Der Architekt und die Häuslbauermesse, eine unheilige Allianz?

Replik auf die von Wolfgang Feyferlik verfasste Antwort auf "anGedacht 046" als Anregung zur Diskussion.

26/01/2005

Replik auf die von Wolfgang Feyferlik verfasste Antwort auf "anGedacht 046" als Anregung zur Diskussion darüber, ob die Architekten bzw. ihre Standes- und Interessensvertreter die Teilnahme auf einer Häuslbauermesse als Aufgabe wahrnehmen sollten.

Lieber Wolfgang Feyferlik,

einige Punkte als Replik (=Widerrede) auf deine Anmerkungen zu anGedacht 046.

anGedacht ist als Kolumne eine Glosse. In einer solchen ist erlaubt und üblich, Themen auch etwas zugespitzt, übertrieben oder polemisch zu erläutern. Der distinguierte Herr in Schwarz ist ein Synonym, in welchem im Themenzusammenhang sofort der Architekt erkannt werden kann. Außerdem: jeder von uns weiß, dass es auch Architektinnen gibt, Gott sei Dank immer mehr auch in der Öffentlichkeit, wenn auch im Verhältnis immer noch beschämend wenige. Diese Tatsache jedoch jeder Diskussion zwingend voranzustellen und bei jeder Glosse, explizit ausgesprochen, „political correctness“ einzufordern, halte ich für lächerlich.

Aber nun zum Thema, denn Unreflektiertheit lass ich mir nicht unreflektiert unterstellen:

Häuslbauen als Wunschtraum ist eine Realität (und daher als logische Folge die Häuslbauermesse), die wir mit noch so vielen klugen Fachdiskussionen nicht ausrotten werden können.

Graduelle Veränderungen ließen sich a) über gesetzliche Reglements und b) über Schaffung von Bewusstsein schaffen – á la longue. Erstere sind eine unpopuläre Maßnahme, die stark ins Persönlichkeitsrecht jedes Individuums eingreifen und Politiker meiden solche, um ihre Wählerstimmen buhlend, wie der Teufel das Weihwasser. Zu b) Schaffung von Bewusstsein ohne Zwang ist ein Prozess, der generationenlang dauert, bis er erste Erfolge zeitigt.

In der Zwischenzeit wird die Landschaft (auch die der Südsteiermark leider schon, liebe Gerda Missoni), die für viele Lebensbereiche unsere wichtigste Ressource ist, MUNTER weiter zerstört. Von den Wunschträumenden, die nicht wissen, wie sie bauen sollen uns sich um Rat an die bekannten Heilsversprecher wenden. Baumeister, die einen fertigen Plan aus der Schublade ziehen und 100x für unterschiedlichste Situationen anwenden (ich unterstelle dieses Tun nicht allen Baumeistern, aber unser Land schaut ganz nach diesem Handlungsmuster aus) Von Fertighausfirmen, die – auch aus der Schublade – den Traum vom Haus erfüllen, nach vorherig beschriebenem Muster.

Was dabei auf der Strecke bleibt: Der sensible, gekonnte Umgang mit dem Land, auf dem der Traum erfüllt wird.

Präziser:

_Wie fügt man sich in eine Landschaft ein, in Hügel oder Ebene, wie platziert man sich im Verhältnis zur Umgebung?

_Umgang mit der Fläche, auf die ein Haus gesetzt wird, mit und nicht gegen ihre natürlichen Gegebenheiten, Qualitäten und Schwächen – wieder Hang (Stichwort: massive Eingriffe in Hänge durch monumentale Bruchsteinmauern) oder Ebene, Orientierung, Aussicht, Lärmbeeinträchtigung u.s.w.

_Wie verbaut man Masse, Volumen, Geld? Die Gestaltung der 2.Haut, DER Projektionsfläche von Zuhause (sogar in der Bedeutung von Heimat) für 99% der Hausbesitzer nach individuellen Bedürfnissen sollte wohl mehr Sorgfalt, genaueres Eingehen und umfangreichere Erarbeitung einer Lösung beanspruchen, als es das tut, wenn man sich beim Fertighausbauer nach einer Beratungsstunde und ein paar kosmetischen Eingriffen in die Gestalt des ausgesuchten Hauses ein Haus bestellt

Ich hätte mit meiner Aufzählung beim letzten Punkt beginnen müssen, denn das Interesse des Häuslbauers konzentriert sich nicht prioritär an die Einfügung in eine Umgebung, sondern ist bei Letzterem am größten, klar. Zu Punkt 2 – Gegebenheiten - entwickeln weder die Anbieter noch die meisten Bauwilligen ein Problembewußtsein, es scheint ihnen einfach nicht bewußt zu sein.

So, und jetzt kommen wir zurück zu deiner Verwunderung darüber, warum ich die Absenz jeglicher hiesiger Architekturinteressensvertretungen bei der Häuslbauermesse kritisiere, lieber Wolfgang Feyferlik. Wäre es nicht auch eine Aufgabe der Architektenvertretung, genau an dieser Stelle aufzuklären und darauf hinzuweisen, dass aus all den zuvor genannten Gründen eine fachlich kompetente Planung durch dahingehend Ausgebildete, also in erster Linie Architekten, Sinn macht und die Investition einer sorgfältigen Planung lohnt? Wieviel Prozent der Häuslbauer bedienen sich einer Architektenplanung? Du weißt, dass die Zahl zwischen 3 und 4 % geschätzt wird. Und warum? Wäre es nicht auch die Aufgabe einer Standesvertretung, an diesem Ort das Image der Architekten in der Öffentlichkeit verbessern zu versuchen? Wie wär’s mit einer Ausstellung oder einem Film mit guten Beispielen, als Alternative zu dem dort Vorherrschenden gezeigt? Das könnte jede Institution machen.

DIE LEUTE KRIEGEN JA GAR KEINE ALTERNATIVEN ZU GESICHT. Schau dir die diesjährige Beilage der „Kl.Zeitung“ zur Messe genau an, seitenweise Scheußlichkeiten, Fertighäuser in allen Varianten, aber nur ein EF-Haus (aus Vorarlberg!) in kleiner Abbildung. Macht es deiner Meinung nach mehr Sinn, die guten Beispiele der Architekturproduktion in diesem Land in Fachzeitschriften und ein ein vom Land gefördertes „Jahrbuch der Architektur“ zu pressen, als sie auf der Häuslbauermesse zu zeigen?

Es soll nicht eines gegen das andere ausgespielt werden, denn es könnte beides geben. Wichtig ist und dabei bleibe ich, nach langjähriger Ausseinandersetzung mit dem Thema Vermittlungsarbeit (in Sachen Architektur)

_Will man etwas verändern, muss man bei denen Bewusstsein und Wissen (Selbst-Bewusstsein!) und schaffen, die direkt Entscheidungsträger sind. Beim Häuslbauen sind das nun erst einmal die Häuslbauer. Erst dann die Ortssachverständigen und weiteren entscheidenden Verwaltungsebenen.

Mit dem Angebot, das Bauwillige zur Zeit auf solchen Messen vorgesetzt kriegen, wird es auch nicht gelingen, ihnen diese Bilder nachhaltig aus dem Kopf zu bringen. Dazu braucht es schon das Aufzeigen von Alternativen.

Das Abraten vom EF-Haus als einzige Aufgabe der Architekten bzw. ihrer Vertreter zu sehen, zu sehen, ist zum gegebenen Zeitpunkt völlig weltfremd und meiner Meinung nach lächerlich. (Erstaunlich finde ich, dass gerade du so einen Blödsinn vertrittst, wo deine ersten Erfolge weit über die Steiemark hinaus auf guten Beispielen von EF Häusern beruhen – zurecht!)

Der Zersiedelung Einhalt zu gebieten ist eine Langzeitaufgabe, die erst recht Bewusstsein als Basis für Veränderungen und notwendige Einschränkungen braucht. Die Architektenschaft bzw. ihre Vertreter in allen Gremien sind natürlich auch aufgerufen, dazu Ideen und Lösungen zu entwickeln. Den Traum jedes Häuslbauers vom freistehenden Einfamilienhaus dabei jedoch zu ignorieren, wäre fatal. Wir können Diskussionsforen eröffnen, Plattformen gründen, Symposien und Enqueten abhalten zu diesem zweifellos wichtigen Thema.

Nur: wieviel Landschaft wird genau in dieser Zeitspanne der Fachdiskussionen bis hin zu greifbaren (und greifenden) Lösungen schon unumkehrbar zerstört werden durch unüberlegtes Umsetzen des Häuslbauertraums? Durch unsensible, schematisierte und nicht landschaftsgebundene Verbauung nach dem Vorbild jener Bilder, die die Leute auf der Häuslbauermesse ohne Ausnahme gezeigt kriegen? Wie etwa genau jetzt in der Südsteiermark. Durch diejenigen Professionisten, denen wir das Feld und den Markt überlassen, nur weil wir ja – zumindest du – generell für die Abschaffung des freistehenden „Häusls“ sind? Theoretisch, versteht sich, denn wie gesagt, auch du.....

Verfasser/in:
Karin Tschavgova, Freie Meinung

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