"Des is echt woar ...."

...ein bemerkenswerter Leserkommentar zum sonnTAG 100 "Grazer Urbanität" von Willi Hengstler.

17/11/2005

Ganz wehmütig wird mir, wenn ich an all diese verschwundenen Grazer Einrichtungen denke. Sei es der Sewera, wo ich mir als Studentin billige Stoffe für selbstgenähte, ausgefallenere Kleidung kaufen konnte, der Rauter in der Schönaugasse, wo es Schrauben aller Art einzeln, offen zu kaufen gab, sei es das Cafe Nordstern, wo ich mich am liebsten tagsüber mit Freund/innen getroffen habe und man stundenlang bei einem Kaffe sitzen konnte. Aber mir fällt noch vieles ein, was fehlt: die Haring Schnapsbude, wo oft der Wolfi Bauer und andere Grazer "Dichterfürsten" anzutreffen waren, Student/innen, Hackler/innen und auch Sandler/innen willkommen waren und auch mitdiskutierten unnd stritten, der Grog überaus billig war, wenn auch die Gläser nicht immer sauber, oder der Kodolitsch, wo man/frau sich wieder getroffen hat,und das Sporbuffet dann letzendlich zum Frühstück mit Gulaschsuppe oder gerösteter Leber, alles noch bevor das teure Pflaster über den Asphalt in der wunderschönen Fussgängerzone herviel, wo es noch Platz für alle gab. Damals war noch unter dem nicht vorhandenen Pflaster der "Strand"- für alle Möglichkeiten - heute stehen auf dem echten Pflaster teure, platznehmende, platzstehlende Gartenmöbel-Palmen wie am Strand aber ohne Möglichkeiten und es ist nicht mehr Platz für alle, weil zu teuer und zu schick.

Aber einer Behauptung in diesem Artikel, dem ich sonst nur zustimmen kann, muss ich widersprechen: der neue Karmeliterplatz ist kein kahler Aufmarschplatz - nein er wird benutzt von Jugendlichen, die dort - es sei ihnen gedankt - nicht marschieren - aber leidenschafltich skaten - und sich mit ihren Boards ins leere Swimminpool katapultieren - viel Lärm vor der ÖVP-Zentrale, Steineinfassungen brechen - Aufbruch - schön wäre, wenn auch die kulturlosen, hilflosen und nicht vom Architekten stammenden Betonblumenkistlabstandhalter bald wegbrechen oder verschwinden würden. Ein Platz, der trotz einiger Mängel angenommen und auch ohne Konsumzwang ausgiebig benutzt werden kann - hoffentlich bleibt es so und werden uns dort die zwangsbeglückenden, sich wie Seuchen verbreitenden Events (viel gefährlicher als die Vogelgrippe) erspart.Arch. DI Elisabeth Lechner studierte an der Architekturfakultät der TU Graz. Sie lebt und arbeitet in Graz.

Verfasser/in:
Arch. DI Elisabeth Lechner, Kommentar

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