Seit Ende Juli hat Graz eine neue Baustelle, was an sich nichts Besonderes ist. In diesem Fall handelt es sich jedoch um eine Premiere, den ersten Shared Space in Graz, der zugleich einer der ersten in Österreich ist. Bis jetzt gibt es erst einen im weststeirischen Gleinstätten, ein weiterer ist in Feldkirchen bei Graz in Bau, Vöcklabruck und Velden wollen folgen.
Shared Space bedeutet ein gleichberechtigtes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer in einem gemeinsamen Raum. Fußgänger, Radfahrer, Autos und der öffentliche Verkehr teilen sich den Raum, anstatt ihn in getrennte "Reviere" zu zerteilen. Verkehrstafeln und Bodenmarkierungen werden weitgehend durch gegenseitige Rücksichtnahme und die Verständigung über Blickkontakt ersetzt. Der Straßenraum wird so wieder als Lebensraum zurückgewonnen, womit Shared Space weit über ein reines Verkehrskonzept hinausgeht. Ausgehend von den Niederlanden wurden in den letzten Jahren europaweit schon mehr als 200 Projekte umgesetzt, die neben der Belebung des öffentlichen Raums auch wirtschaftliche Impulse, eine deutliche Reduktion der Unfälle und durch ein gleichmäßigeres Tempo weniger Schadstoffemissionen bei oft sogar schnellerem Vorankommen für die Autofahrer bewirken.
Am Grazer Sonnenfelsplatz, der aufgrund der starken Fußgänger- und Radfahrerfrequenz de facto schon ein wenig inoffizieller Shared Space war, werden durch den Umbau Durcheinander und Unklarheit von einer echten Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer abgelöst. Das Recht der Stärkeren – der Autos – wird gebrochen. Bis zum Ferienende werden am Kreisverkehr und in den angrenzenden Straßen die Gehsteigkanten entfernt, Sitzgelegenheiten geschaffen und durch die Bodengestaltung signalisiert: Hier ist ein Platz für Menschen. Schon jetzt ist auf der Baustelle eine Weite zu spüren, die der bisherigen Verkehrsfläche Sonnenfelsplatz den Charakter eines echten Platzes verleiht. Der einzige Wermutstropfen ist die geringe Größe. Zumindest Zinzendorfgasse, Halbärthgasse und ein Teil der Schubertstraße hätten ohne Weiteres in den Shared Space integriert werden können. Nun besteht die Gefahr, dass er zu klein ist, um seine volle Wirkung zu entfalten und von Gegnern als unnötig hingestellt wird. Vizebürgermeisterin Lisa Rücker wollte dem durch die Umwandlung der Zinzendorfgasse in eine Fahrradstraße entgegenwirken, was durch die jüngste StVO-Novelle des Bundes nicht gerade erleichtert wurde. Apropos Gegner: Eine Generalsanierung des Platzes und Leitungsverlegungen waren schon dringend notwendig, Kosten, Umleitungen und Baulärm also unvermeidbar.
Bürgermeister Siegfried Nagl hat vor Kurzem gemeint, viele Baustellen würden zeigen, dass in einer Stadt etwas weitergeht. Zumindest im Fall des Shared Space ist ihm voll und ganz zuzustimmen. Denn am Sonnenfelsplatz wird ein mutiger Schritt in die Zukunft des urbanen Zusammenlebens getan.
Projektinformation Shared Space Sonnenfelsplatz
Projektleitung: Thomas Fischer, Stadtbaudirektion Graz
Planung: Interdisziplinäres Projektteam bestehend aus Kleboth-Lindinger-Architekten, Helmut Koch Komobile Verkehrsplanung, Michael Sammer, Zoufal Lichtgestaltung, DI Fritsch
Gesamtkosten: ca. 750.000 €
Baubeginn: 25.07.2011
Fertigstellung: Ende September 2011
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Kommentar
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