Chance vertan

Am 18.03.2011 führte GAT mit dem Wettbewerbsgewinner Architekt Manfred Wolff-Plottegg ein Gespräch über den aktuellen Stand des Projektes „Generationen Wohnen Gleisdorf“.

24/05/2011

Im Jahr 2008 lobte Artimage in Kooperation mit Europan Österreich den EU-weit offenen zweistufigen Realisierungswettbewerb "Gesellschaft und Ökologie. Generationen Wohnen Gleisdorf" aus, der vom Land Steiermark mit 230.00 Euro gefördert wurde. Ziel war die Erlangung eines architektonischen Vorentwurfes für einen leitbildhaften Wohnbau mit urbanen Strukturen, der siedlungspolitisch, nutzungsprogrammatisch und ökologisch neue Impulse setzt und bereits ab 2009 realisiert werden sollte.

Zum aktuellen Stand des Projektes „Generationen Wohnen Gleisdorf“ führte GAT mit dem Wettbewerbsgewinner Architekt Manfred Wolff-Plottegg, der in der Realisierung die ausschlaggebenden Qualitäten des Entwurfes für einen leitbildhaften Wohnbau vermisst, das folgende Gespräch.

GAT: Wie war die Vorgeschichte zum Wettbewerb?

Plottegg: Nach einem Wohnbau-Symposium (2007) im Literaturhaus, bei dem von Seiten der Architekten heftige Kritik am Stillstand im steirischen Wohnbau herauskam, wurde der Wettbewerb von Charlotte Pöchhacker zusammen mit der Wohnbauförderung als Pilotwettbewerb initiiert. Zuerst wurde unter Gemeinden in einer Wettbewerbsvorstufe ein Grundstück ermittelt, dann der Architekturwettbewerb zweistufig ausgeschrieben. Es war ein vielversprechender Versuch, die Qualität des steirischen Wohnbaus anzuheben.

GAT: Sind Sie weiter mit Planungen beauftragt?

Plottegg: In der Wettbewerbsausschreibung war die Absichtserklärung formuliert, lt. HOA praktisch voll zu beauftragen. Das wollten die Wohnbaugenossenschaften dann anders sehen, was aus rechtlicher Sicht sehr problematisch ist. Seit der Einreichung, der anschließenden Bauverhandlung und dem erfolgtem Baubescheid (Herbst 2010) habe ich nichts mehr gehört.

GAT: Warum hat dieses Projekt den Wettbewerb gewonnen?

Plottegg: Der Wettbewerb war gut vorbereitet und begleitet (Pöchhacker / Rajakovics / Vlay), das Programm hat alles angesprochen, wodurch in den letzten 30 Jahren Impulse für den Wohnbau erwartet wurden: Veränderung, Variabilität, Flexibilität, Ökologie, Generationenwohnen, Durchmischung und neue Wohnformen. In meinem Projekt waren in der ersten Stufe großzügige allgemeine Nutzungen im Erdgeschoßbereich vorgesehen. Es war mehr oder weniger das gesamte Erdgeschoß passagenartig mit öffentlichen Nutzungen belegt. Darauf waren die Riegel mit den Wohnungen gesetzt, durchwoben von Flächen für Nutzungserweiterungen. Ein relativ einfaches Konzept. Leider wurde schon in der zweiten Wettbewerbsstufe der Aspekt der Durchmischung bzw. der Mischnutzungen stark eingeschränkt. Bis zur Einreichung verblieben schließlich nur noch dreihundert Quadratmeter an Nutzungsfläche für soziale Zwecke, eine verschwindend kleine Größe, die das Projekt in der Charakteristik nicht mehr von normalen Wohnbauten abhebt.

Mein Konzept der Wohnungen basierte auf feststehenden Außenwänden mit variablen Wohnungstrennwänden und standardisierten Nasszellen. Alles andere war innen frei bestimmbar. Selbst die Wohnungsgrößen waren frei disponierbar und kombinierbar. Ich habe die veränderbaren Möglichkeiten differenziert eingeplant, in die Flexibilität während der Planungsphase, der Bauphase und der gesamten Nutzungsdauer des Gebäudes. Dabei wurde die Variabilität während des zeitlichen Ablaufs berücksichtigt. Das ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Punkt, nicht ein deterministisches Gebäude hinzustellen, sondern der Wohnanlage ein Potential zu geben, damit im Rahmen der Entwicklung über die Jahre durch wechselnde Benutzer auf neue Anforderungen reagiert werden kann. Ich weiß, wie das geht, ich habe die ganze Entwicklung des Wohnbaues angefangen vom Mitbestimmungsrecht über Flexibilität, Variabilität, Mischnutzung, Hybridnutzungen usw. sozusagen als Zeitzeuge miterlebt und es kommen die Erfahrungen aus verschiedenen Wohnbauplanungen dazu, welche ich im Laufe meiner Tätigkeit gesammelt habe. Dadurch konnte ich ein ziemlich klares Paket schnüren, das dem Ausschreibungstext vermutlich am nächsten gekommen ist. Die Jury (Brian Cody, Volker Giencke, Klaus Kada, Walter Stelzhammer u. a.) hat das gewürdigt, und zwar einstimmig, was selten ist.

Die Möglichkeiten, die das Wettbewerbsprojekt geboten hat, wurden durch die Wohnbaugenossenschaften (SGE /Gemeinnützige Wohn- u. Siedlungsgenossenschaft Ennstal und ÖWGES / Gemeinnützige Wohnbaugesellschaft m.b.H.) dann u. a. durch Bauausführungsvorgaben zunehmend eingefroren. Der Grundriss wurde aus absurden Gründen nicht mehr frei belassen, sondern es wurden Stützen eingeführt. Anstelle einer Leichtbauweise wurden massive Wohnungstrennwände gefordert, dadurch wurde die Variabilität der Wohnungsgröße und die Frage der Wohnungszusammenlegung konterkariert. Das Potential wurde also durch bautechnische Vorgaben behindert. Die Gründe dafür sind aber gar nicht bautechnischer Natur, sondern von den Wohnbaugenossenschaften vorgeschoben. Die Genossenschaften haben offensichtlich kein Interesse daran und der Alltagspragmatismus raubt das Potential, etwas komplexere Planungsabläufe umzusetzen.

Es ist heutzutage bei größeren Wohnanlagen, Siedlungsblöcken und modernen Hochhäusern normal, dass Mischnutzungen wie Geschäfte, Büros, Eigentums-, Miet- und Boardingwohnungen usw. in einem Objekt bewusst durchmischt werden, weil Funktionstrennungen nicht mehr state of the art sind. Rechtlich lässt sich so etwas einfach abwickeln. Die Wohnbaugenossenschaften wollen aber autonome Teile haben. Das ist im Projekt „Generationen Wohnen Gleisdorf“ auch ein Grund dafür, dass sich die Volksbank ihren Baukörper schließlich entgegen dem Wettbewerbsprojekt herausgeschnitten hat. Und diese Vorgangsweise ging bis zu Fragen der Erschließung. Ich hatte ursprünglich ein vernetztes Erschließungssystem, welches durch Vorgaben der Wohnbaugenossenschaften letztlich zu Zweispännern mutiert wurde. Wegen Unwirtschaftlichkeit sind in Wien übrigens Zweispänner von der Wohnbauförderung praktisch ausgeschlossen.

GAT: Ihre Kritik im Detail?

Plottegg: Im Wettbewerbsprojekt war die Volksbank im Erdgeschoßbereich eingewoben. Die Volksbank wollte das aber letztlich doch nicht, sondern einen dreigeschoßigen Baukörper am Grundstückseck und ich bekam zusätzlich einen „Vorentwurf des Hausarchitekten der Volksbank“ vorgelegt – mit Gang-Typologie! – und zugleich die Aufforderung, ich möge das so zur Einreichung bringen, die Detailplanung bräuchte ich dann auch nicht machen. Ich habe dann Hallentyp-Varianten entwickelt und dies in einem mühseligen Prozess durch Workshops kommuniziert. Alle meine Hin- und Nachweise, dass die mehrgeschoßige Lösung aus ökonomischer und funktionaler Sicht schlechter sei, wurden ignoriert. Die übliche Wunschvorstellung, die Direktion müsse im ersten Stock sein, damit „für weitreichende Entscheidungen ein Weitblick gegeben ist,“ war stärker.

Eine weitere Absurdität betrifft die Dichte: Ich habe im Wettbewerb die Dichte bis 1,4 und darüber hinaus ausgewiesen. Eine Dichte von 1,5 ist laut Bebauungsplan zulässig. Nun wird in Summe eine Dichte von nur 1,08 ausgenutzt, der Wohnbau selbst weist nur ca. 1,0 auf. Es wird also ein teures Grundstück von der Volksbank gekauft, das dann nur zu zwei Drittel bebaut wird. Das belastet die Wohnkosten bzw. muss diese unwirtschaftliche Entscheidung bei den Wohnungen eingespart werden. (Die Volksbank ist diesbezüglich geschäftstüchtiger, sie hat am eigenen Grundstücksteil wesentlich mehr als 1,5 Dichte!)

Die Flächen, die für Ergänzungs- und Mischnutzungen vorgesehen waren, sind von der ersten zur zweiten Wettbewerbsstufe schon stark eingeschränkt worden. Im Zuge der Einreichplanung sind sogar das Café-Restaurant und weitere Ergänzungsflächen gefallen. Die in der ersten Stufe noch gleichmäßig aufgeteilten, eingewobenen Ergänzungsflächen mussten für eine monofunktionale Nutzung konzentriert werden, das hohe Potential der stärkeren Vernetzung mit Neben- und Mischnutzungen wurde reduziert. Alles, was übrig geblieben ist, ist eine kleine Fläche für einen Verein (Chance B, Anm. der Redaktion). Das hat natürlich wieder den Grund, dass es vermeintlich einfacher zu administrieren ist. Es wird vermietet, eigentlich eine Fremdnutzung ohne direkten Nutzen für die Bewohner. Ein Gemeinschaftsraum wird zwar durch die Wohnbauförderung unterstützt, baulich allerdings in die Volksbank integriert und soll auch von dieser administriert werden. Man könnte sagen, die Volksbank nascht nun bei der Dichte und auch beim Veranstaltungsraum mit.

Kommen wir zur Tiefgarage und Erschließung: Die seitens der Genossenschaften gewünschten Änderungen benötigen bei gleicher Anzahl an Stellplätzen rund 650 m², d. h. 20 % mehr Fläche als in meinem Vorentwurf!. Mein System kann mit zwei Liften und 6 Treppenanlagen und Stegen 80 % der Wohnungen barrierefrei erschließen. Es wurden mir schließlich elf Stiegenhäuser mit elf Schleusen als erforderlich vorgegeben. Die Lösung heißt offiziell „Pyjamalösung“, weil die Genossenschaften gemeint haben, man müsse im Pyjama hinuntergehen können, um sich eine Bierkiste aus dem Kellerabteil zu holen. Das sind im UG betonierte Mehrkosten, die bei gedeckelten Kosten natürlich im Wohnbereich zu Reduktionen in der Wohnqualität führen müssen. Lieber in den Keller zu investieren, anstatt in die Wohnqualität ist absurd.

Der Sanitärblock, so, wie er von mir vorgesehen war, wurde ebenfalls negiert. Der Sanitärbereich wurde von mir auf Basis der Barrierefreiheit geplant und war vom Vorzimmer aus erschlossen und durch zusätzliche Türen sowohl an das Elternschlafzimmer als auch an das Kinderzimmer angebunden. Die Wohnbaugenossenschaften insistieren aber auf einem getrenntem WC im Vorzimmer (nicht behindertengerecht! – man könne ja, wie sie sagen, bei Bedarf ohnehin nachträglich umbauen). Damit kippt das Grundrisskonzept und folglich entstehen Sackgassen – Zimmer (habe ich immer vermieden). Die von mir vorgesehene Lösung, die Zimmer durch Möblierungen zu trennen und durchwegbar zu gestalten, wurde abgelehnt, nun werden auch die Zimmerwände in Trockenbau ausgeführt.

Was hier gebaut wird, hat nichts mit neuen Wohnformen und Generationenwohnen zu tun, so wie es von mir noch im Wettbewerb angeboten und auch von der Jury einstimmig ausjuriert wurde. Wenn es nicht anders geht, sollten die Wohnbaugenossenschaften politisch an die Kandare genommen werden, damit Wettbewerbe wie geplant umgesetzt werden können. Das ist auch hinsichtlich Wettbewerbskultur ein Armutszeugnis: Mir wurde gesagt – „Herr Plottegg, sie wissen eh´, im Wettbewerb muss dicker aufgetragen werden, um zu gewinnen, aber nach dem Wettbewerb bauen wir was anderes.“

Die Vorgaben und Änderungen durch die Genossenschaften stellen aus meiner Sicht eine Verschlechterung des Projektes hinsichtlich wirtschaftlicher, funktionaler und baukünstlerischer Kriterien dar. Mit dem, was ursprünglich ein Pilotprojekt werden sollte, kann man bei keinem Symposium über ökologisches Bauen oder Generationenwohnen oder neue Wohnformen auftreten, weil diesbezüglich rundum schon fortschrittlichere Wohnbaupolitik durchgesetzt wird. Abgesehen vom Fall Gleisdorf, ist bedauerlicherweise geförderter Wohnbau in der Steiermark generell derzeit nirgendwo präsent. Ich erinnere mich da an bessere und interessantere Zeiten.

GAT: Wir danken für das Gespräch.

MANFRED WOLFF-PLOTTEGG (1946 in Schöder, Steiermark) studierte Architektur an der Technischen Universität in Graz, an der École des Beaux Arts in Paris und Städtebau bei Jacob Bakema in Salzburg, diplomierte 1974 und schloss eine Post Graduate- Managementausbildung an der Wirtschaftsuniversität Wien an. Seit 1983 arbeitet er als selbständiger Architekt in Graz, seit 2002 auch in Wien.

Plottegg lehrte ab 1983 an mehreren Hochschulen, unter anderem war er Lehrbeauftragter für Planungsmethoden und für Grundlagen der EDV an der TU Graz, für Computerkonzeptionen an der Hochschule für Gestaltung Linz, für Experimentelle Architektur an der Universität Innsbruck. 1994/95 war er Professor für CAAD an der TU München, wurde 2001 als Ordinarius und Professor für Gebäudelehre & Entwerfen an die TU Wien berufen und ist dort Vorstand des Institutes für Architektur und Entwerfen.

BAUTEN & PROJEKTE:

Renovierung Schloss Flamhof, Steiermark 1986–1987

Wohnbebauung Seiersberg 1987–1990

Wohnanlage Leoben 1989

Revitalisierung Schloß Trautenfels, Steiermark 1992

Feuerwehrmuseum Groß Sankt Florian 1995–2003

Wohnpark und Revitalisierung Schloss Eybesfeld, Steiermark 1996–2004

Medienturm, Graz 1999

Wohnanlage Irgang, Lebring 2004

Ateliergebäude der Galerie & Edition Artelier Graz 2006

Wohnanlage Gleisdorf 2008

DESIGN:

Rocker 1967

Salles de bains 1980–2007

low cost lamps 1992–2006

Spiegelklo 1979

typical austrian futon construction 1997

Vorläufer 2010;

Ausstellungen:

1987 Täglich frische Bits und Pixel, Forum Stadtpark, Graz

1990 Das binäre Haus, Architekturgalerie, München

1991 The binary room - CAD-Forum, Zagreb

2000 Plottegg Plots 1980 – 2000, Neue Galerie, Universalmuseum Joanneum, Graz

2009 Generativní Architektury, Österreichisches Kulturforum, Prag

(aus: http://de.wikipedia.org)

Verfasser/in:
Martin Brischnik, Interview

Weiterführende Links

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Manfred Wolff-Plottegg. Foto: Martin Brischnik

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