Die ausgesetzte Kunst

"Kunst im öffentlichen Raum Steiermark. Art in Public Space Styria. Projekte / Projects 2007-2008", von Werner Fenz, Evelyn Kraus und Birgit Kulterer (Hg.).

16/07/2010

Längst denkt die Kunst über ihren institutionalisierten Rahmen hinaus. Mit wechselnden Ansprüchen. Gemessen an den alten Maßstäben der Ästhetik besitzt etwa auch ein Kreisverkehr genug Kunstpotential. Immerhin schafft er Niemandsland, kreist etwas ein, das dank ihm in seiner Nutzlosigkeit hervorgehoben ist und auch alle Voraussetzungen mitbringt, mit interesselosem Wohlgefallen betrachtet zu werden. So ein Kreisverkehr schreit förmlich danach, ein Ort der Kunst zu sein, also ein formschönes Etwas in sich aufzunehmen, das dann die beim Umkreisen ohnehin reichlich geweckten Fliehkräfte ins Unermessliche zu steigern vermag.

In der Steiermark hätte man weit weniger Probleme, den Begriff „Kunst im öffentlichen Raum“ nach wie vor in solchen und ähnlichen Gestaltungshöchstleistungen erschöpfend verkörpert zu sehen, gäbe es nicht das kunstwissenschaftlich fundierte, vor allem von Werner Fenz seit Jahren aufgebrachte Bestreben, darunter etwas ganz anderes zu verstehen.

Es war einmal viel einfacher: „Kunst im öffentlichen Raum“ war vor allem „Kunst am Bau“. Emaillierte Reliefs, buntscheckige Mosaike, krude aus Sandstein gemeißelte Figuren hatten ihren gesetzlich zuerkannten Platz an der Fassade, freischaffende Künstler ihr gleichsam geregeltes Einkommen. Ausblicke ins Paradies, hüpfende Kinder oder abstrakte Motive trotzten der Banalität des Gemeindebaus. Nachdem die Sinnhaftigkeit von Nachkriegsverschönerungen dieser Art ausreichend bewiesen war und sich auch die Kunst vom vielfach strapazierten Schlagwort „Site specifity“ langsam verabschiedet, ist man auch hierzulande für neue Konzeptionen frei. Die Strategien zur Entlarvung der längst angefeindeten „Drop sculpture“, die der steirische herbst im letzten Jahr unter dem Titel „Utopie und Monument“ begonnen hat und dieses Jahr im zweiten Teil der von Sabine Breitwieser kuratierten Ausstellung im öffentlichen Raum fortsetzen wird, kommen tatsächlich ein wenig spät. Seit 2005 gibt es auch in der Steiermark ein neues, am niederösterreichischen Modell orientiertes Kunst- und Kulturförderungsgesetz, seit 2006 sind hier künstlerische Projekte entstanden, die sich zwar nicht samt und sonders von der utopischen Vorstellung einer Kunst-für-alle oder dem Wunsch nach einzementierten Monumenten des Schönen und Guten verabschiedet haben, aber doch mehrheitlich daran gehen, Wahrnehmungen zu verändern, Handlungs- und Diskussionsräume zu eröffnen, der Öffentlichkeit gesellschaftspolitisch ausgerichtete Impulse zu liefern oder auf bestehende künstlerische Aktivitäten aufmerksam zu machen. Und sie tun das als oft nur temporäre, auf den ersten Blick manchmal gar nicht erkennbare Infiltrationen des Alltags.

Begleitet werden sie dabei vom Mitte 2006 gegründeten Institut für Kunst im öffentlichen Raum, das im ersten Band einer als Jahrbuch gedachten Publikationsreihe 27 zwischen 2007 und 2008 realisierte Projekte vorstellt, bespricht und dokumentiert: Von Fränk Zimmers Installation aus 18 hängenden Klangobjekten, die 2007 in der Halle des Grazer Hauptbahnhofs Datenströme und Übertragungsgeschwindigkeiten der 18 Netzwerkknoten der Netzkunstplattform mur.at real erlebbar machte bis hin zu Michael Schusters „*MIT DER BITTE UM KENNTNISNAHME“ wechselnd eingefärbter Lichtschrift am W.E.I.Z. in Weiz. Allesamt Zeugnis unterschiedlicher und oft unkonventioneller Vorstellungen darüber, was eine der Öffentlichkeit so barrierefrei wie schutzlos ausgesetzte Kunst thematisieren kann oder welcher Medien sie sich dabei bedienen soll.

Einleitende Essays setzen sich mit der zeitgenössischen Rolle des Denkmals auseinander, beleuchten den Begriff des öffentlichen Raums, zeichnen die Entwicklungen nach, welche die Kunst im öffentlichen Raum bis hin zu ihrer aktuellsten Definition als „Kunst im öffentlichen Interesse“ in der Steiermark durchlaufen ist. Pointiert loten Marius Babias, Paolo Bianchi, Brigitte Franzen, Sabine B. Vogel und Anselm Wagner die Bedeutung der Kunst im öffentlichen Raum für eine demokratische Öffentlichkeit aus, wägen die Sinnhaftigkeit temporärer Interventionen und permanenter Installationen gegeneinander ab und reflektieren den Stellenwert, die dem Thema im aktuellen Kunstdiskurs zukommt. Dass sich auch hier nicht mehr alles nur im Kreis dreht, wird die Veröffentlichung zwar kaum bewirken können, einen soliden Beitrag zur Diskussion eines denkbar breiten Themenfeldes liefert sie allemal und sichert der Nachwelt obendrein vieles, was eigentlich ephemer sein hätte sollen. Ein zweiter Band wird im September 2010 folgen.

Kunst im öffentlichen Raum Steiermark. Art in Public Space Styria.

Projekte / Projects 2007-2008

Fenz, Werner; Kraus, Evelyn; Kulterer, Birgit (Hg.)

1st Edition. 2010, Springer-Verlag

344 S. 379 Abb. in Farbe., Softcover

ISBN: 978-3-7091-0118-6

Verfasser/in:
Ulrich Tragatschnig, Buchrezension

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