"Das spannende an der Denkmalpflege ist, dass jedes neue Projekt eine Überraschung birgt und zum ständigen Weiterlernen auffordert"

Im Gespräch mit Eva Mohringer-Milowiz (BDA- Landeskonservatorat Steiermark) anlässlich ihrer Versetzung in den Ruhestand.

28/03/2008

Im Gespräch mit Eva Mohringer-Milowiz (BDA- Landeskonservatorat Steiermark) anlässlich ihrer Versetzung in den Ruhestand.

Frauen stehen nur ganz selten in den ersten Reihen der Hierarchie, dennoch leisten sie viel und Großartiges, meist gekoppelt mit der Schwierigkeit, Beruf, Familie und Haushalt unter einen Hut zu bringen. Selten werden sie öffentlich erwähnt oder geehrt. Angeregt durch die Aussage von Ex-Frauenstadträtin Kaltenbeck-Michl, anlässlich eines Frauenstadtspazierganges (GAT berichtete), dass die Geschichte der Frauen noch immer großteils verborgen sei, entstand die Idee, Frauen mit ihren vielfältigen Tätigkeiten im Medium GAT wieder mehr Raum zu geben.

Eva Mohringer-Milowiz ist eine dieser Frauen. Auch sie war Alleinerzieherin und hat ihren Beruf im Bundesdenkmalamt - Landeskonservatorat Steiermark über 37 Jahre ausgeübt. Mit 1. April 2008 scheidet sie aus dem aktiven Dienst. Elisabeth Lechner führte während eines Spazierganges durch die Altstadt von Graz (*) das folgende Gespräch.

Treffpunkt: Cafe Zeitlos, Hof Herrengasse 3, bemaltes Haus.

GAT: Eva, welche Arbeiten aus deiner beeindruckend, umfangreichen Werkliste sind für dich rückblickend die bedeutendsten gewesen?

E. Mohringer (E. M.): Die Entdeckung und Restaurierung der Fresken in der Pfarrkirche Altenmarkt bei Fürstenfeld. Man sagte mir, dass es dort nichts zu finden gäbe. Ich war misstrauisch, mein Instinkt sagte mir, da muss etwas sein. Ich habe nachgebohrt, bin hartnäckig geblieben. Fresken aus dem 14. Jahrhundert wurden gefunden und restauriert.

Als weitere wichtige Arbeit würde ich die Renaissance-Sgraffitohöfe in Graz nennen. Hauptplatz 16, Sackstraße 10, Bürgergasse, 4, Glockenspielplatz 7. Ich glaube ja, dass in allen Arkadenhöfen Dekorationen waren, die meisten sind schon weg-saniert. Bei diesen Höfen gelang es, die Dekorationen zu finden und sie auch zu restaurieren. (Im Hof der Burg gab es die einzigen bekannten Sgraffitodekos.)

GAT Wie entdeckt man etwas, wo niemand weiß, dass es da ist?

E. M.: Ich war lange Zeit nicht schwindelfrei und bin daher nie auf Gerüste geklettert. Bei der Baustelle Hauptplatz 16 im Hof sah ich einen merkwürdigen geraden Strich im 2. Stock, der nicht zufällig sein konnte. Ich musste hinauf aufs Gerüst. Zuvor kaufte ich mir beim Ferch einen Hammer und kletterte mit meinem ganzen (neuen) Mut hinauf. Ich klopfte Teile des Verputzes vorsichtig ab und entdeckte tatsächlich die Dekorationen. Von da an war ich auch schwindelfrei.

GAT: Das klingt nach Abenteuer. Man braucht auch diese gewisse Spürnase. Heute könntest du aber in der Innenstadt keinen Hammer mehr kaufen, höchstens einen Pickel im Sportgeschäft.

E. M.: Richtig, es ist jede Baustelle in gewisser Weise ein Abenteuer, und notfalls würde es auch ein Pickel tun, wäre halt etwas teurer. Bei der Baustelle Hof Bürgergasse 4 hat mich der Polier vom Gerüst gejagt. Ich habe einen Restaurator hingeschickt und glücklicherweise haben wir beim ersten untersuchten Fleck gleich einen Sgraffito-Reiter entdeckt. Im Reinerhof fanden wir sehr frühe Fresken, im Zackenstil wie kürzlich im Bischofshof. Leider war nur mehr die untere Hälfte der Madonna am Thron Salomonis übrig, da dieser Raum, eine ehemalige Kapelle, durch eine rezent eingezogene Decke geteilt ist und im oberen Geschoss nichts mehr vorhanden war.

GAT: Wie stehst du zur Unterschutzstellung zeitgenössischer Bauten?

E. M: Ich würde von der ‚Moderne’ sprechen. Ich war wesentlich daran beteiligt, dass die Thalia unter Schutz gestellt wurde.- (sie zeigt Fotos). Ich bemühte mich (leider vergeblich) um die Tankstelle in der Elisabethstraße und einige andere Objekte.

GAT: Was ist mit den 1950er-Jahre Möbeln der Thalia geschehen?

E. M. Die wurden auch unter Schutz gestellt, aber der Pächter hat das Gebäude nicht versperrt und die Möbel wurden einfach weggetragen. Es ist nichts davon erhalten geblieben. In den letzten Jahren hatte ich kaum mehr Baustellen in Graz, meine Tätigkeit wurde in die steirischen Bezirke verlagert. Zum Schluss betreute ich 6 politische Bezirke (von Deutschlandsberg, Leibnitz, über Radkersburg bis Hartberg). Eigentlich ist das nicht bewältigbar, wenn man die Baustellen wirklich begleiten will. (Eva zeigt einen ihrer gesammelten Stehkalender.) Ich bin erst jetzt darauf gekommen wie viele Projekte ich parallel bearbeitet habe.

GAT: Wir wissen, dass es nicht immer gelingt, Denkmäler zu erhalten.

E. M: Der gesellschaftliche Stellenwert der Denkmalpflege ist nicht hoch. Deshalb sind auch die Gesetze so zahnlos. Oft gibt es auch enorme Interesselosigkeit gegenüber Feinheiten, die aber mir als Denkmalpflegerin sehr wichtig waren. Wenig Verständnis habe ich dafür auch bei den Bauleuten der Landesregierung vorgefunden. Z. B. ist im Zuge von Landesausstellungen vieles zerstört worden, beispielsweise auf der Riegersburg. Die Argumente waren etwa, eine Erhaltung (von Strichen an der Wand der Gefängniszellen) störe den Ablauf der Ausstellung.

Bei der Umgestaltung des Priesterseminars habe ich drei Monate Bestandsaufnahmen im leeren Gebäude gemacht und viel Interessantes entdeckt. An der Kelleraußenwand gab es beispielsweise hangseitig einen Belüftungsgang. Die Keller sind staubtrocken. Das historische, statische System war sehr interessant. Suter und Suter hatten das Baurecht und wenig Verständnis. Vieles konnte ich nicht mehr retten. Eine Bauforschung über dieses Gebäude wäre äußerst interessant gewesen, wurde aber leider nicht gemacht.

Schmankerl am Rande: Einmal wurde ich in dem riesigen Areal eingesperrt. Glücklicherweise fand ich ein Fenster ohne Gitter zum raushupfen, und zweimal hat mich der Dompfarrer ‚Herr Ingenieur’ genannt.

GAT: Gab es spezielle Schwerpunkte, mit denen du dich beschäftigt hast?

E. M: Ja, ich habe mich mit Schmiedeeisen befasst. Es ist so, dass Stein und Eisen in der Denkmalpflege stiefmütterlich behandelt werden. Eisen wird meist sandgestrahlt und schwarz gestrichen, war aber ursprünglich oft bunt. Die Farbigkeit von Fenstern in der Fassade hat mich auch interessiert. Vor Einführung des Bleiweiß (19.Jh.) waren die Fenster immer farbig lasiert, lackiert oder nur natur. Erst mit dem Bleiweiß begann die Mode der weißen Fenster.

GAT: Was ist aus deiner Sicht wichtig, wenn Alt und Neu aufeinander treffen?

E.M.: Ich frage mich: Was macht das Denkmal aus? Was will der Architekt mit seiner Planung erreichen und ist es danach noch ein Denkmal? Ich sehe auch die Gefahr, dass man als DenkmalpflegerIn manchmal zu kleinlich wird. Schwierig ist auch, dass es keine Norm für Denkmalpflege gibt. Alles ist subjektiv. Problematisch im Umgang mit ‚moderne Architektur trifft auf Denkmal’ ist für mich auch das Kopieren einer guten individuellen Lösung auf andere Objekte. Ein Architekt hat eine gute Lösung erarbeitet, z. B. die Aufstockung einer alten Villa. Diese spezielle Lösung auf verschiedenste andere Situationen zu kopieren, degradiert die erste gute Lösung und wirkt in den nächsten Situationen schlecht und wird zum Abklatsch. Aber die Welt ständig neu erfinden zu wollen, birgt auch Gefahren in sich.

Wichtig für ein gutes Gelingen, wenn neue Bausubstanz in Denkmäler integriert wird, ist, dass es einen Architekten und einen Bauherren mit echtem Interesse gibt. Ein Problem sind für mich auch die narzistischen Architektur-Interpretationen - ich habe vor, ev. einmal eine Serie über egoistische, narzistische Bauwerke zusammen zu stellen. Aber auch EU-weite Ausschreibungen, wo die PlanerInnen meist keinen Bezug zum Ort haben, sehe ich als Problem.

GAT: Wie hast du deinen Job neben deinen Kindern als Alleinerzieherin geschafft?

E.M.: Die Alleinerzieherin habe ich voll durchgezogen, mit Halbzeitarbeit, das heißt halber Gehalt – der Staatsgehalt war auch mit 100 Prozent nicht sehr toll - und den entsprechenden Entbehrungen. Die Organisation war auch nicht ganz einfach. Aber in so einer Situation hat frau ungeahnte Energien.

Was mir aber wirklich auf den Kopf gefallen ist: meine Karrierechancen waren mit der Geburt meiner Kinder futsch. Ich spürte zum ersten Mal die Behandlung als Frau durch manche Kollegen und kein Hahn krähte mehr nach mir, ich war ja nur halbtägig…..

So war’s eben. Und ich bin froh, dass ich Kinder habe. Ich liebe sie und ich habe alles gern für sie getan!

GAT: Du hast mit deiner Familie in Schloss Freiberg gelebt.

E.M.: In den 1970er Jahren war Freiberg ein Kulturzentrum. Ein Schloss ist offensichtlich ein Anziehungspunkt für KünstlerInnen, PhilosophInnen und solche die etwas ähnliches sein wollen und mitnaschen wollen. Wir hatten ständig Besuch, manchmal zu viel. Im großen Schloss konnte man unterkommen, wenn man z. b. auf der Flucht (von zuhause) war, (wie Bernhard Hüttenegger, der dann drei Monate bei uns wohnte und schrieb, Produkt: der Roman ‚Tarnfarbe’ - über die Familie des Schlossherrn - durch den ich mir immer wieder die damalige Zeit herholen kann). Wir haben die ersten Brettschuh-Ausstellungen, Helmut Tezak hat seine großartigen Jazzkonzerte veranstaltet. Die EAV hatte im Festsaal ihren ersten großen Auftritt, Künstlerwochen fanden statt. 1987 zog ich mit den Kindern nach Graz. Von ca. 2000m² auf 60m²! Zu dritt. Das Leben war nun völlig anders, ein Schloss zieht Menschen an wie ein Magnet. In meiner kleinen Stadtwohnung fand nur wenig und geplanter Besuch statt. Wahrscheinlich zog ich mich auch selbst in mein Schneckenhaus zurück.

GAT: Was sind deine Interessen über die Denkmalpflege hinaus.

E.M.: Allgemein interessieren mich der Mensch in der Welt und der Gesellschaft,

Bildende Kunst, Schauspiel, Literatur und Musik. Grundsätzlich interessiert mich in allen diesen Bereichen das Einfache, das Archaische. Ich lese viel, momentan Lilly Brett, Christopf Ransmayer, Der gedachte Gott, Chinesisch heilen. Ich mag Akkordeonmusik von Otto Lechner, Jazz, Renaissancemusik, einstürzende Neubauten, Eric Satie. Ich liebe Pflanzen, nehme überall Samen mit und ziehe daraus Pflanzen – leider auf der Terrasse. (Ich suche dringend einen Garten mit Häuschen.)

GAT: Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

E.M.: Ich möchte Beratungen bei Sanierungen alter Gebäude anbieten und wenn möglich das Fotografieren als Künstlerin weiter entwickeln. Das freie Denken muss ich mir nach 37 Jahren Zeit- und Chefdruck erst wieder erarbeiten.

GAT: Danke für das Gespräch und den interessanten Spaziergang.

(*) Stationen des Spazierganges: Hof Herrengasse 3, Hauptplatz 16, Glockenspielplatz 7, Bürgergasse 4, Priesterseminar, Sporgasse, Murgasse (Libro 2.Stock).

Eva Mohringer Milowiz:

Geboren 1944 in Hatzendorf, aufgewachsen am Rosenberg in Villa mit großem Garten und Plumpsklo. Gymnasialzeit in Köln und Graz. 1962 Matura an der Kepler-Realschule. Architekturstudium bis 1970, Staatsprüfung mit einer Klausurarbeit „Künstlerkolonie“. Nach zwei Monaten Praxis in einem Architekturbüro in Villach wurde sie vom damaligen Landeskonservator Dr. Ocherbauer abgeworben. Seit Juli 1970 Arbeit im Denkmalamt. 1970-71 Stipendium in Paris, Kurs für Denkmalpflege. 1973 und 1999 Mitarbeit im Grabungsland Ephesos.

1976 Geburt von Sohn Thomas– drei Karenzjahre (zwei unbezahlt). 1980 Geburt der Tochter Amélie – zwei Karenzjahre. In der Karenzzeit übte Eva Mohringer Milowiz besonders viele handwerkliche Tätigkeiten aus, Schwerpunkt Textilien und fotografierte mit Selbstausarbeitung ab dem 6. Lebensjahr.

Bisherige Ausstellungen:

1998 Graz Landeskonservatorat ‚the wall’

2002 Graz Werkstatt Missenbäck ‚ein Requiem für Erich’

2004 Graz Werkstadt Graz , mein persönliches Archiv ‚meines erachtens’

2005 Graz Mediathek ‚2 positionen’

2007 Graz Kulturabteilung der Stmk. Landesregierung Ganggalerie ‘kulturmist’

2007-2008 Wagna Schloss Retzhof ‚what’s your reality’

2008 Graz, Lagergasse 18 ‚einfach schuh’

Ab 4. April 2008, MUWA „IM ÖFFENTLICHEN RAUM“

Fotos: Eva Mohringer-Milowiz, Elisabeth Lechner

Verfasser/in:
Elisabeth Lechner, Gespräch
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Die leidenschaftliche Fotografin Eva Mohringer-Milowiz im Jahr 1971. Foto: Archiv E. M.-M.
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Eva Mohringer-M. in Aktion (1993). Foto: Archiv E. M-M.
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Stadtspaziergang mit Eva Mohringer-Milowiz: Durchgang zum Hof in der Herrengasse 3
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Renaissance-Sgraffitohof Hauptplatz 16
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Renaissance-Sgraffitohof Hauptplatz 16
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Innenhof Priesterseminar
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Prokopigasse 2
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Bürgergasse 4: Das Detail zeigt eine für das 16. Jahrhundert untypische, weil verspielte Darstellung um eine Jahreszahl.
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Renaissance-Sgraffitohof Bürgergasse 4
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Eva Mohringer-Milowiz. Foto: Archiv E. M.-M.
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Eva Mohringer-Milowiz ist der Meinung, dass z. B. auch das Graffito am Haus Ecke Bürgergasse / Abraham a Santa Clara-Gasse unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.
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Fensterlaibungen im 2. Stock des Hauses in der Murgasse 3 (Libro)
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Fresken in der Pfarrkirche Altenmarkt b. Fürstenfeld. Foto: E. M.-M.

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