Architektur Graz in der Bredouille: Nach der Causa Schwarzenegger droht der Stadt mit dem Verlust des Weltkulturerbestatus ein weiterer Liebesentzug.
Die Attacke kam von unerwarteter Seite: "Was heißt schon Welt?", ätzte der angesehene Architekturkritiker Friedrich Achleitner in einem 2005 erschienenen Kommentar zum Thema Weltkulturerbe über das anmaßende Gehabe, das mit der prominenten Auszeichnung einhergeht. Achleitner, lange Jahre Verfechter des Erhalts historischer Bausubstanz, rät heute dringend zur Beendigung jener "peinlichen Weltmeisterschaft", deren allumfassender Schutz von historischem Erbe das neue, also künftige Erbe verhindere: "Soll man jenen, die mit dem Schutz des Bestehenden befasst sind, auch die Zukunft überlassen?"
Die Zeiten ändern sich. In Graz, das 1999 den Titel "Weltkulturerbe" für seine innerstädtische Dachlandschaft erhielt, mehren sich seit geraumer Zeit die Zweifel am Wert der Auszeichnung, die immer mehr als Bürde empfunden wird. Die Stadt befindet sich damit in unerwarteter Gesellschaft mit Köln, das die Rückgabe des Titels zugunsten eines Hochhausbaus jüngst ernsthaft in Erwägung zog, oder Innsbruck, das seine Bewerbung um eine Aufnahme in die illustre Liste wegen zu erwartender Einschränkungen in der Stadtentwicklung zurückgezogen hat.
Aktueller Anlass der Grazer Zweifel ist die Debatte um die Ausbaupläne des Kaufhauses Kastner und Öhler. Das aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt der spanischen Architekten Nieto Sobejano sieht die Aufstockung des Haupthauses in der Sackstraße um ein volles Geschoß vor. Der Entwurf nimmt die vorherrschende Zeilenstruktur der mittelalterlichen Dächer auf und setzt sie intelligent in Form großzügiger Oberlichten im Inneren fort. Alle Grazer Stadtparteien, aber auch Stadtplanungsamt und Altstadt-Sachverständigenkommission ASVK hatten sich hinter das ambitionierte Bauvorhaben gestellt. Die Fachorganisation für Denkmalpflege, Icomos, Hüterin des Weltkulturerbes, war dagegen bereits im Vorfeld des Wettbewerbs mit einer derart massiven Volumsvermehrung des Kaufhauses nicht einverstanden gewesen und sah von einer Teilnahme an der Wettbewerbsjury ab. Jetzt, nach Vorlage des Wettbewerbsergebnisses, muss der schwelende Konflikt erneut ausgetragen werden. Als nicht klug bezeichnet daher Wilfried Lipp, Präsident der Icomos Österreich, die getätigte Vorgehensweise: "Graz hat sich in ein Dilemma hineinmanövriert."
Nach Thalia-Ausbau und Kommod-Abbruch war Icomos in Sachen Graz sensibilisiert: Kurzfristig wurde in der Causa Kastner gar daran gedacht, die Stadt als letzte Warnung vor Aberkennung des prestigeträchtigen Titels auf die rote Liste der Unesco zu setzen. Bei einer Sitzung am 17. Jänner von Unesco und Icomos International in Paris wurde nun entschieden, eine Kommission mit der Erstellung eines Gutachtens zum Projekt von Kastner und Öhler zu beauftragen. Deren Urteil ist Grundlage für weitere Handlungsschritte der Unesco und wird noch im Frühjahr erwartet. Ironie am Rande: Bei derselben Sitzung wurde auch über einen Antrag der Stadt Graz für die Ernennung von Schloss Eggenberg zum Weltkulturerbe entschieden. "Es gibt keine wirkliche politische Willensbildung", kritisiert Lipp den Grazer Zickzackkurs. "Es ist nicht damit getan, sich einen Orden anzuheften.
Mit dem Weltkulturerbe gehen handfeste Verpflichtungen zum Erhalt
historischer Substanz einher."
In Graz wird derweil laut über einen Ausstieg aus dem "Weltkulturerbe" nachgedacht. Graz-Tourismus-Chef Dieter Hardt-Stremayr gab zu Protokoll, dass der Titel angesichts von insgesamt 150 Weltkulturerbe-Stadtensembles touristisch eigentlich keinen Wert habe: "Die Altstadt von Graz ist und bleibt Hauptargument im touristischen Bereich, egal ob sie die offizielle Weltkulturerbestampiglie trägt oder nicht." Unerwartet deutlich äußerte sich auch die Vorsitzende der ASVK, Gertrude Celedin: Sie gäbe dem Kastner-Ausbau den Vorzug und schlägt in letzter Konsequenz die Rückgabe des Titels vor.
Eine Sichtweise, die für Landeskonservator Friedrich Bouvier unverständlich ist, zumal sich die Grazer Stadtregierung Jahrzehnte um die Auszeichnung bemüht hatte: "Die Rückgabe wäre eine internationale Peinlichkeit." In Hinblick auf Kastner und Öhler kritisiert er die Vorgehensweise, zunächst durch einen Wettbewerb vollendete Tatsachen zu schaffen, die Frage des Bauvolumens aber erst im Anschluss zu klären. "Und wenn die Unesco mit der roten Liste droht, wird gesagt: Na ja, schmeißen wir das Weltkulturerbe halt über Bord." Hinter der geschlossenen Unterstützung des Bauvorhabens durch die Grazer Stadtregierung vermutet Bouvier vor allem die Interessen Wirtschaftstreibender, nicht zuletzt in Person des amtierenden Grazer Bürgermeisters. Siegfried Nagls Pressesprecher Thomas Rajakovics lässt wissen, dass die Androhung eines Wegzugs von Kastner und Öhler aus der Innenstadt "immer wieder" im Raum gestanden sei; die Innenstadt brauche das Kaufhaus allerdings ebenso wie umgekehrt.
Während man im Rathaus um Konsensbildung mit der Icomos in der heiklen Angelegenheit bemüht ist, findet Bouvier die Haltung Innsbrucks, dem Weltkulturerbe erst gar nicht beizutreten, ehrlicher.
Auch Hardt-Stremayr ist für eine klarere Positionierung der Stadt –im Zweifelsfall zugunsten engagierter zeitgenössischer Architektur, deren touristische Verwertbarkeit für ihn zweifelsfrei gegeben ist. Und Friedrich Achleitner hätte auch einen Rat: Da Weltkulturerbestätten vor allem unter den dadurch angezogenen Touristenmassen litten, empfiehlt er zum Schutz historischen Erbes vor allem eines - dessen Geheimhaltung.Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Kommentar; erschienen im Falter Stmk. Nr. 4/06
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