„Der Raum als dritter Pädagoge ist noch nicht angekommen“

Professor Bernd Schilcher über die schöne Schule als vorläufiges Theorie-Gebäude, Versagen der Politik, alte, starre Strukturen, Klassenräume in Kompaniestärke und das gr

25/01/2010

Professor Bernd Schilcher im Gespräch mit Gerlinde Knaus über die schöne Schule als vorläufiges Theorie-Gebäude, Versagen der Politik, alte, starre Strukturen, Klassenräume in Kompaniestärke und das große Warten auf die NachwuchslehrerInnen.

Gerlinde Knaus: Herr Professor, was macht eine schöne Schule aus?

Bernd Schilcher: Die schöne Schule wäre von der Allgemeinheit aus, aber vor allem von jedem einzelnen Kind aus zu sehen. Doch kann es nicht für jedes Kind eine eigene Schule geben. Der Kompromiss ist, dass jedes Kind sich wohlfühlt. Ein Schüler entwickelt alle seine Fähigkeiten doch nur, wenn die Atmosphäre anregend und sympathisch ist.

Knaus: Die österreichische Schulbau-Realität scheint von diesem Wohlfühl-Gedanken weit entfernt zu sein. Warum?

Schilcher: Wohlfühlen ist nicht möglich in riesigen Klassenräumen in Kompaniestärke, die einem Exerzierfeld nachempfunden sind. Und noch weniger in winzigen Zellen, die es auch gibt. Die kasernenartigen Schulgebäude stammen noch aus der Zeit Kaiserin Maria Theresias, gebaut nach dem preußischen Schulbau-Modell. Die starre Struktur traditioneller Räume mit genormten Raumfolgen hat sich bis heute in den öffentlichen Schulen gehalten und spiegelt die alte Vorstellung der Erwachsenen wider, wie Kinder lernen sollen. Kinder sind dazu nie gefragt worden. Das Niederschreiben von Vorgegebenem, von Diktiertem schaffte eine Atmosphäre des Unbehagens. Diktiertes ist immer unangenehm. Noch um 1870 gab es Klassen mit mehr als 120 Kindern und damit hat die ganze Katastrophe angefangen. Adalbert Stifter war Landesschulinspektor für die Volksschulen in Oberösterreich und setzte sich für die Verbesserung im Schulbau ein. Er berichtete 1860 von 123 Schülern in einem Klassenraum. Rückblickend gab es ja immer wieder Reformbemühungen – zuletzt in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, wo man an die Ideen der reformpädagogischen Vordenker anknüpfte. Die Klassenzimmer und die Schülerzahlen sind inzwischen kleiner geworden, aber die Raumstrukturen haben sich nicht wesentlich verändert.

Knaus: Welchen pädagogischen Konzepten soll ein Schulbau heute entsprechen?

Schilcher: Eine moderne Schule braucht beispielsweise Theater-, Musikräume, Werkstätten, Labors zum Experimentieren. Dazu gehört das Projektlernen, wo Schüler die Möglichkeit haben, das Gemeinschaftsleben mitzugestalten, das heißt, sie sollten auch nach außen kommunizieren können. Derzeit ist die Schule eine geschlossene Anstalt: Ich verstehe Schule als offenes Haus und als lebendige Gemeinschaft, wo sich Lernprozesse abspielen und die Teilhabe an der Gesellschaft schrittweise vorbereitet werden kann.

Knaus: Können Sie eine öffentliche Schule in der Steiermark nennen, die in bezug auf pädagogisches Konzept und Schulbau vorbildlich ist.

Schilcher: Als ich in der Steiermark noch offiziell in Sachen Schule unterwegs war, ist mir keine aufgefallen. Eher noch in Schweden und Dänemark, ja auch in Deutschland. Inzwischen gibt es neue Schulen, die Schulbau als Forschungsraum für fortschrittlichen Unterricht sehen.

Knaus: Handelt es sich hier nicht um Privatschulen, wo Eliten gebildet werden und Eltern Schulgeld bezahlen müssen? Wer aufsteigt und wer nicht, hängt in Österreich nicht nur von Leistung sondern auch von der Herkunft ab.

Schilcher: Enja Riegel, ehemalige Leiterin der öffentlichen Helene-Lange-Schule hält die Privatschule mittlerweile für effektiver, da die Auseinandersetzung mit der Bürokratie geringer ist. Der Träger kann privat sein, die Bildung bleibt öffentlich. Ein Großindustrieller sagte mir unlängst, dass er seine Kinder nicht mehr in eine Privatschule schickt, weil sie hier keinen ordentlichen Umgang mit anderen Kindern erlernen. Alles sei zu elitär. So fehlen dort Kinder aus der Unterschicht, solche mit Behinderung und Migrantenkinder. Dadurch bleibt die Vielfalt auf der Strecke und der Umgang mit einfacheren Menschen wird nicht erlernt. Wir brauchen die soziale Durchmischung an den Schulen – auch weil wir es uns nicht leisten können, auf das kreative Potential von Menschen aus benachteiligten Schichten zu verzichten. Es gibt genügend Topmanager in der ÖVP, die sich für eine gerechte Schule einsetzen, weil Chancenungleichheit und ein undurchlässiges Bildungssystem katastrophale Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.

Knaus: Die ÖVP ist sich darüber einig, dass die fortschrittliche Schule eine Ganztagsschule sein soll. Sie hat sich aber nicht klar zur Gesamtschule bekannt. Heißt das jetzt: bloße Addition einer Nachmittagsbetreuung mit dem traditionellen Unterricht?

Schilcher: Das ist ein halbes Modell, wo die Kinder vormittags mit Wissen vollgestopft werden und nachmittags Fußball spielen. Das kann es nicht sein. Die Gesamtschule sollte sinnvollerweise mit einer Ganztagsschule verbunden sein. Das Bildungsziel heißt: alle Kinder, ob mit Migrationshintergrund oder mit Behinderungen, unabhängig von Herkunft und Begabungen, sollen „gemeinsam leben lernen". Wir leben nicht mehr in einer Standesgesellschaft. Da kann man nicht selektieren und einteilen wie vor 150 Jahren: Du gehst in die Schule für die „einfachen Menschen“ und du darfst dorthin gehen, wo die „besseren“ sind. So spielt sich Leben heute nicht mehr ab.

Knaus: Ein „halbes Modell“ auch in bezug auf den Faktor Raum und Pädagogik? In den kommenden Jahren sollen 1,7 Milliarden Euro in Neubau und Sanierung von Schulgebäuden fließen, aber das Modell der Gesamtschule und die damit verbundenen räumlichen Veränderungen wird nicht mitgedacht.

Schilcher: Architektur und Pädagogik spielen in der Reform nicht die Rolle, die sie spielen müssten. Ich halte das für einen Fehler. Wenn wir die Schule verändern wollen, müssen wir auch alle Aspekte miteinbeziehen, die damit zusammenhängen. Ganz wichtig bei dem Konjunkturprogramm wäre es, zuerst die künftige pädagogische Richtung festzulegen. Die Vorstellung vom Raum als dritten Pädagogen ist genau so wenig internalisiert wie jene vom Mitschüler als zweitem Lehrer – „peer learning“. In der traditionellen homogenen Schule ist das der böse Konkurrent. In einer heterogenen Schule gibt es keine Gegenspieler, sondern Schulkameraden, die voneinander und miteinander lernen. Begabtenförderung steht dort nicht im Widerspruch zur Förderung von Schwächeren.

Man müsste also in die Gesamtschule bzw. Neuen Mittelschule mit einer neuen Pädagogik investieren.

Knaus: Österreich muss aber im Bildungsbereich sparen, heißt es.

Schilcher: Das österreichische Schulsystem ist im OECD-Vergleich eines der teuersten, das Ergebnis aber nur mittelmäßig. Das Geld fließt größtenteils in die falschen Kanäle und kommt nicht bei den Schülern an. Einer Studie zufolge könnte durch einen kompletten Umbau der Schulverwaltung eine Milliarde Euro gespart werden. Das Gros der Kostenreduktion liegt dabei in der Effizienzsteigerung, etwa bei der Reduktion von Klassenwiederholungen und Drop-Outs, wie auch bei der Reduktion der Lehrerkosten durch Fortbildung während der Dienstzeit.

Knaus: Würde die innovative Raumgestaltung, ohne die eine Gesamtschule nicht verwirklicht werden kann, zwangsläufig auch höhere Kosten verursachen?

Schilcher: Ich denke, dass es beim innovativen Schulbau darauf ankommt, wie flexibel und offen die Lernräume sind. Die neuen Strukturen in der Gesamtschule können durch neuen Unterricht, der nicht starr an Jahrgängen, 50-Minuten-Stunden und Klasseneinheiten gebunden ist, effizienter genutzt werden. Die Gesamtschule braucht auch deutlich weniger Fläche, da die langen Gänge wegfallen und die Räume kleiner sind.

Knaus: Bleibt die Gesamtschule vorläufig bloße Theorie? Die PädagogInnen tun ja auch nicht mit.

Schilcher: Natürlich müssen die PädagogInnen auch mittun und ein verändertes Lehrerbild akzeptieren. Dazu gehört nicht nur, dass sie ganztägig in der Schule sind, sondern auch dass sie selber auch bessere räumliche Bedingungen vorfinden. PädagogInnen brauchen eigene Arbeitsräume, wo konzentriertes Arbeiten möglich ist, wie etwa Stufenteamräume, die z. B Wolfgang Schnelzer, noch als Schuldirektor an der HS Puntigam eingerichtet hat. Es gibt aber auch Lehrer, die nichts verändern wollen. Auf sie sollte man verzichten. Bis 2020 gehen zirka 50% der derzeitigen PädagogInnen in Pension. Ich setze auf die Nachwuchs-LehrerInnen und auf die neue LehrerInnenausbildung.

Knaus: Das hört sich nach Stillstand an. Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Schilcher: Die Umsetzung scheitert gegenwärtig an der schwachen Politik. Starke Gewerkschaften halten sich „ihre“ Politiker, die dann auch reihenweise umfallen, wenn sie auf den Widerstand der Verbände stoßen. Es gibt viele Befürworter der inhaltlichen Konzeption der Gesamtschule – auch innerhalb der ÖVP. Wenn Eltern, Schüler und engagierte Lehrer an einem Strang ziehen, müssen Politiker mitziehen. Mein Vorschlag wäre, dass Schulen selbst die Initiative ergreifen und mit jungen Menschen neue Lernorte anschauen: Schüler sollten längere Zeit in neuen Schulen verbringen, um reformpädagogische Lernerfahrungen vor Ort zu machen. Ohne entsprechenden Raum gibt es auch keine lebendige, vielfältige Pädagogik. SchülerInnen, PädagogInnen und ArchitektInnen sollten beim Schulbau eng zusammenarbeiten. Dazu sollte man Theaterleute, Designer, Sportler, Handwerker und Musiker in die Schulen holen. Nicht nur um neue Ideen herein zu bringen, sondern auch um die Offenheit der Schulen zur Gesellschaft hin zu pflegen.

Knaus: Danke für das Gespräch.

Professor Bernd Schilcher wird nicht müde, die „Schule neu zu denken“ - er gilt als reformfreudiger Bildungsexperte. Unterrichtsministerin Claudia Schmied betraute ihn mit der Leitung der Expertenkommission zur Modernisierung des Schulsystems. Schilcher verließ die Kommission, weil er von der Durchsetzungskraft von Faymann und Pröll nicht überzeugt ist. Schilcher war Universitätsprofessor an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät Graz. Politisch engagierte er sich als Landtagsabgeordneter der steirischen ÖVP, dann als Klubobmann, schließlich als Landesschulratspräsident.

Verfasser/in:
Gerlinde Knaus, Gespräch
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Bernd Schilcher. Foto: Gerlinde Knaus

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