee hinter dem Entwurf. Die vier Türme in Form von geöffneten Büchern definieren einen Leerraum; in einem Teil von Paris, der sich seit der Errichtung der Bibliothek im Jahr 1996 von einer leeren suburbanen Wüste zu einem dichten Stadtteil entwickelt hat. Die dialektische Beziehung von Void und Solid zieht sich als Entwurfsprinzip und als Theorie durch Perraults Schaffen. Erst vor Kurzem thematisierte er die Qualität und Unverzichtbarkeit urbaner Leerräume im von ihm kuratierten französischen Pavillon auf der Architekturbiennale 2010 in Venedig.

Vielen Entwürfen von Perrault ist eine – vielleicht typisch französische – Lust am Zweideutigen anzumerken, etwa einem Conference Center in Saint Germain en Laye (1991). Eine alte Villa wird erhalten und restauriert, die neuen unterirdischen Räume werden über einen Ring aus Glas, der sich wie ein Burggraben um den Bestand legt, belichtet. In dem Entwurf geht es nicht darum, das Gebäude zu inszenieren, sondern eine spezifische, die Landschaft transformierende Situation zu schaffen. Die Brücke über den gläsernen Burggraben ist dabei das ironische Tüpfelchen auf dem „i". Ähnlich geht Perrault beim Umbau des Musée Dobrée in Nantes vor, wo der Zubau unter den drei heterogenen Bestandsgebäuden errichtet wird. Der Entwurf spielt mit dem Existierenden, einem Ort, der von der Geschichte und der Kultur der Stadt geschaffen wurde. Architektur, Natur und Himmel spiegeln sich in den fließenden Glasflächen, die als ebene Grafik zwischen den Gebäuden die darunterliegenden Räume erahnen lassen. Die charakteristische Qualität des Ortes wird durch die Transformation nicht nur erhalten, sondern sogar intensiviert.

In die Tiefe entwickelt sich auch das 2008 fertiggestellte Campus Center für die rund 20.000 Studentinnen der Ewha Womens University in Seoul. Sich auf die ursprüngliche Landschaft beziehend, grabt Perrault ein künstliches Tal in die Erde, dessen Flanken eine Vielzahl an Services für die Studentinnen aufnehmen, von Café und Restaurant über eine Bibliothek, Arbeitsräume und Sporteinrichtungen bis hin zu einem Kino. Das Tal definiert den Haupteingang zum Campus neu und bildet das Herzstück des Geländes. Ohne, dass es der ausschlaggebende Entwurfsgedanke gewesen wäre, erwies sich das Gebäude durch die großflächigen Glasfassaden und das begrünte Dach auch als überaus energiesparend. Das „Campus Valley" ist eine Landmark mit einer dafür sehr unüblichen Haltung: Es strebt nicht in die Höhe, sondern verschwindet in der Erde.

Noch größere Dimensionen entfaltet das Projekt „Madrid RIO“. Nahe dem Zentrum der spanischen Hauptstadt Madrid wurde in den letzten Jahren entlang des Manzanares die Stadtautobahn unter die Erde verlegt und der entstandene Freiraum zu einem begrünten Erholungsgebiet entwickelt. Ein Schmuckstück ist Perraults Ende März eröffnete „Arganzuela“-Fußgängerbrücke, die nicht nur den Fluss und einen neu angelegten See überspannt und damit zwei bisher getrennte Stadtteile verbindet, sondern die in der Mitte aufbricht und einen Eingang zum Park entstehen lässt. Der Weg über die zwei konischen Brückenhälften wird von einem spiralförmig gewickelten metallenen Band tagsüber beschattet und ist nachts hell erleuchtet. Der üblicherweise ausschließlich transitorische Raum einer Brücke wird zu einem urbanen Aufenthaltsraum.

Den Abschluss des, in ausgesprochen charmantem, französisch akzentuiertem Englisch gehaltenen Vortrags bildete ein kurzer Blick auf die DC Towers in Wien, deren erster sich gerade in Bau befindet. Die Intention des Entwurfs der beiden Türme als neues Tor zur Stadt war nicht deren unbestrittene Qualität als Landmark, sondern die Schaffung einer bisher verwehrten Verbindung der Donaucity mit dem Flussufer und der urbanen Skyline des historischen Wiens. Der Leerraum zwischen den Türmen ist Dominique Perrault dabei wichtiger als die beiden Volumen selbst. Öffentliche Freiräume bringen – richtig umgesetzt – die Körper einer Stadt miteinander in Beziehung, wirken nicht als trennendes, sondern als verbindendes Element. Sie sind der Raum, in dem sich die Stadt des 21. Jahrhunderts abspielt.

Verfasser/in:
Martin Grabner, Bericht

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Dominique Perrault, französischer Architekt, spricht über Architektur und Kontext, ...
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... Präsenz und Abwesenheit, Void und Solid.
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Nach dem Vortrag lud XAL zu Musik, Getränken und Buffet in den Showroom. Fotos: Josephine Hetkamp

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