Die Anwendung der Kunst – Franz West im Kunsthaus Graz

Mit „Autotheater, Köln – Neapel – Graz“ zeigt das Kunsthaus Graz die erste große Retrospektive auf das Werk von Franz West mit rund 30 Arbeiten seit 1972 bis heute.

04/11/2010

Mit „Autotheater, Köln – Neapel – Graz“ zeigt das Kunsthaus Graz die erste große Retrospektive auf das Werk von Franz West mit rund 30 Arbeiten seit 1972 bis heute.

In Zusammenarbeit mit dem Museum Ludwig in Köln und dem MADRE in Neapel ist, nach diesen Stationen, Franz Wests „Autotheater“ nun in Graz zu sehen – und teilweise zu benutzen. Der Titel bereits ist Aufforderung an die Besucher, nicht nur anzusehen, sondern quasi performativ in die Ausstellung einzugreifen. Bestimmte Objekte und Installationen sind demnach mit einem Piktogramm gekennzeichnet und etwa am Beispiel der „Passstücke“ steht es dem Publikum frei, diese an den Körper anzulegen um, wie es zu deren Erfindung 1977 noch intendiert war, „Neurosen zu plastischer Gestalt“ zu verhelfen und um in eigener Beobachtung festzustellen, welche Empfindungen nun ausgelöst würden. „Integral“ (1997) dagegen ist eine Kabine, an der man aufgefordert wird, einzutreten und heftig zu gestikulieren, um so dem Titel des Objekts zu entsprechen. Gleich eingangs steht da außerdem ein Paravent, dahinter ein Sessel (O. T., 1989), dazu die Gebrauchsanweisung auf dem Boden: Man möge hinter den Paravent treten, sich entkleiden und sein Gewand auf den Sessel legen. Etwa fünf Minuten soll man nun hinter dem Paravent verbleiben und sich „nach eigenem Ermessen verhalten“. Zuvor aber möge man sich noch an das Aufsichtspersonal wenden, das andere Besucher darauf aufmerksam machen wird, „dass dieses Objekt besetzt ist“.

Wenn der 1947 in Wien geborene Autodidakt Franz West infolge der ersten Präsentation seiner „Passstücke“ – zu Anfang der 1980er Jahre im Rahmen der Kölner Ausstellung Westkunst – noch als künstlerischer Außenseiter galt, dessen autonome und vielleicht informell zu nennende Plastik sich gegenüber Interpretationsversuchen als sperrig erwies, so hat sich diese Haltung seither international gravierend geändert. Spätestens nach seiner Teilnahme an der documenta IX, 1992, stimmt man in eine Art Kanon ein, so man Franz West als einen wichtigsten Gegenwartskünstler bezeichnet. Gleichwohl ist man angesichts auch seines aktuellen Werks an Tendenzen von Abstraktion und Autonomie, in Material und Gestalt noch der frühen 1960er Jahre, erinnert, als Franz West in engem Kontakt zur Wiener Gruppe und den Wiener Aktionisten stand. „Aus seiner heutigen Sicht“, heißt es in einem Glossar zur rezenten Ausstellung, „ist ihm klar, dass er (mit seinen Arbeiten) die Realität seines Lebens nicht einmal gestreift hat.“ Wirklichkeit vielmehr – und assoziativer Hintergrund für Zeichnungen, Collagen und Plastiken – dürften ihm die Schriften von Wittgenstein, Lacan, Hegel, Fichte oder Kant geworden sein, durch die er sich „kreuz und quer“ gelesen hat, „lange Zeit in dem Glauben, dadurch die Probleme des Lebens erkennen und lösen zu können“.

Maßgeblich ist Franz West auch an der gestalterischen Umsetzung der Ausstellung beteiligt. Und hier zeigt sich jedenfalls, dass er keine Konzessionen gegenüber gängiger Ausstellungspraxis eingeht. Transportkisten und Werkzeugwagen bleiben stehen und sind Zeichen für den im Fluss befindlichen Prozess und die Individualität des Künstlers. Ebenso seine auf dem Boden affigierten Aussagen, die Ausstellung und Ateliersituation in Eins bringen: „Ich glaub’, nicht nur meine Kunst ist nicht spezifisch für Museumsräume, sei’s nun ein White Cube oder eine Black Bubble wie hier, geplant, sondern sie entstehen (sic.) in Atelierräumen und werden zumindest in der Technik, die ich verwende, von einem maßgebenden Volumen, dessen Form vorerst nicht von Belang ist, zurechtkorrigiert, was eine längere Prozedur ist. In Atelierräumen stehen nicht nur einige Boxen herum, sondern es gibt auch Farbflecken und Abfälle, mit anderen Worten: eine, wenn auch artifizielle, aber doch organische Umgebung. Diese ist hier nicht imitiert, sondern so belassen. Ich mach’ meine Arbeiten nicht um den Sauberkeitsdrang von Ordnungshütern zu befriedigen, sondern finde sie in einer ursprünglicheren Umgebung am angebrachtesten präsentiert.“

Rätselhaft in Werk und Ausstellung bleibt immerhin Vieles. Was an Möbelstücke erinnert, könnten Möbel immerhin sein, als Installationen im Kunstraum sind sie aber Plastiken des Künstlers Franz West. Dazu ein Zitat von Karl Kraus im Ausstellungskatalog: „Künstler ist einer, der aus einer Lösung ein Rätsel machen kann.“ Wie aus der Not wiederum wird aus dem Rätsel aber auch eine Lösung, die Franz West für eine 1972 entstandene Mischtechnik auf Papier gefunden hat. Aus lichttechnischen Gründen wird „Hommage an die Elite progressiver Kulturschaffender Österreichs“ (Sammlung Essl) nicht gezeigt. Wohl aber steht am geplanten Präsentationsort eine Transportkiste, auf deren Deckel eine Reproduktion auf den Inhalt verweist. Wir müssen in Konvention die Präsenz des Kunstwerks glauben. Symbolisch, und als Teil für das Ganze, könnte Kunst auch sein, worüber man eine Übereinkunft getroffen hat. Ein hochtheoretisches Problem somit um Sichtbarkeit, Wirklichkeit – ausgestellt oder nicht – und originelle Fragestellung um Wert und Existenz von Original und vermittelnder Replik („Herr Benjamin, bitte!“).

„Autotheater, Köln – Neapel – Graz“ von Franz West ist bis zum 9. Jänner 2011 im Kunsthaus Graz zu sehen. Am 30. November findet um 19 Uhr ein Gespräch mit Franz West und Peter Keicher im Space 04 statt.

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Empfehlung

Weiterführende Links

mracek_franz_west_1.jpg
Franz West, Foto: Rita Nowak
mracek_franz_west_2.jpg
„Endlich zwei gute Skulpturen“, 2002 (Foto: wm)
mracek_franz_west_3.jpg
„Gruppe mit Kabinett“, 2001, 8 Skulpturen auf 7 Tischen, 1 Kasten, Papiermache, mixed media, Farben, Dimensionen variabel; Installation: Gagosian Gallery, London 2001
mracek_franz_west_4.jpg
„Devianz“, 1989, Sockel: Holz, Gaze, Leim, 60 x 92 x 247 cm, Liege: Eisen, 67 x 183 x 62 cm
mracek_franz_west_5.jpg
Ausstellungsansicht, UMJ, Foto: N. Lackner

Artikelempfehlungen der Redaktion