A City Is Born

Kann sich Urbanität in monofunktionalen Industriekomplexen entwickeln? Die Macher der Paju Book City in Korea haben sich dieser Frage gestellt.

18/01/2006

Industriekomplexe sind langweilig, und das mag wenig überraschen. Wenn an einen Ort wenig mehr Anforderungen gestellt werden als optimale Erreichbarkeit, problemloses Parkieren und störungsfreie Produktion, kann sich schwerlich das entwickeln, was man landläufig „Öffentlichkeit“ oder „Gemeinwesen“ nennt – auch, wenn die Zahl der in Industriekomplexen arbeitenden Menschen die Bewohnerzahl gewöhnlicher Ortschaften oft um ein Vielfaches übersteigt. In Korea wurde der Neubau des künftigen Zentrums der südkoreanischen Verlagskultur mit ursprünglichem Namen „Paju Publishing Culture Information Industrial Complex“ zum Anlass genommen, einen Industriekomplex als städtisches Gebilde mit urbanen Qualitäten zu entwickeln. Entstanden ist die 2003 eröffnete „Paju Book City“, ein weltweit einzigartiges Beispiel für die programmatische, am menschlichen Maßstab orientierte Konzeption einer Stadt, im Zusammenspiel mit moderner Architektur sowie wirtschaftlichen und infrastrukturellen Notwendigkeiten. Der Komplex entsteht auf einem 150 Hektar großen Areal unweit von Seoul und ist als autarke Metropole konzipiert, in der jeder Arbeitsschritt der Buchproduktion – vom Lektorat über Druck bis Vertrieb – ausgeführt werden kann. Das Kunsthaus Graz zeigt gegenwärtig in Kooperation mit der TU Graz eine aufwändig gestaltete Ausstellung zum koreanischen Großprojekt.

Welche Philosophie lag der Entwicklung von Paju Book City zugrunde? Dem Planerteam rund um den koreanischen Architekten Seung H-sang und den an der North London University lehrenden Architekten Florian Beigel ging es in ihrem Projekt im Grunde um weit mehr als nur darum, einen Industriekomplex als Stadt zu entwickeln. Ihr gestalterisches Leitbild für Paju Book City versteht sich als der Versuch einer Neudefinition von Stadt im Allgemeinen, da deren traditionelle Qualitäten in Korea durch die kritiklose Übernahme westlicher Planungsmodelle verloren gegangen sind. „Effizienz und Komfort,“ führt Seung H-sang im Katalog zur Ausstellung aus, „jene zwei Schlüsselbegriffe in der zeitgenössischen Architektur, haben dazu geführt, dass wir nach Vorgaben handeln, die von immer kürzeren Bauzeiten und umfassenderen Programmen bestimmt sind, sodass wir am Ende nur noch erschöpft sind. Eine gebaute Umwelt mit einem gewissen Anteil an ‚ineffizienter Unbequemlichkeit’ zwingt uns dagegen, uns Fragen zu stellen, so dass wir Sinn und Werte unseres Lebens neu bekräftigen können.“ Sein Kollege Florian Beigel pflichtet ihm bei und spricht von Stadt als „lockeres, unfertiges Gebilde, das von den Bewohnern selbst ausgebaut werden kann.“

Als Seung H-sang und Beigel gemeinsam mit drei weiteren koreanischen Architekten 1997 eingeladen wurden, Paju Book City architektonische Gestalt zu geben, waren sie zunächst mit einem weitestgehend unbefriedigenden, weil militärisch strukturierten Stadtentwicklungsplan der Graduate School of Environment der Seoul National University konfrontiert. Das Planerteam beschränkte sich in der Folge auf die Überarbeitung des Entwicklungsplans durch übergeordnete architektonische Leitbilder; die Ausformulierung der einzelnen Gebäude wurde im Sinne gestalterischer Vielfalt an 37 koreanische und internationale ArchitektInnen – unter letzteren Namen wie Kazuyo Sejima, Foreign Office Architects oder Xaveer de Geyter – übertragen. Ein Großteil der Bauten wurde bereits seinen Nutzern übergeben.

In der Tat offenbart das gestalterische Leitkonzept von Paju Book City einen überaus sensiblen Umgang mit topografischen und naturräumlichen Gegebenheiten des bis 1999 gänzlich unbebauten Geländes. Innovative städtebauliche Typologien wie etwa die Produktionshallen der „Highway Shadow Unit“, die sich im Schallschatten der nahe gelegenen Autobahn ausbreiten, die kleinmaßstäblichen Verlagshäuser der „Bookshelf Unit“ oder die an einem mäandrierenden Gewässer gelegen nierenförmigen Bürobauten der „Stone Unit“ ergeben eine vielfältige stadt-landschaftliche Kollage, in der die Gebäude, die generell eine Höhe von vier Geschoßen nicht überschreiten dürfen, gestalterisch eingebettet sind. Bauliche Abgrenzungen zur Straße wurden nicht genehmigt, dafür durchziehen öffentliche Wege in Form von Grüngürteln privaten Raum und erzeugen so Zonen, deren Funktion stets neu unter den Bewohnern ausverhandelt werden kann.

Dennoch: Die von den Planern intendierte Gemeinschaftlichkeit von Paju Book City erscheint fragwürdig, und dies weniger aufgrund der durch den ursprünglichen Stadtentwicklungsplan nach wie vor dominierenden Strenge der gesamten Anlage; es ist vielmehr deren Monofunktionalität, die vielfältigen, auch einander widersprechende Nutzungsformen – Grundlage jeglicher Urbanität – zuwiderläuft. Zwar beherbergt Paju Book City, dessen pure Existenz mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Buchbranche steht und fällt, in Form des Informationszentrums Asia auch öffentliche Einrichtungen, zudem zwei Einkaufszentren; das dort vorhandene Angebot, unter anderem Kinos, World-Food-Store und Luxusgeschäfte, offenbart allerdings schnell den exklusiven Charakter zukünftiger Besucher. Und es ist überraschenderweise gerade auch die hohe architektonische Qualität der einzelnen Gebäude, die jener von Beigel erdachten schrittweisen Vervollständigung der Stadt durch ihre Bewohner entgegensteht. Paju Book City ist entgegen Beigels Intention eine zu Ende entworfene Stadt, und die Qualität der einzelnen Architekturjuwele nötigt dem Besucher Respekt ab. Das mag gut sein für die Öffentlichkeitswirksamkeit des Gesamtprojekts aufgrund der zu erwartenden Besucherströme interessierter Architekturtouristen; für die informellen Weiterentwicklung von Paju Book City zu einem vielschichtige Stadtkörper ist ein derartiges Ambiente aber denkbar ungeeignet.

Mag es auch verfrüht sein, Urteile zu fällen: Ob Paju Book City in Abhängigkeit marktwirtschaftlicher Prämissen trotz aller gestalterischen Ambitionen im Stadium eines künstlichen Urbanismus verharren wird oder tatsächlich als Modell einer neuen Stadt angesehen werden kann – interessierte BesucherInnen haben noch bis 25. Januar Gelegenheit, sich im Kunsthaus Graz dazu eine Meinung zu bilden.

Verfasser/in:
Fabian Wallmüller, Kommentar
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Ausstellung Paju Book City – noch bis 25. Januar 2006 zu sehen im Foyer des Kunsthaus Graz, Lendkai 1. Öffnungszeiten: Di-So 10.00-18.00 Uhr, Do 10.00-20.00 Uhr, Mo geschlossen. Kurator: Kim Young-joon; Konzeption: AedesBerlin; Veranstalter: Kunsthaus Gra
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Collage städtebaulicher Typologien: Highway Shadow Unit (links unten), Bookshelf Unit (mitte links), Canal Loft Unit (mitte oben), Urban Island Unit (rechts außen), Stone Unit (rechts unten).
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Stone Unit
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Modelle architektonischer Juwele, gut aufgehoben in tresorähnlichen Ausstellungsarchitekturen: Trotzdem darf angefasst werden. Fotos: Kunsthaus Graz

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