Wir schreiben den 2. Mai 2011 und ich habe endlich eine unverschlossene Stiege nach oben gefunden. Ich kämpfe mich die acht Stockwerke des chinesischen Mietshauses hinauf und stehe schließlich mitten in einem anderen Hongkong.
Topfpflanzen markieren die Hauptachse einer kleinen Ansammlung von Häusern. Gummistiefel halten den Wäscheständer gerade. Mitten im Stadtteil Mongkok bin ich plötzlich in einem von Hochhäusern umrandeten Dorf gelandet.
Alle Eigenschaften eines Dorfes sind hier zugegen. Ein kleinteiliges, fast labyrinthisches Gefüge von Kleinwohnungen, Nachbarn, die unsere Ankunft neugierig beäugen und Katzen, die auf den Wellblechdächern die Nachmittagssonne genießen. Doch anstatt auf chinesischem Boden, haben sich die Bewohner als Basis des Dorfes ein Dach eines alten chinesischen Mietshauses aus den 70ern ausgesucht.
Diese halblegalen „Dachdörfer“ wurden aus akuter Platznot in der von über 7,1 Millionen Menschen bewohnten Stadt gegründet. Hongkong erstreckt sich über 1104 km², aber nur 25 % können aufgrund topographischer und gesetzlicher Gründe bebaut und bewohnt werden. Hongkong weist zwar weltweit eine der höchsten Zahlen für soziale Wohnbauten auf, dennoch ist das Regelwerk, eine Wohnung zu bekommen, starr und bietet vor allem für neu angekommene Immigranten so gut wie keine Chancen. Um für eine soziale Wohnung in Frage zu kommen, muss man bereits mindestens sieben Jahren legal in Hongkong gewohnt haben und eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis vorweisen können.
Ich passiere eine bunt bemalte Blechhütte, auf der mit blauer Farbe Pakistan geschrieben steht, direkt daneben ist die Hausnummer 26 zu lesen.
Dieser umgebaute Stadtraum ist ein Teil von Hongkong geworden, nicht nur auf infrastruktureller Ebene durch Einbindung ins städtische Strom- und Wassernetz, sondern auch auf magistraler Ebene.
Die Dachfläche wurde damals von den jetzigen Besitzern rechtmäßig als Grundstück sehr günstig erworben und später weitervermietet. Jede dieser Wohnungen in Minimalgröße besitzt eine Hausnummer und eine reguläre Postadresse.
Über ein dichtes Netz aus Leitern und schmalen Stiegen kommt man in immer weiter verzweigte Nebenstraßen. In der kleinen Hütte neben mir schaut die Großmutter mit ihrer Enkelin kantonesische Fernsehserien, während der Großvater in einem offenen Zwischenteil der Wohnung kocht. Die Grenzen zwischen außen und innen, privat und öffentlich verschwimmen hier und tragen viel zum Sicherheitsgefüge der Wohngemeinschaft bei. Du darfst einen Einblick erhaschen, unter der Bedingung, selbst in den Mittelpunkt der Beobachtungen zu geraten.
Doch dieser Selbstschutzmechanismus und die Unsichtbarkeit vom Straßenniveau Hongkongs aus reichen nicht aus, um den Bewohnern genügend Schutz zum Überleben zu bieten. Die Stadt Hongkong benötigt die Grundstücke für neue anonyme Wohnbauten und verglaste Büroriesen. Aussiedlungen, nächtliche Überfälle und Zerstörung der Häuser prägen die Zukunft der Bewohner. Durch die Aussiedlung in die weit entfernten Satellitenstädte droht vielen Familien und Migranten die soziale und berufliche Isolation. Ohne das soziale Netzwerk und die Identität, die diese Dörfer vermitteln, verlieren sich die Migranten in der Anonymität der Großstadt. Die Dörfer auf den Dächern von Tai Kok Tsui sind ein Zeichen für den Bedarf an mehr Wohnbauten für Migranten, für die Enge Hongkongs und gleichzeitig die räumlichen Möglichkeiten dieser Stadt.
- Verfasser/in:
- Daniela Mitterberger, Reisebericht