David Adjaye und seine Idea Stores

Von „archithese“ bis zur „Zeit“ – der junge britische Architekt David Adjaye ist omnipräsent, seine Idea Stores viel besprochen. Mit dabei als Office Director: der Grazer

10/01/2006

Von „archithese“ bis zur „Zeit“ – der junge britische Architekt David Adjaye ist omnipräsent, seine Idea Stores viel besprochen. Mit dabei als Office Director: der Grazer Martin Käfer, Absolvent der hiesigen TU.

Aufmerksam wurde man auf David Adyaje, der 1966 als Sohn eines ghanaesischen Diplomaten in Dar-Es-Salam geboren wurde, 1999, als er mit der Club-Bar The Social in der Nähe der Londoner Little Portland Street einen absoluten In-Treffpunkt zuwege brachte.

Einen Namen gemacht hat sich Adjaye mit Häusern für ehemalige Studienkollegen und Freunde aus der Zeit seines Kunststudiums am Royal College of Art, bevor er zur Architektur wechselte. Das waren nicht irgendwelche Freunde, sondern Künstler, die im Boom der „Young British Artists“ erfolgreich geworden waren: der Maler und Turner-Preisträger Chris Ofili etwa, das Künstlerpaar Sue Webster und Tim Noble oder die Installationskünstlerin Melanie Swarovski. Er projektierte Umbauten von kleinen Fabriks- und Gewerbebauten oder typischen Londoner Backsteinhäusern, die er in passgenaue Wohnungen und Ateliers für seine Künstlerklientel transferierte – ausgefallene Hüllen für Individualisten, extravagant in ihrer Raumkomposition, im Umgang mit Licht und Lichteinfall. Extravagant bedeutet keinesfalls, dass diese Häuser luxuriös oder modisch-trendig wären, ganz im Gegenteil: sie sind sparsam in der Ausstattung, der Verwendung von Materialien und Farben. Außergewöhnlichkeit entsteht durch den phantasievollen Einsatz von Material, wenn zum Beispiel die Ziegelfassaden des Dirty House mit schwarzem, dicken Brandschutzanstrich, wie man ihn für Stahlkonstruktionen verwendet, versehen sind (der auch noch graffity-abweisend ist). Alle Häuser von Adjaye wirken einfach, unaufgeregt, dabei sinnlich und voller Poesie.

In die Weltspitze katapultiert haben die Kritiker Adyaje, seit die zwei ersten von sechs neuen Bibliotheken in East-London eröffnet wurden, für die er 2001 den Wettbewerbssieg davontrug. Seit damals, kurz nach einer Neuformation des Büros im Jahr 2000, ist Martin Käfer dabei, anfangs als einer von acht Mitarbeitern, die inzwischen zu rund dreißig anwuchsen. Der Absolvent der TU Graz (mit Praxiszeiten in Graz bei Alfred Bramberger und Heinz Wondra) ging 1999 nach London, arbeitete bei Michael Hopkins und wechselte zum richtigen Zeitpunkt zu Adyaje/Associates, wo er mittlerweile einer der beiden Direktoren des Büros ist. Dort wurde er bald bei der Planung der ersten Bibliothek, dem ersten Idea Store, eingesetzt.

Idea Store (?) - das braucht Begriffsklärung: Mit den Idea Stores plant die Stadt den vernachlässigten Londoner Osten, speziell die von Immigranten bewohnten Sozialwohnungsquartiere, aufzuwerten. Ziel des engagierten Konzepts einer „anderen“ Bibliothek ist, möglichst schwellenlos ein vielfältiges Informations- und Lernangebot anzubieten und die Bibliothek für junge Nutzer gleichermaßen wie für ärmere Schichten attraktiv zu machen. Tatsächlich ist der Idea Store in der Crisp Street, 2004 eröffnet, sofort angenommen worden und weist eine schier unglaublich hohe Besucherfrequenz in diesem Stadtteil auf, in dem sich viele Bewohner kaum Bücher, Zeitungen oder einen Internetanschluss leisten können. Der Idea Store ist mitten im frequentierten Zentrum des Quartiers und schiebt sich – ganz bewusst – über die Erdgeschoßzone eines kleinen, bazarähnlichen Einkaufszentrums. Das Gebäude ist wie ein Warenhaus konzipiert: sich automatisch öffnende Schiebetüren, eine hohe, lichte Eingangshalle, von der aus eine Rolltreppe ins Obergeschoß führt, direkt in einen offenen langgestreckten Bibliotheksraum. Der ist nur durch verschiebbare, schulterhohe Regale gegliedert, die ringförmig mäandernd zu kleinen intimen Landschaften zusammengeschoben werden können und einladende Räume bilden. Der Bildschirmzugang ist ebenso frei wie das Lesen der zahlreichen internationalen, vielsprachigen Zeitungen vor Ort und wer sich eines der Bücher für zu Hause ausleiht (auch in zahlreichen, für uns exotischen Sprachen), der lässt sich registrieren und kann das ohne großen bürokratischen Aufwand am Tresen tun. Adyaje verwendet für die Verbundkonstruktion aus Stahl, Holz und Glas unaufwändige, freundlich-einladende Materialien - helles Holz und mehrere Blau- und Grüntöne in den Streifen der Glasfassade – und unterstreicht damit das Unprätentiöse des Bibliotheks-Konzepts. Wer die Atmosphäre des Idea Store einmal erlebt hat, neben tief verschleierten zeitungslesenden muslimischen Frauen, der ist begeistert.

Anfang November wurde nun der zweite, wesentlich größere Idea Store in Whitechapel Road eröffnet. Martin Käfer war bei diesem Bau verantwortlicher Projektleiter. Idea Store zwei steht inmitten eines Marktplatzes unmittelbar an einer U-Bahnstation. Eine durchlässige Sockelzone bildet den Übergang vom Treiben am Platz in den „Ideenladen“. Auch hier arbeitet Adyaje mit typischen Elementen des Warenhauses: freier Zugang über Rolltreppen, kein zentraler Terminal, sondern mehrere, im Gebäude verteilt, weiters ein Angebotsmix aus Kinderkrippe, Räumen für alternative Therapieformen und einem Café – neben der Kernfunktion Bibliothek. Die Fassade zeigt eine deutliche Verwandtschaft mit jener des Idea Store eins; an einen Strichcode erinnernde schmale Streifen aus transparentem Glas, abwechselnd mit solchen in Blau- und Grüntönen.

Schade, dass die Verwaltung des Bezirks nicht alle sechs der geplanten Idea Stores realisieren wird. Erst ihrer seriellen Erscheinung wäre abzulesen gewesen, dass in der Ära Blair ein Bewusstsein für soziale Fragen entstand, das zumindest punktuell in den Idea Stores in Londons East End umgesetzt wurde.Buchempfehlung:

David Adyaje, Häuser (Deutsch)

RecyclingRefiguringRebuilding

herausgegeben von Peter Allison

Niggli Verlag, Zürich, 2005

ISBN 3-7212-0542-1

AUSSTELLUNGSEMPFEHLUNG:

"David Adjaye - Making Public Buildings"

Ausstellungsort:

Whitechapel Art Gallery

80-82 Whitechapel High Street

London, E1 7QX

Eröffnung:

23. Jänner 2006, 18.30 Uhr

Ausstellungsdauer: 24. Jänner bis 26. März 2006

Öffnungszeiten:

Di-So 11.00-18.00 Uhr, Do 11.00-20.00 Uhr

Die Ausstellung zeigt Adyajes Projekte, u. a. auch die Projekte für das Nobel Centre in Oslo und das Denver Art Museum.

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Netherlands Architecture Institute Maastricht, dem Studio Museum in Harlem, New York, dem Museum of Contemporary Art Denver und der Arario Gallery, Beijing.

Verfasser/in:
Karin Tschavgova, Bericht

Weiterführende Links

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Idea Store eins in der Crisp Street in Londons East End, 2004.
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Idea Store eins in der Crisp Street in Londons East End, 2004.
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Idea Store eins in der Crisp Street in Londons East End, 2004.
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Idea Store eins in der Crisp Street in Londons East End, 2004.
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Idea Store eins in der Crisp Street in Londons East End, 2004.
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Idea Store eins in der Crisp Street in Londons East End, 2004.
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Fotos 1-8: Karin Tschavgova
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Idea Store zwei in der Whitechapel Road, 2005 Foto: Adjaye/Associates
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Foto: Adjaye/Associates
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Foto: Timothy Soar
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Foto: Timothy Soar

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