Buchempfehlungen zu Architektur denken

Drei Buchempfehlungen zum Februar-Thema der sonnTAGs-Geschichten-Reihe "Architektur denken".

16/03/2006

Buchempfehlungen zum Februar-Thema der sonnTAGs-Geschichten-Reihe "Architektur denken".„Architekturtheorie im 20. Jahrhundert“. Eine kritische Anthologie, herausgegeben von Akos Moravánszky. Erschienen im Springer-Verlag Wien, 2003. ISBN 3-211-83743-4

Die deutsche Architekturlandschaft, meinte Hanno Rauterberg, war lange Jahre eine "Theoriewüste", in der Reflexionen und Utopien wenig Nahrung hatten - Nachwirkungen von vorangegangenen Jahrzehnten voller Manifeste, Traktate und architektonischer Sündenfälle. Jetzt aber gebe es Anzeichen für den "Wiedereinzug des Denkens in die Architektur", zumindest sind in kürzester Zeit gleich mehrere Bücher mit theoretischen Grundlagen erschienen, unter anderem der Sammelband „Architekturtheorie im 20. Jahrhundert“. Ein löbliches und auch gelungenes Unternehmen, befindet Rauterberg und zählt die Vorzüge der Kompilation auf: interdisziplinäre Ausleuchtung des Sujets, Berücksichtigung der Vielfalt der "Lebens- und Entwurfsweisen", "ungewohnte Querschnitte" und Zusammenhänge. Der Herausgeber ordnet seine naturgemäß subjektive Auswahl fünf Themenbereichen zu. Die Kapitel „Vom Stilus zum Branding“, „Die Wahrnehmung des Raumes“, „Konstruktionen der Natur“ „Monumentalität“ und „Der Ort der Architektur“ sind immer mit einem ausführlichen Vorwort eingeleitet und versammeln eine Fülle von Originaltexten, häufig (leider?) gekürzt, jeweils aber mit einem Portrait des Autors. Dass neben Architekten und Stadtplanern auch Kunsthistoriker, Schriftsteller wie Umberto Eco und Peter Nádas, Philosophen wie Vilém Flusser, Georg Lukács und Michel Foucault zu Wort kommen und die Meinungspalette von Gideon bis Koolhaas reicht, macht das Besondere dieses Sammelbands aus. Die Rückkoppelung mit der Zeit, in der die Texte jeweils geschrieben wurden und die Überprüfung auf ihre „Haltbarkeit“ bis heute, auf zeitlose Gültigkeit oder Aktualität, macht das Nach-Lesen spannender, die Möglichkeit, einzelne Aufsätze herauszupicken, ohne den Kontext zu verlieren, macht die Lekture herrlich ent-spannend.

“Get off of my cloud”. Texte 1968-2005 von Wolf D.Prix von Coop Himmelb(l)au, herausgegeben von Martina Kandeler-Fritsch und Thomas Kramer. Erschienen bei Hatje Cantz, 2005. ISBN 3-7757-1648-3

Niedergeschriebene Gedanken unterschiedlichsten Inhalts, kunterbunt zusammengewürfelt, versammelt dieser Band mit Texten von Wolf D.Prix zur Architektur aus den Jahren 1968 bis 2005. Varietät drückt sich nicht nur in der sehr unterschiedlichen Länge der Texte über die Architekturauffassung des wortgewaltigeren Teils von Coop Himmelb(l)lau aus, sondern auch im ungewöhnlich frischen Layout von Paulus Dreibholz , dem Sohn des Coop’schen Büromanagers Wolfdieter Dreibholz. Die broschürte Ausgabe riecht förmlich nach „thoughts in progress“. Vielleicht wirkt der ordentlich dicke Wälzer nur ob der Mischung an „Sinnsprüchen“, programmatischen Aussagen, Anlasstexten und Interviews - einmal schräg, dann wieder quer geschrieben, durchsetzt von Projekt- und Modellaufnahmen - etwas chaotisch, denn inhaltlich gegliedert ist er, wie es sich gehört, in Kapitel, in denen die Texte chronologisch gereiht sind. Auch wenn der Text „Rock over Barock“ (erschienen 2005 im Standard), in dem Prix die österreichische Architektur abseits des Mainstreams in der direkten Nachfolge des Barock sieht, nicht abgedruckt ist, geben die in diesem Buch versammelten Standpunkte von Wolf D.Prix Denkanstösse oder fordern kontroversielle Meinungen heraus. Was will Buch mehr?

Manfred Sack: Verlockungen der Architektur. Kritische Beobachtungen und Bemerkungen über Häuser und Städte, Plätze und Gärten. Erschienen im Quart Verlag, Luzern als 4.Band der Reihe Bibliotheca, 2003. ISBN 3-907631-22-6

Wer Manfred Sacks kompetente, vorurteilslose und zugleich von Empathie zur Architektur getragene Bemühungen zur Architekturvermittlung in der Wochenzeitung "Die Zeit" regelmäßig gelesen hat, der muss sich über dieses Buch freuen, das neben einigen Essays auch 14 Vorträge umfasst, die weniger bekannt sind. Manfred Sack beobachtet die Architektur und die Architekturszene mit dem kritischen Blick eines Nicht-Architekten, den eine frühe Zuneigung zur Architektur und lebenslange Neugierde - befähigt haben, Architektur zu beschreiben. Kompetenz und Wissen zeichnen seine Betrachtungen aus, unverwechselbar werden sie jedoch durch seine Fähigkeit, die oft hermetische Welt der Architekten und ihre Ambitionen zu verstehen und zugleich dezidiert, kritisch und unabhängig die Überlegungen der Leser/Menschen als Benützer und Bewohner zu vertreten. Tritt Manfred Sack auch als glaubwürdiger Anwalt der Nicht-Architekten auf, so wird bei genauem Lesen bald klar, dass er ebenso der „Advocatus Diaboli“ der Architekten ist, wie Herausgeber Heinz Wirz in seinem Vorwort betont, das mit dem Satz: „Glaubhaft und berechtigt über Architektur nachzudenken kann nicht nur den Architekten vorbehalten sein“ eingeleitet wird. Manch einem Architekten möchte man jedoch dringend raten, sich Manfred Sacks Gedanken zur Architektur, fernab von "Möchte-Gern-Philosophie" und "Ich-höre-mich-so-gern-reden", hingegen versetzt mit Humor und Satire, zur Brust zu nehmen.

Verfasser/in:
Karin Tschavgova, Rezension

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„Architekturtheorie im 20. Jahrhundert“. Eine kritische Anthologie, herausgegeben von Akos Moravánszky. Erschienen im Springer-Verlag Wien, 2003. ISBN 3-211-83743-4
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“Get off of my cloud”. Texte 1968-2005 von Wolf D.Prix von Coop Himmelb(l)au, herausgegeben von Martina Kandeler-Fritsch und Thomas Kramer. Erschienen bei Hatje Cantz, 2005. ISBN 3-7757-1648-3
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Manfred Sack: Verlockungen der Architektur. Kritische Beobachtungen und Bemerkungen über Häuser und Städte, Plätze und Gärten. Erschienen im Quart Verlag, Luzern als 4.Band der Reihe Bibliotheca, 2003. ISBN 3-907631-22-6

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