CALL FOR PAPERS

Die Deutsche Gesellschaft für Semiotik veranstaltet von 24.-26.06.2005 in Frankfurt/O. einen internationalen Kongress zum Thema "STIL–Funktionen, Brüche, Inszenierungen"

18/02/2005

Die Deutsche Gesellschaft für Semiotik veranstaltet von 24.-26.06.2005 in Frankfurt/O. einen internationalen Kongress zum Thema "STIL–Funktionen, Brüche, Inszenierungen" und lädt zur Anmeldung von Referaten ein.

Anmeldungen für Referate mit Thema und Abstract (max. eine Seite DIN A4 bzw. 3000 Zeichen) werden erbeten bis zum 28.2.2005 an eine der folgenden Adressen:

Prof. Dr. Susanne Hauser (TU Graz): susanne.hauser@malv.de

Prof. Dr. Claus Dreyer (FH Lippe & Höxter): claus.dreyer@t-online.de

STIL – Funktionen, Brüche, Inszenierungen.

„Stil“ gilt heute als problematische Kategorie. Die Pluralität der Lebensformen lässt keine eindeutigen Stile mehr zu, Computerisierung und technische Vernetzung führen zu weltweiter Vereinheitlichung, die Politik der Globalisierung löst soziale und historische Identitäten auf, Theorie und Ästhetik der Postmoderne feiern den Synkretismus, die Vermischung, das Ende aller Stile.

Im Gegenzug dazu erleben wir eine extreme Individualisierung, die auf Inszenierung und Selbstdarstellung setzt, eine theatralische Stilisierung des Alltags, ein offensives Bedürfnis nach Unterscheidung und Besonderung sowie eine extensive Ausdifferenzierung persönlicher, gruppenspezifischer, ethnischer und subkultureller Distinktionsmerkmale bis hin zur Entwicklung spezieller Politik-, Unternehmens-, Körper- und Ethikstile. Das Spannungsfeld dieser Tendenzen macht heute die Problematik und Aktualität des Stilbegriffs aus. Allerdings ist Stil ein schwer auszulotendes Phänomen. Es oszilliert zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, es gestattet ebenso Separation wie sich als Teil einer Ordnung zu konstituieren. Damit ist das Problem seiner theoretischen Bestimmung aufgeworfen, seiner Explikation als komplexes Zeichen, als semiotischer Grenzbegriff. Darüber hinaus stellt sich die Frage seiner Verortung und Abgrenzung in einem ganzen System verwandter Begriffe wie Typus, Schema, Muster, Stereotyp, Klischee, Manier, Habitus etc. Gefragt ist also nach einem semiotischen Zugriff, einer Diskussion von Stil als Zeichen in bezug auf Freiheits- und Lebensstile, auf Gender, Cross-Culture und Gegenkulturen, auf Handlungsstile, Stildifferenzen und Stilentwicklungen sowie auf Pluralismus, Entstilisierungen und Stilbrüche.

In Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung scheint sich die Frage nach dem Stil erledigt zu haben: Eine der letzten als solche verstandenen Bewegungen war die des "Internationalen Stils". Jüngere Versuche, einen „Postmodernen Stil“ zu implementieren, sind schon lange stehen geblieben. Heute zeigt sich, zumindest auf den ersten Blick, ein ästhetischer und konzeptioneller Pluralismus, an dem die Suche nach identifizierbaren Stilen von vorne herein zum Scheitern verurteilt ist. Der normative Aspekt, der sich mit dem Konzept "Stil", sei es rezeptionsästhetisch oder produktionsästhetisch verstanden, verbindet, scheint chancenlos. So gesehen ist die lange Geschichte des Stilbegriffs derzeit im Abseits der Diskussionen. Doch während das normative Potential des Stilbegriffs offensichtlich nicht mehr wichtig ist, werden heute durchaus in Architekturtheorie, in Kunst-, Kultur- und Sozialwissenschaften Fragen gestellt, die von dem Wunsch nach neuer Erkundung und Orientierung zeugen. Deutlich wird das an Versuchen zur Wiederbelebung oder Neukonstitutierung "traditionellen Bauens". Der Appell dieser - oft, wenn auch nicht immer - mit einer konservativen gesellschaftlichen Position einhergehenden Wünsche nach einer neuen oder alten Regel verbindet sich häufig mit dem Zitat alter "Stile" und mit dem Versuch, aus ihnen Lösungen für heutige Fragen zu gewinnen.

Auch im Bereich des Marketing großer Firmen taucht neuerdings im Zusammenhang mit „Corporate Architecture and Design“ das Problem eines „Marken“- oder „Themen-Stils“ auf, der die Unternehmenskommunikation durch Rückgriff auf ein altes Phänomen fördern soll.

Und so, wie die Konsumgüterindustrie nicht müde wird, alle paar Jahre lang (und zum Teil mit ausserordentlichem Erfolg) diesen oder jenen „Lifestyle“ zu lancieren, ist auch in der jüngeren Architekturgeschichte und Architekturtheorie zu beobachten (aber kaum bekannt), dass sich unterschiedlichste (und immer jüngere) Autoren, angestachelt von Jencks seinerzeitigem Erfolg, zur Proklamation diesen oder jenen neuen Stils berufen fühlen. Zugegeben - meist mit äußerst dürftigem Erfolg. Es gibt da eine ganze Sammlung von missratenen Stil-Setzungen, wobei „Hightech Stil, Stil der Zweiten Moderne, Stil der Neuen Einfachheit, Minimalismus Stil, Stil des kritischen Regionalismus“ noch die seriöseren sind. Es besteht also offenkundig, und das wäre eine Situation vergleichbar etwa mit der des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zumindest unter Theoretikern eine große Sehnsucht nach „Stilstiftung“ hinsichtlich dessen, was architektonisch in immer kürzer werdenden Vergangenheiten geschehen ist und hinsichtlich dessen (und das ist relativ neu), was künftig sein möge. Aus der Unmöglichkeit einer aktuellen Rede über aktuelle Stile und dem vielfach artikulierten Wunsch nach einer neuen Theorie des Bauens und Planens mit Leitfunktion ergibt sich eine Spannung. In dieser Situation lohnt es sich, den Begriff "Stil" auf seine Implikationen für heutiges Bauen und Planen wieder ins Spiel zu bringen, seine Potentiale auszuloten - oder aber, sich von ihm, wieder einmal, doch jetzt aus guten Gründen zu verabschieden. Folgende Fragen können in diesem Zusammenhang in bezug auf Architektur gestellt, untersucht und ergänzt und erweitert werden:

– Wie verhält sich die Geschichte des Stilbegriffs zu semiotischen Konzepten wie Code, Medium, Modell, Symbol?

– Wie sind Stil und Semantik aufeinander bezogen?

– Gibt es eine pragmatische Dimension der Stildiskussion und ist sie heute fruchtbar zu machen?

– Was trägt eine semiotische Diskussion über Stile zur Architekturtheorie bei?

– Wie verhalten sich Stil und Repräsentation zueinander?

– Inwieweit ist Stil eine Kategorie der Rezeption, wieweit eine der Produktion, wieweit eine des Habitus?

– Sind Marken- und Themenstile neue Erscheinungsformen eines alten Phänomens?

– Welchen Stellenwert hat das „traditionelle“ oder „klassische“ Bauen in der gegenwärtigen Architektur?

– Ist Stillosigkeit auch ein Stil?

Die Frage "In welchem Stile sollen wir bauen?" stellt sich nicht, solange eine normative Ästhetik nicht gesucht wird, aber die Frage „In welchem Stile wollen wir bauen?“ darf immer wieder neu gestellt werden.Rückfragen an:

Brandenburgische Technische Universität Cottbus

Lehrstuhl Theorie der Architektur

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Verfasser/in:
Europa Universität Viadrina

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