Jörg Kindermann LA WS.2004/05 Workshop2
Institut für Wohnbau / TU Graz
Positionierung:
„In Lebensräumen ist uns die „allgemeine Wirklichkeit“ in jeweils unterschiedlichen Weisen erschlossen und sie machen so erst etwas zugänglich, betreffbar und als Lebenssituation lebbar“, schreibt Franz Xaver Baier in seinem Buch „Der Raum“. Baier weiter: „Lebensräume können sich dehnen, strecken, runden, abheben, fliegen, uns mitnehmen. Auf der Subjektseite bedeutet das Angst, Depression, Glück, Heiterkeit, Erleichterung. Das hat zur Konsequenz, dass Phänomene wie Angst, Freude, Hoffnung, Glück, Erinnern, Vorstellen, Zuneigen, Abneigen, Ausstehen, Aushalten usw. Bewegungen unseres gesamten Lebensraumes sind. Durch die Reduktion des Raumes in der gebräuchlichen Definition von Länge mal Breite mal Höhe werden Gebilde als getrennte Körper durch Beziehungen eines übergeordneten Koordinatensystems verbunden. Überträgt man das geometrische Verhalten auf unser Leben, dann bedeutet das: Vorgänge werden abgeschnitten, Prozesse werden unterbrochen, Schnitte werden durch Moderation überbrückt und Ereignisse werden auf Daten und Fakten zugeschnitten. So entsteht der Eindruck, dass alles das Gleiche ist und es hat den Anschein, als würden wir in einem Kontinuum leben. Der japanische Philosoph Ryosuke Ohashi sieht in dieser ‚Durch - Schnittlichkeit‘ und Nivellierung sogar das Erkennungsmerkmal unserer Moderne.”
Franz Xaver Baiers Betrachtungen zum Raum sind Ausgangspunkt und Grundlage meines Lehrauftrags workshop2/Entwerfen im WS2004/05 am Institut für Wohnbau, Univ.Prof. Arch. Hansjörg Tschom an der TU Graz.
Ausgehend von einer subjektiven, situativen Betrachtung in Bezug auf Raum / Körper / Zeitdimension verhandeln die Studenten Fragen der Selbst- und Körperwahrnehmung im Raum, von einer perzeptiven Wahrnehmung über die Sinnesorgane bis zum Wahrnehmen von geistigen Raumwelten.
Ausgangspunkt ist ein „inneres“ Bild des Raumes, das im Zuge der Projektentwicklung mit Außenfaktoren wie Menschen, Dinge, Landschaften, Materialitäten sowie Intentionen und Motivationen konfrontiert wird. Ziel ist es, Raum entstehen zu lassen, Situationen zu bilden, indem wir, ausgehend von diesem „inneren Bild“, „das Vorgegebene initiativ in den Griff kriegen, Struktur hinein bekommen, Motivationsketten herstellen und so eine Sinnstruktur erzeugen, die unser eigenes Leben wird.“
Der Entwurfsprozess gleicht damit vielmehr einem philosophischen Prozess und ich glaube, dass die Erfahrung einer Fülle an unterschiedlichen Räumen / Raumqualitäten, die Schaffung konkreter alternativer Raumerfahrungen (im Sinne von Lebensqualitäten) dem unscharfen Gebilde einer kollektiven Bedürfnislage etwas entgegensetzen kann.
- Verfasser/in:
- Jörg Kindermann

