Pressekonferenzen von Filmfestivals erinnern mich immer an den Raum rund um die Kassen in Buchhandlungen. Da liegen die Stapel der Bücher, denen die Verlage und Rezensenten ein Scheinwerferlicht ermöglichten. Top Ten verkauft sich halt besser, egal ob Belletristik oder Sachbuch. Ist sich ein Kunde unsicher, weil er schnell noch ein Buch für ein Geschenk braucht, und fragt einen Verkäufer, wird er zuerst wieder an die Bestseller verwiesen. Will ich mir abseits des Umsatzträchtigen einen Überblick verschaffen, verfolge eine bestimmte Vorstellung, brauche ich Zeit zum Schmökern. Bücher haben dann den Vorteil, dass ich mich kurz einlesen kann und bald weiß, ob mir Thema und Stil gefallen.
Wesentlich komplexer und fragiler sind Filmfestivals. Da mein Online-Magazin von mir wissen möchte, welche Einreichungen sich nun mit Architektur beschäftigen, könnte ich mich gelassen zurücklehnen, an die Fantasie und Bereitschaft zum Assoziieren der potentiellen Kinogeher appellieren und mit „im Grunde genommen, eigentlich alle“ antworten. Ich könnte die Beispiele großer Architekturikonen, die sich von Dingen weit außerhalb ihrer eigenen Welten inspirieren ließen, heranziehen, wir könnten über die Bandbreite von informellem Design reden, ich könnte sogar einen provokanten Disput anzünden, warum ein im Wald laufender Riesenhase mehr mit Architektur zu tun hat als ein Film über das „Endless House“ Friedrich Kieslers.
Aber keine Sorge, ich werde den Hasen im Wald lassen und mich auf das Offensichtliche konzentrieren, zumindest vorerst. Der fantasievolle Architekt braucht meine Anregungen zum Finden des Bedeutsamen im Fremden ohnehin nicht.
Fast 150 Filme in unterschiedlichen Längen haben es diesmal ins Programm der Diagonale 2010 geschafft. Barbara Pichler, die Intendantin, hat knapp eine Stunde Zeit, die anwesenden Pressevertreter nach Kaffee und Kuchen auch mit Informationen zum Festival zu füttern.
Klaus Maria Brandauer wird heuer geehrt und persönlich anwesend sein. Da leuchten die Scheinwerfer natürlich hell. Für den Eröffnungsfilm „Der Kameramörder“ unter der Regie von Robert Adrian Pejo, nach einem Buch von Thomas Glavinic, gibt es ein informatives Presseheft und auch einen Trailer. Da die Handlung größtenteils in einem Designerhaus am Neusiedlersee spielt, ist auch schon am ersten Tag des Festivals ein Bezug zu unserem Thema gegeben.
Andererseits, am Eröffnungstag tummeln sich in der Helmut-List-Halle jedes Jahr unzählige Architekten im Premierenpublikum, unbeschadet, ob das Sujet des Filmes in die persönliche Profession passt oder nicht.
Blättern wir also in den, wenn wir die Werbeeinschaltungen außer Acht lassen, gut 250 Seiten des Diagonale-Katalogs. Zur Erinnerung: ich kann, abgesehen von den wenigen Filmen, die ich im Laufe des letzten Jahres selbst gesehen habe, über den Rest des Diagonaleprogramms nur vorlesen. Wie sich das Filmthema dann wirklich ansehen lässt, wissen wir erst, wenn die Lichter im Kinosaal ausgegangen sind. Aber das ist ja andererseits wieder das Feine an Festivals, die Chance auf ein Sitzabenteuer in unbekannten Gefilden, mit Glück sogar fußfrei.
Heinz Emigholz wird mit „Zwei Projekte von Friedlich Kiesler“ seine Trilogie über visionäre österreichische Architekten nach Filmen über Adolf Loos und Rudolph Schindler abschließen.
„Za Żelazną Bramą (Behind the Iron Gate)“ von Heidrun Holzfeind beschäftigt sich mit einer nach dem Zweiten Weltkrieg im Zentrum Warschaus errichteten Plattenbauanlage. Die Regisseurin beobachtet und interviewt die Bewohner der Siedlung im Spannungsfeld vom „Versprechen der Moderne und der kommunistischen Raumplanung“ (Zitat aus dem Diagonale- Katalog)
Clarissa Thieme hat sich an Orten, die Schauplätze von Kriegsverbrechen waren, umgeschaut. „Als ich nach dem Krieg nach Bosnien Herzegowina fuhr, habe ich darüber nachgedacht, ob man Abwesenheit wohl sehen kann.“ (Zitat Clarissa Thieme). „Was bleibt (Šta ostaje)“ nennt sich der Film ohne Fragezeichen.
Im Kurzfilm „Korridor“ versucht Bernd Oppl nach eigenen Worten „fixe Architektur und fluide Bewegung, durch welche der Raum verschwindet und wieder freigegeben wird“ zu verbinden.
Der Verleih beschreibt Sasha Pirkers Kurzfilm „Once at Miracle Mile“ über das 1939 von Rudoph Schindler geplante Pearl M. Mackey Apartment House in Los Angeles als „eine filmische Liebeserklärung an ein Haus, ernst und zart“.
„Tankstelle“ von Robert Schabus filmt eine zum Abriss stehende Tankstelle aus den Fünfzigern in einer einzigen fixen Einstellung und lässt im Off dazu die ehemalige Besitzerin die Geschichte und die Veränderung des Ortes erzählen.
Dem Alltag von Menschen im Altersheim im Kontext zur Wohnheimarchitektur widmet sich Julia Laggners Dokumentation „Heim ist nicht Daheim“.
Das wären also die offensichtlichen Beispiele. Aber es wäre nur die halbe Projektion, weitere Gustostückerl, die außerhalb von Festivals nur sehr schwer wieder zu sehen sein werden, ausgeblendet zu lassen.
Sebastian Brameshubers Doku „Muezzin“ über drei konkurrenzierende Rufer vom Minarett in Istanbul könnte ein Leckerbissen werden. „Hana, dul, sed…“ von Brigitte Weich und Karin Macher über das nordkoreanische Frauenfußballnationalteam, gedreht in Pyongyang, klingt außergewöhnlich. Und die Wiederaufführung vom 1931 hergestellten Wirtschaftskrisenfilm „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ (Drehbuch Bert Brecht) im Rahmen der Retrospektive des wiederentdeckten Werks des österreichischen Kameramanns Günther Krampf könnte zu spannenden, aktuellen Querverweisen führen.
Mit den beiden Personalen für den Österreicher Peter Schreiner und dem deutschen Romuald Karmakar präsentiert die Diagonale gleich zwei Filmemacher, die sich, wie die derzeitige Lichtgestalt des europäischen Films, Michael Haneke, in präziser, cineastischer Feinmechanik mit den menschlichen Innenräumen auseinandersetzen.
Das Filmarchiv Austria widmet die heurige Retrospektive dem Werk von Mansur Madavi. Madavi war auch einer dieser ganz großen, aber stillen österreichischen Filmemacher, die auf internationalen Festivals akklamiert, aber im eigenen Land abseits von Repertoirekinos unbeachtet blieben. Seine Filme wieder sehen zu können, wird Augen öffnen.
Leo Hauser erzählt im Katalog zur Einführung ins Werk des Regisseurs von einem Spaziergang Madavis mit einem Freund. Madavi „… blieb immer wieder stehen und starrte auf ein Stück Wand, deutete einen Kader an und sagte: Das ist Film.“
Also doch, auch ein Könner bestätigt: Alle Filme haben mit Architektur zu tun.
DIAGONALE 2010
Festival des österreichischen Films
in Graz
DI 16. bis 21. März 2010
ERÖFFNUNG:
16. März 2010, 19.30 Uhr
Helmut-List-Halle
Waagner-Biro-Straße 98 a
Diagonale-Eröffnungsfilm 2010
Der Kameramörder von Robert A. Pejo
Österreich/Schweiz/Ungarn 2010, 95 min.
8020 GrazTickets und Programm:
A1 Freeline 0800/664 080
6. bis 21. März, 10.00–18.00 Uhr
Cafe Promenade, ab 6. März, 10.00-18.00 Uhr
Festivalzentrum im Kunsthaus, ab 6. März, 10.00-18.00 Uhr
Gäste-/Pressezentrum im HDA Graz, Palais Thinnfeld, ab 6. März, 10.00-18.00 Uhr
ab
- Verfasser/in:
- Emil Gruber, Empfehlung
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