Die Bürgerinitiative „5 vor Graz“ lud am 27. Jänner 2009 zu einer BürgerInnenversammlung in den Volksgarten-Pavillon in Graz.
Existenzängste der Annenstraßenkaufleute waren für Gerald Sattler, Sprecher von „5 vor Graz“, der Hauptgrund für die Gründung der BürgerInneninitiative.
Peter Weixelberger und Klaus Strobl vom Institut für Urban Management präsentierten eine neue Studie zur Annenstraße mit dem Titel „Chronischer Patient, Krankheitsgeschichte und Therapiemöglichkeiten“. Daraus geht hervor, dass Graz derzeit bereits eine Versorgungsdichte mit Einkaufszentren von 73 m² pro EinwohnerIn hat. Im Vergleich dazu kommt Wien auf 34 m² pro EinwohnerIn. Mit den Erweiterungsplänen der bestehenden Einkaufszentren und des ECE Annenstraße erhöht sich die Dichte auf 146 m² pro EinwohnerIn. Wien kommt mit Erweiterungsprojekten auf lediglich 45 m² pro EinwohnerIn. Weixelberger und Strobl untersuchten verschiedene Therapiemöglichkeiten für die Annenstraße und kamen zum Schluss, dass die geplante Lösung mit dem Bau des Einkaufszentrums ECE als reine Symptombekämpfung zu verstehen sei. Sie setzen daher auf einen integrativen Ansatz mit Ursachenbehandlung und Neuausrichtung. So könnten in der Annenstraße ein Verwaltungsbezirk entstehen, die Annenstraße zu einer Veranstaltungsstraße mit mehr Gastronomiebetrieben entwickelt und die City of Design eingebunden werden. Als Vergleichsprojekt mit integrativem Ansatz wird Lienz angeführt (siehe LINK am Ende dieser Seite).
Der ehemalige Kulturstadtrat Werner Miedl war als Mitglied von „5 vor Graz“ ebenfalls anwesend. Er betonte bei der BürgerInnenversammlung, dass es ihm nicht um eine Abrechnung mit dem Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl gehe, sondern um die Erarbeitung einer Alternative zum Projekt ECE. Er wisse, dass das Land Steiermark den Bebauungsplan kippen werde und sieht darin ein großes Versäumnis vonseiten der Stadt, da der Bebauungsplan über die BürgerInnen hinweg beschlossen wurde. Man habe sich damit alle Optionen vergeben. Miedl befürchtet, dass, wie bei der SCS Seiersberg, das Projekt filetiert und in kleinere Bauabschnitte zerlegt werden könnte, um die UVP (Umweltverträglichkeitsprüfung) zu umgehen. Genau das will die BürgerInneninitiative verhindern. Für eine Redimensionierung des Megaprojektes ECE zeigte man sich gesprächsbereit.
Die anwesenden VertreterInnen der ECE verteidigten naturgemäß ihr Projekt. Der Standort Graz sei durch die aktuelle Wirtschaftskrise nicht gefährdet, obwohl man anderswo Projekte eingestellt habe. Mit der neuen Verkehrslösung (Rampe für die Straßenbahnunterführung) sei man zwar nicht glücklich, man werde aber den vereinbarten Beitrag von 9 Mio Euro auch für diese Verkehrslösung zahlen. (In dieser Summe sind sämtliche Abgaben und Gebühren, die ohnehin bezahlt werden müssten, enthalten; Anm.) Mit dem Hervorheben ihrer Sponsortätigkeiten (Platzgestaltung Metahofplatz, Leerstandsmanagement, Grazer Design Festival) stellte sich die ECE den Anwesenden des Abends als „merkwürdige Wohltäterin“ dar.
Bezirksvorsteher Otto Trafella und BewohnerInnen verwiesen auf das ungelöste Verkehrsproblem - das Verschwinden der Traungauergasse. Diese Verbindungsstraße zwischen Annenstraße und Niesenbergergasse müsste zugunsten des ECE-Projektes als öffentliche Verbindung weichen. Drohende Megastaus durch die zusätzliche Linksabbiegespur am Gürtel und der nicht vorhandene Schutz der Nachbarn vor einer zusätzlichen Lärmbelastung wären die Folge. Trafella bezweifelt den Aufschwung für die Annenstraße durch die ECE. „Wieso sollte jemand in der Annenstraße einkaufen, wenn es in der ECE 130 Geschäfte mit 1200 Parkplätzen gibt?“ Peter Kaiser von der BügerInneninitiative „ECE – nein danke!“ bedauert außerdem, dass es bei der Diskussion um die ECE vorrangig um die wirtschaftliche Interessen gehe und nicht um den Lebensraum Annenstraße.
Miedl kündigte schließlich für Ende Februar eine weitere Veranstaltung mit ExpertInnen aus Deutschland an.
- Verfasser/in:
- Elisabeth Lechner, Bericht