Daniel Libeskind "Breaking Ground - Entwürfe meines Lebens"

Die deutsche Ausgabe des Buches von Daniel Libeskind ist im Dezember 2004 bei Kiepenheuer & Witsch, Köln, erschienen.

07/03/2005

Die deutsche Ausgabe des Buches von Daniel Libeskind ist im Dezember 2004 bei Kiepenheuer & Witsch, Köln, erschienen.

Kaum einer oder eine beginnt ein Buch so beiläufig wie Daniel Libeskind sein "Breaking Ground": Goethes Farbenlehre gehört einer seiner ersten Überlegungen, darauf folgt sofort die Frage, was der Autor denn nun an einem architektonischen Werk schätze: Dass es Träger einer Geschichte, besser noch, mehrerer Geschichten, sei – etwas, mit dem mittelmäßige, kraftlose Architektur nicht mithalten könne, weil diese immer nur ihre eigene erzähle. Durch diese Verschränkung seiner Architektur mit dem Text darüber ist eben dieses Buch gut. Es wendet sich bedingungslos zur Welt hin, fesselt und führt zu den Kultur-Bruchstücken, zu den Ruinen und zum Ungebauten, zu Falten und Verwerfungen, und dann natürlich zu den ganz großen tragischen Ereignissen und weit ausholenden Antworten darauf.

So lässt sich Libeskind von seinen Geschichten tragen: Von jener, wie er im Oktober 2002 mit seiner Frau Nina in das Riesenloch in New York nach der Zerstörung der Zwillingstürme, nach der Entfernung des Schutts, hinuntersteigt. Wie er in eben diesem Loch eine gigantische Abdichtungsmauer aus Beton, die zugleich die Funktion eines Fundaments hat, entdeckt, und er darüber halb erstaunt, halb beschämt ist: Er geht damit um bzw. beschreibt seinen Umgang mit dieser Entdeckung, als ob er gerade einer Frau die Unterhose ausziehen würde. Droht Inkontinenz? Ist diese Stadt eine weibliche Größe? Die der Hudson River vernichten könnte? Da sei Lady Liberty vor!

Und schon ist der Architekt mitten im Deklinieren von Symbolen. Darum geht es ihm auch: auszusprechen, dass Orientierungspunkte und damit Monumente wichtig sind für Menschen.

Es trägt ihn die Geschichte seiner Eltern aus dem polnischen Lodz, die unter Stalin in russische Arbeitslager kommen und sich nach der Entlassung kennen lernen und mit den Kindern nach Israel und später in die Vereinigten Staaten emigrieren. So nebenbei erfährt man, dass Anne Applebaum in ihrem Werk "Der Gulag" die Anzahl der Gulag-Häftlinge zwischen 1929 und 1953 mit 28,7 Millionen angibt, dass es im Jahr 1940 allein weit über eineinhalb Millionen waren; oder dass seine Mutter direkt vom berühmten Rabbi Löw von Prag, dem Schöpfer des Golem, abstammt oder dies zumindest behauptete.

Zwischen vielen solchen mehr oder weniger abgeschlossenen Geschichten fügt er seine Gegenwart, erzählt er vom Bauen. Und das ist dann schon ein richtiges Epos mit Helden, tapferen Frauen, Getreuen und echten Bösewichten.

Libeskind muss bei jedem Projekt Prüfungen be- und Versuchungen widerstehen. Wie er (1988) zum Wettbewerb für den Neubau des Jüdischen Museums Berlin geladen wird, stellt ihm die italienische Post die Einladung um zwei Monate zu spät zu. Sein Projekt zur Neugestaltung des Berliner Alexanderplatzes (1993) wiederum droht an einem strengen Stadtbaudirektor namens Stimmann zu scheitern.

Die größte Prüfung aber – und darum dreht sich das Buch eigentlich – ist der World Trade Center - Wettbewerb in Manhattan. Ende 2002 werden die Projekte präsentiert, die im Jänner darauf von über 80.000 Personen begutachtet werden. Zehntausende kommentieren, die Internethomepage des Bauträgers LMDC registriert acht Millionen Zugriffe, Libeskind konferiert, trägt vor, trifft sich mit den Opfern. Sein Kontrahent heißt Larry Silverstein. Er ist Projektträger und Financier und zwingt den Sieger des mehrstufigen Wettbewerbes in einen Vertrag, oder besser, in eine Ehe mit SOM, einem, wie Libeskind meint, etwas abgetakelten und auf alle Fälle ideenlosen Architekturbüro, geleitet von David Childs, der gleich bei der ersten Begegnung den von unserem Helden, nota bene, eben erst entworfenen Freedom Tower versetzen möchte! Es kommt zum Krieg. Unterhändler werden aktiv, und unter Druck der Politik wird ein Waffenstillstand ausgehandelt: Das Studio Daniel Libeskind entwirft 49%, SOM mit Childs an vorderster Front 51% des Hochhauses. Libeskind tröstet sich, indem er sich die großen historischen Beispiele für Kooperationen vor Augen hält: jene zwischen Bramante, Michelangelo und Maderna im Petersdom zu Rom, oder jene zwischen Phil Johnson und Mies van der Rohe beim Seagram Building in New York. Wird auch ihm die Übung gelingen?

Am 4. Juli 2004 wird die Baustelle für den Freedom Tower eröffnet. Libeskind hat dank zahlreicher Bündnisse die Höhe und damit die Symbolik des Turms erfolgreich verteidigt!

Libeskinds Architektur mag gefallen oder nicht, seine Literatur ist unvergleichlich, weil gescheit, kritisch, dabei witzig. Er ist ein passionierter Argumentierer, rekurriert von der Architektur zur Musik, zu Mozart, zu Schönberg (dessen Oper "Moses und Aron" nicht vollendet werden konnte, und der er mit dem Jüdischen Museum Berlin (1989) einen dritten Akt hinzufügt, der in der Leere des Raums, mit den Schritten der Besucher als Stimmen, spielen könnte), zur Geschichte sowieso. Am wichtigsten aber ist, dass er der Architektur eine Sprache und einen Ausdruck gibt, und sei's um das Risiko des Pathos, das er allerdings immer ganz rasch durch seine Selbstironie bricht."Broken Ground - Adventures in Life and Architecture"

Daniel Libeskind, Sarah Crichton

Riverhead Books, September 2004

$27.95

"Broken Ground - Entwürfe meines Lebens"

Daniel Libeskind, Sarah Crichton

Kiepenheuer & Witsch, Dezember 2004

Gebundene Ausgabe, € 22, 90

Verfasser/in:
Maria Nievoll "Rezension"

Weiterführende Links

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Die deutsche Ausgabe des Buches "Breaking Ground - Adventures in Life and Architecture" von Daniel Libeskind

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