Jetzt geht’s los?! Das ist jedenfalls die Botschaft des aktuell stattfindenden Bürgerbeteiligungsprojektes in Graz, das in den letzten Wochen verschiedene Interessensgruppen zu Veranstaltungen gerufen hat. Die Annenstraße wurde als Pilotprojekt für das 2009 installierte Stadtteilmanagement ausgewählt.
Ab Mai 2010 wird also gegraben (bis 2013). Das Projekt Nahverkehrsdrehscheibe Hauptbahnhof und der Austausch der Gleise werden zum Anlass genommen, die Annenstraße neu zu gestalten (siehe auch: http://www.stadtentwicklung.graz.at/). Zuerst wird der Bahnhof umgestaltet, 2011 die Straßenbahnunterführung (Richtung Westen unter dem Gürtel) gebaut. Ab Mai 2011 werden die Gleise ausgetauscht.
Und die Annenstraßengestaltung? Im Sommer dieses Jahres wird es eine Ausschreibung zur Neugestaltung geben, die 2012 umgesetzt werden soll: Verbreiterung der Gehsteige, Gestaltung der Plätze (Esperantoplatz, Bereich Vorbeckgasse, Bereich Metahofgasse) und Straßenbahnhaltestellen, Begrünung etc. Verbunden damit ist ein nicht unumstrittenes Verkehrskonzept, das eine Einbahn in Richtung Stadtzentrum, verkehrsberuhigende Maßnahmen in den umliegenden Straßen und die radikale Reduktion von Parkplätzen vorsieht. Ab Mai 2010 wird auch geredet. Jeden Donnerstagnachmittag soll ein Stadtteiltreff im Volksgartenpavillon eingerichtet werden.
Es wird jedenfalls einiges los sein in den nächsten Jahren im Annenviertel.
EIN KURZER HISTORISCHER ABRISS:
DIE ANNENSTRASSE…
… ist Teil der Murvorstadt.
„Murvorstadt“ ist ein kaum definierter, dafür umso häufiger gebrauchter Name für den Bereich am rechten Murufer, der einen Bezug zur Innenstadt hat. Meistens wird damit der Bereich zwischen Gries- und Lendplatz, zwischen Mur und Bahnhofsbereich bezeichnet. Dieser Bereich wird vom Kunstverein auch „Annenviertel“ genannt. Murvorstadt und Annenstraße fließen damit gedanklich ineinander.
… ist eine Erfindung der Gründerzeit.
1844 wird Graz eine Station auf der Strecke der bedeutenden Südbahn. Der neue Südbahnhof wird im Westen der Stadt eröffnet. Damit beginnt die eigentliche Geschichte der Annenstraße: Im selben Jahr wird mit der Trassierung der Straße begonnen, das erste neue Teilstück 1847 eröffnet. Beim Bau wird vorhandene Substanz teilweise demoliert, und neue Bereiche entstehen (z.B. Esperantoplatz). Der Großteil wird „nach Geometer Art“ gebaut: gerade und breit. Damit sind Lärmprobleme schon vorprogrammiert. Bereits in den 1880er-Jahren ist die Straße überlastet, die Keplerstraße wird errichtet.
… ist Einkaufsstraße.
Die Zwischenkriegszeit prägt die Annenstraße äußerlich sehr wenig, umso mehr allerdings der Zweite Weltkrieg: der Bahnhof und seine Umgebung werden besonders von Bomben getroffen. Die Gebäude im oberen Teil der Annenstraße werden durch schmucklose, teilweise höher gezogene Bauten ersetzt. Die 1950er- und 1960er-Jahre bringen den Aufschwung: Innenhöfe werden verbaut und zu Orten der Produktion, die Fassaden werden im Erdgeschoß zu Schaufensterfronten. Der Handel verdrängt die Produktion in die Hinterhöfe und Wohnräume in die oberen Stockwerke. Eine Einkaufsstraße „gehobenen Ranges“ entsteht: die Anzahl an „höherwertigen“ Geschäften wie Juwelieren, Textilwaren und großen Kaufhäusern nimmt zu, bisweilen wird sie als drittgrößte Einkaufsstraße Österreichs klassifiziert. Die Annenstraße wird aber auch hybrid, im Erdgeschoss als Geschäftsbereich, ab dem ersten Stock als Wohngebiet deklariert (STEK 1981)
… ist Auf und Ab.
Mit den 1980er-Jahren beginnt sich generell die Konsumkultur zu ändern und langsam wird dies in der Annenstraße sichtbar: Große Filialisten ziehen weg, kleinere Geschäfte schließen, Greislergeschäfte werden von Super-Selbstbedienungs-märkten verdrängt. Zuletzt wird transnationale Immigration, die immer Teil des Viertels war, sichtbarer: Kebap-Läden und Asia Shops tauchen zwischen traditionellen Geschäften auf. Die Annenstraße verliert ihren Status als „gehobene Geschäftsstraße“ zuerst in den Köpfen der StadtbewohnerInnen, dann auch im österreichischen Ranking (wo sie 1999 allerdings noch unter den ersten drei Einkaufsstraßen rangiert).
Seither werden immer wieder neue Initiativen gesetzt. Das Straßenmarketing setzt ab 1997 auf neue Slogans, mit dem EZ Annenstraße wird nach gemeinsamen Vermarktungsstrategien gesucht. Im Jahr 1999 scheitert eine Initiative zur Verkehrsberuhigung (Einbahnstraßensystem) nach knapp drei Wochen grandios. Das Kulturhauptstadtjahr 2003 greift in einzelnen Kunstprojekten in dieses Gebiet aus, hinterlässt aber deutlichere Spuren um das Kunsthaus und im Lendviertel.
Ab 2005 werden neue Initiativen gesetzt, schließlich der Plan für ein Einkaufszentrum-Projekt entworfen, das im Zuge der Neugestaltung Des Hauptbahnhofes erbaut werden soll. Dieses umstrittene ECE-Projekt fällt im November 2009. (GAT berichtete)
Biografische Notiz:
Monika Stromberger ist Historikerin (Zeitgeschichte) am Institut für Geschichte/Uni Graz und am Institut für Stadt- und Baugeschichte/TU Graz (IST). Derzeit arbeitet sie u.a. gemeinsam mit Ulrich Tragatschnig (IST) am Forschungsprojekt „EKZ Annenstraße. Geschichte und Zukunft einer Einkaufsstraße“ bzw. hält mit diesem eine Lehrveranstaltung zum Thema an der TU Graz ab. gat.st ist ein wichtiger Kooperationspartner und medialer Begleiter.
- Verfasser/in:
- Monika Stromberger, Bericht
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