Zurück in die Zukunft einer kritischen Architektur
Mit Cristiano Toraldo di Francia war am 17. Mai einer der Köpfe der einflussreichen italienischen Architektengruppe Superstudio zu Gast an der TU Graz. Nach einer kurzen Einführung durch Klaus Loenhart, Vorstand des Instituts für Architektur und Landschaft, startete di Francia den Vortrag, der das sehr gemischte Publikum auf zwei Ebenen ansprach: Für die einen war es eine spannende Schau faszinierender Visionen, für die anderen ein Blick in die Gedankenwelt eines der vielleicht scharfsinnigsten und poetischsten Vertreter der kritischen Architektur.
1966 gründeten er und Adolfo Natalini gleich nach dem Abschluss ihres Architekturstudiums in Florenz die Gruppe Superstudio, bald stießen Piero Frassinelli, Alessandro und Roberto Magris und später Alessandro Poli dazu. Ihre Idee einer Superarchitektur, einer Architektur der Kritik anstatt ausschließlich der konkreten Planung von Gebäuden, präsentierten sie noch im selben Jahr gemeinsam mit der befreundeten Gruppe Archizoom in der Ausstellung Superarchitettura. Sie stellten die Fähigkeit der Architektur infrage, die Welt nachhaltig verbessern zu können, ebenso wie den vorbehaltlosen Glauben an die Technik, zwei wesentliche Charakteristika der Architektur der Moderne, die sie in den 60er Jahren an einem Punkt des intellektuellen Stillstands angekommen sahen.
Das Konzept von Superstudio war ein Anti-Design, das für jeden Menschen einen funktionalen Lebensraum ohne überflüssige Objekte bieten sollte. Funktion ist dabei, anders als bei den Modernisten, auch als Funktion von Emotion zu verstehen. Ihr Medium waren Collagen, Fotomontagen und Skizzen, in denen sie visionäre städtische Szenarien entwarfen. Die Kraft der im Vortrag gezeigten Bilder war so beeindruckend, dass sich einige jüngere Zuhörer gar nicht vorstellen konnten, wie diese ohne Computer entstanden sein können. Die Projekte erzählen über die Architektur von Gesellschaft und Politik, entwerfen ironische Möglichkeitswelten. Viele der Ideen, die mit Maßstabslosigkeit, neuen Materialien und der Veränderung von Kontext arbeiten, entwickelten sich zu Designobjekten, die stets zu aktivieren und provozieren versuchten, um bei den Benutzern Reaktionen und Verhaltensänderungen hervorzurufen.
1968 entwickelte Superstudio die Histograms of Architecture: dreidimensionale Architektur-diagramme, farb- und maßstabslos und ohne eine festgelegte Funktion. Die Menschen sollten selbst entscheiden, was sie mit diesen Objekten machen wollen. Die reinen, geometrischen Formen, überzogen mit einem schwarzen Raster, fanden aber ebenfalls ihren Weg in die Produktion: Die Interieurserie Quaderna wird von Zanotta bis heute hergestellt. Das puristische Designobjekt in Verbindung mit billigem Laminat kann als ironischer, aber funktionaler Kommentar zur gesellschaftlichen Desillusionierung gelesen werden. Aus der Sicht di Francias, der die Entwürfe von Superstudio als Forschung versteht, zwingt das System der Architektur- und Designproduktion am Ende jede Idee in ein Objekt, was eine radikale Abkehr vom Konzept des Objekts erfordert.
Die Arbeiten der umfangreichen Serie The Continuous Monument, An Architectural Model for Total Urbanisation üben eine scharfe und ironische Kritik am zeitgenössischen Städtebau. Als ein einzelnes Stück Architektur, formal den Architektur-Histogrammen nah, das sich über die ganze Erde ausbreitet, stellt es eine irritierende Dystopie dar. Eine Stadt ohne Fassade, deren Qualität in ihrer Quantität liegt, wie es später Rem Koolhaas in seiner Theory of Bigness beschreibt, als Persiflage auf die Megastruktur – wobei Texte und auch der Vortrag zeigen, dass sich sogar die Akteure selbst nur schwer der Faszination der dahinterliegenden gesellschaftlichen Ideen entziehen konnten.
Als Supersuperficie (Super Surface) wird The Continuous Monument zur reinen, demokratischen Umgebung. Das über die Erde gelegte, endlose Raster erhebt Anspruch, die Natur zu ordnen und schafft eine absolute Gleichberechtigung: Jeder Punkt im Raster ist gleichwertig, eine Identifizierung mit einem Ort ist nicht mehr möglich und auch nicht notwendig. Die Utopie wird polemisch ins Negative verkehrt, unrealisierbar und in Wahrheit ein erschreckender Ort. The Continuous Monument taucht in humorvoll verstörenden Fotomontagen an bildgewaltigen Orten wie Manhattan, dem Kolosseum oder den Niagarafällen auf oder umschließt Bauwerke wie die Golden Gate Bridge. Ebenso ironisch präsentieren sich die Arbeiten der 70er Jahre, wie die 12 Ideal Cities, gruselige Dystopien von Städten der Zukunft, oder die Persiflagen auf die Diskussionen über die Erhaltung von historischen Stadtkernen: Die Architekten fluten die Altstadt von Florenz – nur die Turmspitzen ragen aus dem Wasser – um so alle historischen Schichten zu konservieren.
Zu Graz hatte Superstudio immer eine besondere Beziehung – sie sahen es als symmetrische Stadt zu Florenz – und waren hier mit mehreren Ausstellungen präsent. Di Francia begeisterte mit mehreren Fotomontagen der Grazer Altstadt, sowohl im gefluteten Zustand als auch umschlossen von einem Continuous Monument.
Die einst radikalen Theorien von Superstudio über den Einfluss von Architektur auf die Umwelt, die Gefahren neuer Technologien und die Komplexität sozialer Fragestellungen sind heute Standard für alle verantwortungsvollen Architekten und Designer und beeinflussten Größen wie Koolhaas, Sejima oder Zaha Hadid. Genauso wie die Überzeugung, dass sich architektonische Praxis nicht allein auf die Produktion von Gebäuden beschränken darf.
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Bericht




