Dadurch ist der/die AutorIn ein Text, infolgedessen loopen die Persistenzen zu eigenwilligen Soziolekten

„Ohne Titel. Der/die AutorIn tituliert Texte durch eine versuchsweise Kunst“ ist im Kunstverein Medienturm in Graz bis zum 21. August 2010 zu sehen.

13/08/2010

Der Kunstverein Medienturm auf der Suche nach Autor und Text-Werk in der bildenden Kunst

Ein Text, schrieb Roland Barthes 1968 („Der Tod des Autors“), besteht nicht allein aus einer Wortzeile, „sondern aus einem mehrdimensionalen Raum“, in dem vielfältige Schreibweisen miteinander „harmonieren oder ringen“. Ein „Geflecht von Zitaten“ sei der Text, „die aus den tausend Brennpunkten der Kultur stammen“. Die Macht des Autors bestünde allein darin, nach eigenem Ermessen, die verschiedenen Schreibweisen von Inhalten dergestalt zu mischen und gegeneinander auszuspielen, dass er sich niemals auf nur eine von ihnen stützt. Daraus zu schließen bleibt, dass jeder Autor in der Kulturgeschichte des Textes verschwinden müsste. Oder salopp zusammengefasst: Was gesagt und geschrieben wurde, wurde zuvor schon von anderen gesagt und geschrieben, ein Autor arrangiert die Inhalte im neuen Duktus und jeder Text wäre auch als eine Art Hypertext und Verweis auf diverse Zusammenhänge zu lesen.

Plastisch dargestellt entspräche diese Haltung einer raumfüllenden Installation von Nikolaus Gansterer mit dem Titel „Mnemocity (Figures of Thought II – VI)“. In einem dreidimensionalen „Geflecht von Zitaten“ auf Papierstreifen scheinen die darauf gedruckten Inhalte wie aus verschiedenen Richtungen in einem Zentrum zu kulminieren. In Analogie zum Gen ist das so genannte Mem ein Gedankengebilde, das sich, nach dem Biologen Richard Dawkins, gewissermaßen selbständig in den Kulturen von Gesellschaften fortpflanzt, entwickelt und letztlich nicht mehr auf einen Autor verweist.

Birgit Rinagl und Franz Thalmair haben für den Kunstverein Medienturm eine Ausstellung konzipiert, die zum einen sprachlichen Text als inhaltliches und formales Element in der bildenden Kunst behandelt, die darüber hinaus allerdings auch dem Verschwinden des Autors (und in der Gegenwart angekommen, der Autorin) hinter dem, was gemeinhin als „Text“ bezeichnet wird, nachgeht. Demgegenüber ist vielleicht der Ausstellungstitel „Ohne Titel“ nicht ganz glücklich gewählt, wenn Kuratorin und Kurator erklären, die Schau hinterfragte „eine vom Kunstmarkt forcierte Orientierung an Subjekt und Lebenslauf als bedeutungsstiftende Kriterien in der Bewertung von Kunst“. Geht es nun um die Anonymisierung des Werks oder der Autorin, des Autors?

Wie auch immer: Die gezeigten Arbeiten mögen das vage Thema vielleicht assoziativ umkreisen wie die erwähnten Meme – die Auseinandersetzung mit den einzelnen Installationen ist die Anstrengung allemal wert. Mit „Unbekannte Avantgarde“ (2008) erstellt etwa Anna Artaker eine fiktive Parallelgeschichte von Künstlerinnen, die maßgeblich Moderne und Avantgarde geprägt hätten. Zehn Reproduktionen historischer Fotografien von Künstlergruppen wie Dadaisten, Surrealisten, Cobra oder Bauhaus stellt sie Umrisszeichnungen zur Seite, in denen die abgebildeten Personen ausgewiesen werden. Während im Original durchwegs Männergruppen mit „Quotenfrau“ zu sehen sind, kehrt Artaker das Geschlechterverhältnis um: So werden beispielsweise aus Kurt Kren, Hans Scheugl oder Peter Weibel nun Linda Christanell, Mara Matuschka und Lisl Ponger.

Der Untertitel der Ausstellung und die ihn produzierende Maschine wiederum führen näher an die These vom Verschwinden des Autors. „Der/die AutorIn tituliert Texte durch eine versuchsweise Kunst“. Was sich wie (pseudo-) intellektueller Kunstsprech liest, stammt wie die Überschrift zu diesem Artikel aus einer Maschine, die jederzeit unter http://worte.at oder http://art-words.net konsultiert werden kann. Erfunden haben den Textgenerator Miriam Laussegger und Eva Beierheimer. Er basiert auf einer Sammlung von rund 3500 „Fachwörtern“ aus Katalogen, Vorträgen und Vorlesungen, die um eigene Worte ergänzt werden können, womit sich schließlich die Frage erübrigt: Wer spricht?

Das Scheinangebot einer inzwischen liquidierten Internetplattform an KünstlerInnen, mittels Publikation und Webauftritt reich und berühmt zu werden, unterwanderte Michael Kargl. Seine Einreichung per Serien-eMails bestand aus 200 weißen Flächen, die das begrenzte Kunstverständnis der Unternehmer bald an den Tag legten. Und in einem Video aus 50 kurzen Kamerafahrten auf immer wieder denselben Inhalt – eine Schauspielerin, die ein Feuerzeug entzündet – stellt Miriam Bajtala zeitliche und räumliche Bewegung in eins. Ebenfalls mittels Video montiert Jörg Piringer Text/Sprache zur rhythmischen Komposition.

„Ohne Titel. Der/die AutorIn tituliert Texte durch eine versuchsweise Kunst“ ist im Kunstverein Medienturm in Graz bis zum 21. August 2010 zu sehen.

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Empfehlung

Weiterführende Links

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Nikolaus Gansterer, Mnemocity (Figures of Thought II - VI) (2005/2010), Foto: wm
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Anna Artaker, Unbekannte Avantgarde (2008), Installationsansicht Gruppe Zielscheibe, Foto: Anna Artaker
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Miriam Laussegger / Eva Beierheimer, „worte /installation“ (2010). Foto: wm
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Miriam Bajtala, arbeiten für ohne titel – Sammlerversion (2008/2009), Foto: Rainer Iglar

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