Eine neue Publikation dokumentiert das vielschichtige Stadtteil-Projekt „Herklotzgasse 21 - Jüdische Räume in einem Wiener Grätzel“, dessen Ergebnisse bereits im vergangenen Herbst in einer gut besuchten Ausstellung präsentiert worden sind. Idee und Initiative dazu sind nicht von einer auf die Aufarbeitung zeithistorischer Themen spezialisierten Institution ausgegangen, sondern entstanden quasi aus dem persönlichen Interesse von Menschen, die der Geschichte des Ortes, an dem sie täglich arbeiteten, nachzugehen begannen.
Namensgebender Ausgangspunkt des Projektes war ein Gebäude: das Haus Herklotzgasse 21 im 15. Wiener Gemeindebezirk. Judith Pühringer und Michael Kofler hatten auf der Suche nach einem Altbau-Büro hier Räumlichkeiten gefunden. Im Lauf der Zeit erschlossen sie für sich die wechselvolle Vorgeschichte dieses Hauses, die für sie spürbar, aber nicht sichtbar war. Sie wussten zunächst nur vage, dass es bis vor kurzer Zeit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gehört hatte und dass vor dem Krieg dort JüdInnen gelebt hatten. „Wir begannen zu recherchieren und erkannten bald, dass die Herklotzgasse 21 ein Knotenpunkt für jüdisches Leben im 15. Bezirk gewesen war.“
Tatsächlich hatte es in dem Gebäude einen jüdischen Kindergarten, den Turnverein Makkabi XV, eine Armenausspeisung und weitere Fürsorgevereine sowie ein Lokal der zionistischen Bezirkssektion gegeben. Darüber hinaus lag das Haus auch in der Nähe des (1938 zerstörten) „Turnertempels“, einer monumentalen Synagoge im historistischen Stil, und einem orthodoxen Bethaus, der Storchenschul, als weiteren Identifikationspunkten des jüdischen Lebens in dieser Vorstadtgemeinde. Moshe Jahoda, der hier aufgewachsen, in der NS-Zeit von hier geflohen und dessen gesamte zurückbleibende Familie ermordet worden war, bezeichnete in einem Gespräch diese drei „Zufluchtsburgen“ als „Dreieck seiner Kindheit“. Damit war ein Bild für die räumliche Verortung der Erinnerungsstränge gefunden.
Gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Georg Traska wurde die Idee zu einem groß dimensionierten Ausstellungs-, Vermittlungs- und Buchprojekt entwickelt, für welches die InitiatorInnen in Israel zahlreiche Interviews mit Überlebenden und deren Nachkommen führten. Während diese Video-Dokumente gemeinsam mit physischen Erinnerungsspuren das Herzstück der Ausstellung bildeten, setzt das Buch, unterstützt durch weitere AutorInnen, nun den Rahmen noch breiter an: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde „Sechshaus“ und die Herkunft ihrer BewohnerInnen wird ebenso untersucht wie das Schicksal der jüdischen Bevölkerung unter der NS-Herrschaft. Vieles davon war erst wenig erforscht, liegt das Vorstadtviertel doch abseits der bekannteren Kristallisationspunkte des „jüdischen Wiens“.
Das Projekt sollte jedoch nicht auf die Aufarbeitung der Vergangenheit beschränkt bleiben. Deshalb liegt ein weiterer Schwerpunkt des Buches auf der Frage nach der Bedeutung von Geschichte und Gedächtnis für die Stadtentwicklung und Stadtteilarbeit.
Judith PÜHRINGER / Michael KOFLER / Georg TRASKA (Hg.):
Das Dreieck meiner Kindheit
Eine jüdische Vorstadtgemeinde in Wien
223 Seiten, Format 18 x 27
Mandelbaum Verlag
€ 19.90
ISBN: 978385476-279-9
- Verfasser/in:
- Antje Senarclens de Grancy, Buchrezension
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