Der andere Zukunftsblick

Der deutsche Architekturpublizist Wolfgang Kil war am 23.04.2007 zu Gast in der Reihe mondays6 der Architekturfakultät der TU Graz. Lesen Sie nachfolgend eine Zusammenfa

25/04/2007

Wolfgang Kil, ursprünglich Architekt und inzwischen d i e kritische Stimme der deutschen Architekturpublizistik, hat mit seinem fünften Buch "Luxus der Leere" eine vor allem in Planerkreisen lebhaft aufgenommene Streitschrift für eine Lebensweise jenseits des Wachstumsparadigmas vorgelegt. Ob durch die sukzessiven Standortverlagerungen der globalisierten Wirtschaft erzwungen oder der präventiven Klimapolitik geschuldet, auch Österreich steht vor der Wahl, sich strategisch und mental auf eine andere Form

gesellschaftlicher Güterproduktion einzustellen. Bei seinem Vortrag am 23.04.2007 an der TU Graz sprach Kil in erster Linie über die schon jetzt zusammenstürzenden Gewissheiten im Hinblick auf den Umgang mit dem kulturhistorischen Erbe.Lesen Sie nachfolgend eine kurze Zusammenfassung des Vortrags:

"Der andere Zukunftsblick"

Deindustrialisierung und demographische Entwicklungen verändern Europa in einem Ausmaß, wie es zuletzt im Mittelalter passierte. Ganze Regionen und Städte bekommen den Stempel „funktional irrelevant“ aufgedrückt. Nicht nur Menschen sortiert der Globalisierungsprozess aus, auch Städte und Regionen werden durch wirtschaftstrategische Überlegungen "ausgemustert", von der Wirtschaft für nutzlos erklärt. Schrumpfende Städte, Landstriche die zu Wüsten verkommen, enorme Mengen von Bau- und Kulturdenkmäler, von denen man bald nicht mehr wissen wird, wie sie genutzt werden sollen und wer die Erhaltungskosten übernehmen soll.

Als eindrucksvolles Beispiel für diesen einschneidenden Strukturwandel und die damit einhergehenden Probleme nennt der deutsche Architekturpublizist Wolfgang Kil bei seinem Vortrag an der TU Graz die deutsche Stadt Görlitz, ein historisches Stadtjuwel an der polnischen Grenze. Von 1990 bis 2000 ging die Zahl der Arbeitsplätze von 17.500 auf 2300 zurück, 19 Prozent der Bevölkerung sind Hartz IV (*) Empfänger, 25 Prozent sind weggezogen. Die Stadt muss nach einer neuen Existenzberechtigung suchen. Gängige Rettungskonzepte, wie Totalrenovierung des historischen Zentrums (350 Mio Euro wurden dafür in Görlitz bereits investiert), greifen nicht. Görlitz ist laut Kil mindestens so schön wie Rothenburg an der Tauber, das von Touristenströmen überlaufen wird. Dennoch boomt der Tourismus nicht, weil Görlitz abseits der Trampelpfade liegt. Die Renovierung der Stadt hat normale Gentrifikationseffekte mit sich gebracht, wie die Verteuerung der Mieten. Da ein Großteil der erwerbsfähigen Einwohner keine Arbeit hat, können die erhöhten Mieten nicht bezahlt werden. Die Folge ist Abwanderung. Jede 2. Wohnung im historischen Teil von Görlitz steht leer. Die Stadt wird zum Rentnerparadies. Wünscht man sich das dort?

Solche Beispiele sind keine Seltenheit mehr. Der Rückbau von Städten steht an der Tagesordnung. ArchitektInnen arbeiten an Schrumpfungskonzepten (GAT berichtete zu diesem Thema über die Ausstellung Aufbruch/Umbruch in Eisenerz; Anm.). Im Fall von Plattenbauten oder desolaten Wohnungsbauten ist der Rückbau zu verschmerzen, nicht jedoch im Fall von beispielgebenden Bau- oder Industriedenkmälern. Sollen diese auch der Schrumpfung zum Opfer fallen, weil niemand die Erhaltung finanzieren kann? Neue Nutzungskonzepte erscheinen auf den ersten Blick erfolgversprechend. Es stellt sich jedoch bald die Frage, wie lange sie das Überleben dieser Bauten wirklich sichern können? „Die Dinge werden irgendwann liegen bleiben! Probleme wachsen schneller als vermeintliche Lösungen greifen“, so Kil in seinem Vortrag. Wie viele Freizeit- und Tourismusparks, a la IBA Emscher Park, veträgt Europa? Nicht jeder aufgelassene Kohletagbau in Europa kann erfolgreich umgenutzt, kann in Museen, in Landartprojekte und Freizeitanlagen verwandelt werden, denn dafür gibt es auch nur einen begrenzten Markt.

Kil meint, dass wir einen neuen Denkmalbegriff brauchen, u. a. um den Verlust von Denkmälern auszuhalten, denn vieles wird verschwinden, vieles verschwindet bereits. Er bringt Beispiele aus Russland, wo Baudenkmäler, die in unseren Breiten Highlights in Tourismusführern wären, einfach verschwinden, weil sich niemand dafür interessiert und kein Geld da ist. Kil sieht eine Zeit der Entdecker von Denkmalfragmenten und Geheimtipps kommen: man wird Bruchstücke, alte Erinnerungen und Legenden über Denkmäler und Geschichte zusammen tragen. Der Schrumpfungsprozess in Europa birgt für ihn auch eine Chance, denn er führt weg vom Wachstumsparadigma. Auf die Frage wohin, gibt Kil keine konkrete Antwort. Er richtet allerdings einen kryptischen Appell an ArchitektInnen, sich nicht nur erfolgreichen Regionen zuzuwenden, sondern auch den Problemgebieten, denn dort ist Planung mindestens ebenso gefragt. ArchitektInnen müssen umdenken und auch in andere Berufsfelder einsteigen. Sie seien, so Kil, aufgrund ihrer Ausbildung dafür bestens gerüstet.

(*) Mit dem Hartz-IV-Gesetz wurde in Deutschland am 01.01.2005 das Arbeitslosengeld II, die Grundsicherung für erwerbsfähige Hilfebedürftige, eingeführt, das umgangssprachlich als „Hartz IV“ bezeichnet wird.

WOLFGANG KIL (* 1948, Berlin) studierte von 1967-72 Architektur in Weimar, von 1972-78 arbeitete er als Architekt im Berliner Wohnungsbaukombinat, Bereich Projektierung. Von 1978-82 war er verantwortlicher Redakteur der Fachzeitschrift "Farbe und Raum" im Verlag für Bauwesen Berlin. Seit 1982 ist er freiberuflicher Kritiker, Publizist und Ausstellungsmacher mit den Schwerpunkten Architektur, Public Design, Kunst am Bau, Photographie. Außerdem war Kil, der in Berlin lebt, von 1992-94 Redakteur der Zeitschrift "Bauwelt" Berlin. 1993 erhielt er den Journalistenpreis der Bundesarchitektenkammer, 1997 den Kritikerpreis des BDA und 2001 den Journalistenpreis des Märkischen Presse- und Wirtschaftsclubs Berlin.

Publikationen

"Hinterlassenschaft und Neubeginn. Photographien von Dresden, Leipzig und Berlin in den Jahren nach 1945." Leipzig 1989

"Land ohne Übergang. Deutschlands neue Grenze." Mit Photographien von Joachim Richau. Berlin 1992

"Last Exit Alexanderplatz." In: Der Architekt 4/95

"Rettung durch Umbau? Zum Problem der Altstadtsanierung in den Neuen Ländern." In: Baumeister Themenmagazin 4/1996

"Die andere Art zu sehen." In: Ingeborg Flagge (Hg.): "Streiten für die menschliche Stadt." Hamburg 1997

"Verhältnisse träumen oder Stadt zeigen." In: Ramona Schneider, Wilfried Wang (Hg.): "Macht und Monument. Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 2000." Stuttgart 1998

"Werksiedlungen Wohnform des Industriezeitalters. Zeitmaschine Lausitz." Dresden (mit Gerhard Zwickert)

"Gründerparadiese. Vom Bauen in Zeiten des Übergangs." Berlin 2000

"Neue Landschaft Sachsen." Dresden 2002

"Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt." Wuppertal 2004.

KONTAKT: w.kil@luxus-der-leere.de

Verfasser/in:
Elisabeth Lechner, Nachlese

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