Hinter den neuen, auffälligen Fenstern am Karmeliterplatz verbirgt sich ein deutlich größeres Projekt, als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Es umfasst das ganze Geviert zwischen Karmeliterplatz und Paulustorgasse. Im Auftrag des Landes Steiermark entsteht hier ein Kompetenzzentrum, das – erstmals in Österreich – alle Abteilungen und viele Vereine, die sich mit Kinder-, Jugend- und Familienthemen befassen, unter einem Dach vereint und so inhaltliche und finanzielle Synergien nutzen soll. Außerdem finden weitere Einrichtungen des Landes in den Gebäuden Platz. In einer Kombination aus Um-, Aus- und Neubau werden bestehende Büroräumlichkeiten modernisiert, neue geschaffen und der Gebäudekomplex in die Stadt integriert.
Den geladenen Wettbewerb im Jahr 2004 konnte das Grazer Büro LOVE architecture für sich entscheiden. Die Grundidee des Entwurfs ist die Wiederherstellung einer ursprünglichen städtebaulichen Situation: Durch den Neubau wird eine seit Jahrzehnten bestehende Lücke geschlossen und die formal sehr unterschiedlichen Gebäude wieder zu einem funktionierenden Ganzen verbunden.
Der Umbau des aus den 70er-Jahren stammenden Gebäudes Karmeliterplatz 2 und der daran anschließende Neubau sind bereits abgeschlossen, die Abteilungen des Landes und die Vereine haben ihre Büros im Frühsommer bezogen. Im offen gestalteten Erdgeschoß befindet sich eine gemeinsame Infozone der Institutionen, die als zentrale Anlaufstelle und Visitenkarte des Kompetenzzentrums dient. In den nächsten Monaten wird daneben ein Restaurant einziehen, das für eine zusätzliche Attraktivierung des Platzes sorgen soll. Um trotz des engen finanziellen Rahmens architektonische Akzente setzen zu können, wurden die Eingriffe in den Altbau möglichst gering gehalten.
Im direkt anschließenden Neubau, der vom Karmeliterplatz zur Sauraugasse einen neuen öffentlichen Durchgang aufspannt, finden die Büroräumlichkeiten der Vereine Platz. Um dafür eine optimale Gebäudetiefe zu erzielen, ist der Neubau in der Mitte am breitesten und verjüngt sich zu den beiden Enden hin, wo er an den Bestand andockt. Im neu entstandenen Innenhof spiegelt sich die Vielfalt der Gebäude in den differenzierten Fassaden wider. Am Neubau mäandert sich ein Fassadenband von Geschoß zu Geschoß, um sich dann, über zwei Knicke, in die dritte Dimension, sprich das Dach, fortzusetzen. Dieses neue Dach fließt um den Hof herum, vom bestehenden, ziegelgedeckten Dach durch eine klare, sich kontinuierlich weitende Fuge getrennt, die sich auf der gegenüberliegenden Seite zu einer Terrasse öffnet. Dieses Zusammenspiel von Alt und Neu wurde von der ASVK, die ebenfalls in dem Gebäude ihre Heimat hat und das Projekt von Anfang an unterstützt hat, ausdrücklich begrüßt. Das neue Dach fungiert als integratives Element, das die heterogenen Bestandsgebäude, spätere Zubauten und die neuen Elemente unter dem sprichwörtlichen gemeinsamen Dach vereint.
An den Büros im Gebäude Paulustorgasse 4 wird zurzeit gebaut sodass diese bis zum Frühjahr 2011 sukzessive bezogen werden können. So erhält die Landeswarnzentrale einen neuen Einsatzraum, von dem aus Katastropheneinsätze koordiniert werden. Dieser Umbau geschieht übrigens bei laufendem Betrieb. Neben der durchgehend barrierefreien Erschließung und der Implementierung eines modernen Brandschutzes ist die Erhaltung wertvoller Bausubstanz ein zentrales Thema des Entwurfs. Vor allem im denkmalgeschützten Eckgebäude Karmeliterplatz 1, der ehemaligen apostolischen Nuntiatur. Hier wurde durch die Entfernung zwischenzeitlicher Einbauten der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt.
Die auffälligste Maßnahme ist jedoch zweifelsohne die Neugestaltung der 70er-Jahre-Fassade auf dem Karmeliterplatz. Die Architekten nahmen sich für diese „bewegte Fassade“ die überlieferte Grazer Tradition zum Vorbild, mittels typischem Grazerstock-Fenster und Putzplattentechnik ein dreidimensionales Fassadenbild zu schaffen. In den horizontal und vertikal leicht verdreht montierten, raumhohen Fenstern spiegeln sich abwechselnd der Platz, die umliegenden Häuserfronten und der Himmel. Konstruktiv entsprechen die Fenster den, aus Altbauten bekannten, Kastenfenstern. Außen eine Sonnenschutzverglasung, innen Schiebeelemente, lassen sie viel Licht in die relativ kleinen Büros und verbessern deren Raumklima deutlich. Durch unten und seitlich liegende Öffnungen im Zwischenraum, die zwecks Auskühlung auch in der Nacht offengelassen werden können, entsteht ein natürlicher Luftaustausch, der den Einbau einer teuren Klimaanlage ersetzt.
Städtebaulich eröffnet das Projekt neue Möglichkeiten für die Erweiterung der „gefühlten“ Innenstadt zum Stadtpark hin, da durch die Abtragung eines Baukörpers zwischen dem Karmeliterhof und dem benachbarten Landesarchiv eine neue Gasse entsteht. Aktuell arbeiten LOVE gemeinsam mit Permanent Unit an einem Konzept für die Bespielung dieses neuen öffentlichen Raums.
PROJEKTDATEN:
Planung: LOVE architecture and urbanism, Graz
Auftraggeberin: LIG Landesimmobilien Gesellschaft
Nutzer:
Die Fachabteilung 6A - Gesellschaft und Generationen sowie 13 Vereine, unter anderem auch das Kinderbüro Steiermark, sind am Karmeliterplatz 2 für die steirischen Jugendlichen und Familien unter einem Dach erreichbar.
Wettbewerbssieg: 2004
Planungszeitraum: 2006-2010
Baubeginn: Jänner 2008
Fertigstellung: Oktober 2010
Nutzfläche: ca. 10.000 m²
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Zwischenbericht
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