Biennale Venedig 2005

Von Erfahrungen und Nachbarschaften

02/06/2006

Sehr plural und global gestaltet sich die diesjährige Biennale von Venedig, deren künstlerische Leitung zum ersten Mal von zwei Frauen übernommen wurde. Die Spanierin María de Corral kuratierte die Ausstellung „ The Experience of Art“ im Italienischen Pavillon in den Giardini della Bienale und Rosa Martínez, ebenso aus Spanien, zeichnet sich für die Ausstellung „Always a Little Further“ in der Arsenale verantwortlich.

Neben diesen beiden umfangreichen Ereignissen gibt es wie gewohnt und dieses Jahr um vier erweitert die Ausstellungen der nunmehr 55 internationalen Staaten, die nicht nur in den Länderpavillons in den Giardini, sondern teils in der gesamten Stadt Venedig verteilt zu sehen sind.

Venedig ist, auch wenn man schon oft da gewesen ist, immer wieder eine Reise wert, vor allem zur Zeit der Biennale. Da ändern die immer wieder erstaunlichen Touristenschwärme rund um die Rialtobrücke und dem Markusplatz inklusive Prominade nichts und auch nicht die teilweise horrenden Preise in Hotels und Restaurants.

Touristenschwärme kann man jedenfalls wunderbar umgehen. Durch schmale Gassen geht es dann und wenn man sich auch hie und da mal verläuft so findet man letztlich doch zum Ziel: den Giardini della Biennale.

Die Eintritspreise sind angesichts dessen, was hier geboten wird, 105 Ausstellungen und 419 Künstler erstaunlich moderat: 15 euro Erwachsene 12 euro Teilnehmer und Studenten unter 26 zahlen nur 8 euro.

Nach der Kassa nichts wie hinein, der Parkours beginnt.

Zuerst im Italienischen Pavillon.

María de Corral zeigt hier in 34 Räumen 42 internationale Künstler und Künstlerinnen, deren Arbeiten zwischen gesellschaftlichen, politischen, sozialen und persönlichen Thematiken polarisieren.

„Admit nothing blame everyone“ ist an der Fassade des Pavillons zu lesen. Diese Aufforderung ist Teil der neuen Installation „Untiteled“ von Barbara Kruger. Wieder einmal mehr analysiert die Künstlerin zeitgenössische Lebensstile und Gesellschaftsstrukturen der westlichen Welt anhand von provokanten Aufforderungen, Feststellungen und Fragen, die sie im Stile der Massenmedien, also plakativ und unübersehbar in Szene setzt. Für ihre Arbeit erhielt sie den „Golden Lion for Lifetime Achievement“ der diesjärigen Bienale.

Dann besonders spannend der Raum mit den Arbeiten von Rachel Whiteread und Thomas Ruff. An der Wand die C prints von Thomas Ruff, die dem Dargestellten in seiner Verfremdung Geheimnisse zu entlocken scheinen. Die Raummitte nimmt die Skulptur von Rachel Whiteread ein, deren Arbeit sich kongenial mit jenen von Ruff zu ergänzen scheint.

Die Raumabfolge mit den Bilder und teils auch Skulpturen von Antoni Tapies aus Spanien, von Marlene Dumas aus Amsterdam (geb. in Südafrika), von Philip Guston aus Canada, von Francis Bacon aus Ireland und von Thomas Schütte aus Deutschland macht sehr schnell Ähnlichkeiten zwischen den Künstlern deutlich, die in unterschiedenen Ländern tätig sind und aus differenten Generationen stammen.

Humorvoll der „Trailer for a Remake of Vidals Caligula“ von Francesco Vezzoli, schön der Raum des brasilianischen Künstler José Damasceno und aussagekräftig die Videoarbeit „Mothers and Fathers“ von der aus Südafrika stammenden Künstlerin Candice Breitz, die anhand von neu zusammengesetzten Gesprächsfetzen von Stars des amerikanischen Kinos stereotype Mutter und Vaterbilder formuliert.

Im Grunde könnte man endlos von dieser Ausstellung berichten, deren Besuch sich als spannende Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Subjekten, Formen, Ideen und Räumen der hier präsentierten künstlerischen Arbeiten erweist. María Corrals formuliertes Ziel, Beziehungen zwischen den KünstlerInnen aufzuzeigen, Diskussionen zu provozieren, die Ausstellung als einen dynamischen Prozess zu verstehen, und diese mehr als ein „Zentrum der Forschung“ als eine „Masse von Sicherheiten“ zu konzipieren ist hier durchwegs gelungen. Unbedingt ansehen, viel Zeit nehmen.

Nach diesem Rundgang nun erst einmal eine Pause machen. Illycaffè gratis trinken! Nachdem man sich unter Anleitung des freundlichen Illypersonals an den wohldesignten Illyhäuschen mit den Illycafèautomaten Illyespresso selbst zubereitet hat, macht man es sich auf den Illyklappsesseln im Schatten bequem.

Danach los zum nächsten Parkours: die Länderpavillons in den Giardini

Japan ist dieses Jahr durch die Fotografin Ishiuchi Miyako vertreten. Ihre Arbeit „mother´s 2000 - 2005 --- traces of the future“ steht ganz im Zeichen der sehr persönlichen Auseinandersetzung mit der verstorbenen Mutter. Miyako fotografierte verschiedene Gegenstände und Kleidungsstücke ihrer Mutter. Gebrauchte Lippenstifte, Eye Liner, ein Kamm mit Haaren, falsche Zähne und Perrücken sind mit außergewöhnlicher Schärfe dargestellt, sodass ihre Abwesenheit zu einer ergreifenden Anwesenheit wird.

Ähnliche Thematik, Nostalgie als Gefühl, dass die Vergangenheit für immer verloren ist, findet sich im Pavillon von Uruguay auf andere Art und Weise interpretiert und formuliert wieder.

Lacy Duarte entwickelte hier das Projekt „Territories“, das von ihrer Welt als Kind erzählt. Schnittbögen von sogenannte „Las Traperas“, tradizioneller selbstgenähter Kleidung, gezeichnet auf Leinenpapier, Brotspielzeug, Erde und Lehm sind die Hauptelemente ihrer Installation.

Von entschieden anderer Art und doch ebenso ähnlicher Thematik ist das Projekt „This Time Another Year“ von Ricky Swallow im australischen Pavillon. Die präzisen handgeschnitzten! Arbeiten sind das Bestreben Gegenstände unsterblich zu machen, weit vor ihrem Veraltern oder natürlichen Verfall.

Im Deutschen Pavillon rufen die Aufpasser begeistert „It´s so Contemporary“, gehen und hüpfen entzückt durch den Raum, geben Auskunft und lassen sich auf Diskussionen ein. Das Projekt von Tino Seghal ist ganz an den Moment gebunden. Es ist kein Kunstprodukt im herkömmlichen Sinn. Seine Arbeit darf nicht gefilmt oder fotografiert werden, soll nur in Form von Erinnerungen in den Köpfen der involvierten Besucher nach draußen getragen werden. „Tino Sehgals Arbeiten sind der Versuch, in einer globalisierten und um Ressourcen kämpfenden Welt die Vorstellung von Produktion neu zu denken.“ so der Kurator der Ausstellung Julian Heynen.

Ähnlichen Ansatz hat der Künstler Honoré ´O in seinen Arbeiten, und auch mit seinem Projekt The Quest im Belgischen Pavillon. Hier wird der Zuseher ebenso zum Mitspieler. Die Installation, bestehend aus Video, Holz und PVC, soll kein fertiges käufliches Produkt sein, sondern reflektiert vielmehr den gewundenen Weg eines kreativen Denkprozesses, in dem sich der Besucher buchstäblich bewegt. Belgisches Bier mit Selbstportait ist inkludiert.

Die größte Installation in den Giardini entwickelte Hans Schabus im Rahmen seines Projektes „Das letzte Land“. Der Künstler über – und umbaute den denkmalgeschützten Östrerreichischen Pavillon mit einer neuen Außenhaut in Form eines Berges. Dachpappe außen, eine gewaltige Holzkonstruktion innen. Der Berg wird bestiegen hier von innen. Am Gipfel, Klappe auf, Blick über Venedig.

Seltsame Ähnlichkeit weist diese Installation mit einem für diesen Sommer projektierten Bauvorhaben der holländischen Architekturgruppe MVRDV auf. Hier soll die Serpentine Gallery in London in Form eines Berges überbaut werden, die Außenhaut zwar grasbedeckt und die Konstruktion aus Stahl. Die Ähnlichkeit der Projekte ist allerdings trotzdem verblüffend.

Und wenn wir schon bei London sind auf zum Britischen Pavillon! Die Stars Gilbert und George zeigen hier ihre „Ginko Pictures“ und gaben an den Eröffnungstagen zur Freude der Besucher Autogramme.

Der Korianische Pavillon wird dagegen von jungen Künstlern und Künstlerinnen von nicht so hohen Bekanntheitsgrad bespielt. Unter dem Titel „Secret Beyond the Door“, der von Fritz Lang´s gleichnamigen Film kommt, zeigen 15 KüstlerInnen, kuratiert von Sunjung Kim Umformungsprozesse in der Korianischen aktuellen Kunst vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderung. Die Ausstellung beobachtet Korianische Kunst in lokalen als auch globalen Kontext und versucht noch einem Schritt weiter zu gehen, um den Blick auf eine andere Dimension „Beyond the Door“ frei zu geben. Da kann man ruhig mal durch die Lupe blicken.

So genug gesehen für einen Tag, eigentlich fast zu viel. Erschöpfung macht sich breit, also nichts wie zurück ins Minihotel nahe der Rialtobrücke, hinein ins Minizimmer mit Minibad, ins Bett fallen, Füße hochlagern.

Nächster Tag.

Der Parcours durch die Arsenale.

Dieser gestaltet sich eher enttäuschend. Das Ziel von Kuratorin Rosa Martínez die Möglichkeit zu nutzen „neue Nachbarschaften zwischen Künstlern, Disziplinen und Zuhörern zu formen“ ist zu plakativ umgesetzt. Trennwände sind entfernt worden, um Nähe zu formulieren. Was jedoch entstand ist ein chaotisches Neben und Durcheinander, in dem die Geräuschkulisse des einen die Stimmung des nächsten zu stören beginnt. Raumabfolgen scheinen zufällig gewählt als hätte man gewürfelt.

Einige Exponate machen die Ausstellung dennoch sehenswert. Runa Islam´s Video „Be The First To See What You See As You See It“ macht auf unserer vergegenständlichte Welt aufmerksam indem diese auf differenzierte Weise wahrgenommen wird.

Mit Wahrnehmung hat auch die vierteilige Videoinstallation „Silent von Kimsooja zu tun. Ganz still steht sie inmitten belebter Strassen vier verschiedener Länder und damit Kulturen. Indien, Mexiko, Ägypten, Nigeria: eine Reise; die man gemeinsam und doch einsam antritt.

Vielschichtig die Arbeit „Finding the Garden Eden“ von Sergio Vega, schnittig das „Wave Ufo“ von Mariko Mori, berühmt die Guarrilla – Girls und bekannt die Arbeiten der Spanierin Pilar Albarracín, die auch in ihren hier gezeigten Videos „Viva Espana“ und „I will dance on your grave“ mit den Stereotypen der „Spanischen Frau“ operiert.

Ein Tipp: für die Bienale in Venedig sollte man sich wenigstens 3 volle Tage Zeit nehmen, wenigstens.

La Biennale di Venezia

51st International Art Exhibition

12 Juni – 6. November 1005

Öffnungszeiten: 10.00 – 18.00

Giardini: Montags geschlossen

Arsenale: Dienstags geschlossen

Vollpreis: €15

Teilnehmer: €12

Festivalkarte: €40

Studenten unter 26: € 8

Gruppen: T: +39 041 521 88 28

La Biennale di Venezia

Ca´ Giustian, San Marko 1364

30124 Venezia

T: +39 041 521871

W: labiennale.org

Der Katalog zur Ausstellung kostet €60 und ist in den Giardini und in der Arsenale erhältlich.

Verfasser/in:
Elisabeth Krammer

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