IRIS HIPFL
Von Hollywood bis nach Dimitrovgrad
Eine nicht nur bauhistorische Rundreise durch Bulgarien
Teil 1
(sonnTAG 122 ist am 02. Juni 2006 erstmalig auf www.gat.st erschienen und wurde damals von Wenzel Mracek ausgewählt.)
Auch wenn ich es wollte, ich käme um die bulgarische Geschichte und Kultur nicht herum. Auf dem Weg von meiner Wohnung zur Universität der 65.000-Einwohner-Stadt Veliko Tarnovo begleitet mich rechter Hand in einigem Abstand der Zarevez. Jener Hügel, auf dem sich vom 12. bis 14. Jh. der Palast der bulgarischen Zaren befand, als Veliko Tarnovo Reichshauptstadt war. Reste der Festungsmauer und des Zarenpalasts sind heute noch erhalten und locken jährlich Tausende Besucher an.
Etwas westlich davon ist der ehemalige türkische Konak zu sehen, der sowohl von der 500-jährigen Herrschaft der Osmanen als auch von der Befreiung daraus erzählt. 1879, nach dem russisch-türkischen Krieg, wurde hier die erste Verfassung Bulgariens – eine der demokratischsten in ganz Europa – verabschiedet. Der als Regent des neu gegründeten Fürstentums Bulgarien eingesetzte Alexander von Battenberg verbrachte seine letzten Lebensjahre übrigens in Graz, wo er ein k.u.k.-Regionalkommando befehligte. So bin ich auch in der Fremde ein bisschen zuhaus.
Meine letzte unmittelbare Geschichtsetappe befindet sich etwa 4 km nördlich von Tarnovo: Das Dörfchen Arbanassi prägen neben alten Häusern auch schwarze Bonzen-Autos mit Sofioter Kennzeichen. Von den rund 1000 Häusern wohlhabender Kaufleute und Handwerker aus dem 17. Jh. sind heute noch mehr als 80 erhalten, die nicht nur Touristen angelockt haben. Dass sich in Arbanassi auch die Sommerresidenz der bulgarischen Zaren befand, mag dem kommunistischen Staatschef Todor Shivkov Anreiz gewesen sein, dort ebenfalls einen Residenzkomplex zu errichten. Heute ist das Gebäude ein 5-Sterne-Hotel, das der Finanz- und Industrieholding MG Corporation gehört, einer der mächtigsten aus dem Dunstkreis von Staatssicherheit und hohen Funktionären stammenden Firmen Bulgariens. Manche unterstellen, der Name sei Programm.
Griechen, Römer, Thraker und Osmanen
Die Vielfalt der Kultur- und Architekturgeschichte im Kleinen widerspiegelt das gesamte Land. Hellenischen Ursprungs sind viele Städte der Schwarzmeerküste wie Nessebar oder Varna (vormals Stalin), römische Wurzeln hat neben Sofia (Serdica) auch die zweitgrößte bulgarische Stadt Plovdiv (Trimontium). Im Rosental südlich des für die ganze Halbinsel Namen gebenden Balkan, den die Bulgaren schlicht „Stara Planina“ (altes Gebirge) nennen, kann man zahlreiche thrakische Grabmäler bewundern. Das berühmteste, das Grab bei Kazanlak, wurde von der UNESCO mit dem Prädikat Weltkulturerbe ausgezeichnet.
Während der osmanischen Herrschaft veränderte sich das Erscheinungsbild der bulgarischen Städte maßgeblich: Viele der damals errichteten Moscheen, Minarette und Kuppeln fielen allerdings entweder der Wut der Bulgaren nach ihrer wiedererlangten Freiheit oder stadtplanerischen Aktivitäten Anfang des 20. Jhs. zum Opfer. Dass die türkische Kultur heute noch präsent ist, zeigen nicht nur die starke türkische Minderheit (10 % der Bevölkerung) und die seit der Wende 1989 ständig in der Regierung vertretene „Partei für Rechte und Freiheit“, sondern auch zahlreiche erhaltene Moscheen. Eindrucksvolle Beispiele sind die Banja-Baschi-Moschee in Sofia (1576) oder die Tombul-Moschee in Schumen (1744). Letztere wurde als größtes muslimisches Gotteshaus in Bulgarien in türkischem Barock errichtet. Der unbekannte bulgarische Baumeister musste dafür „christliches“ Baumaterial von den Ruinen der ehemaligen Hauptstädte Pliska und Preslav verwenden. Vom berühmtesten Moscheen-Architekten, Mimar Sinan (1489-1578/88), der auch die Sofioter Banja-Baschi-dschamija erbaute, ist allerdings nicht klar, ob er Bulgare oder Türke war. Insgesamt gehen 81 Moscheen, 33 Paläste und zahlreiche Bäder, Bibliotheken und Grabstätten auf sein Konto.
Wasrashdane, die bulgarische Wiedergeburt
Die Schwächung des osmanischen Reichs, v.a. seit dem Ausscheiden Griechenlands 1830, führte zum Erwachen des bulgarischen Nationalgeistes. Beeinflusst von den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution begannen die Bulgaren sich ihrer nationalen Identität zu besinnen. Das Aufblühen von Handel, Kunst und Literatur ging ab Mitte des 19. Jh. mit einer verstärkten Bautätigkeit einher. Die ganze Epoche bis zur Befreiung 1878 wird als „Wiedergeburtszeit“ (wasrashdane) bezeichnet. Es kommt dabei zu Veränderungen in der Wohnhausarchitektur, die Häuser, als deren Vorläufer die soliden Wohnbauten in Arbanassi betrachtet werden können, werden größer und erhalten abwechslungsreich gestaltete Fassaden und reiche Innenausstattung (Wandschränke, bemalte Wandnischen, holzgeschnitzte Türen, Säulen und Zimmerdecken). Alles ist breiter angelegt, hell und sonnig. Auch die vielfach errichteten Uhrtürme kennzeichnen selbstbewusstes Bürgertum und eine neue bulgarische Öffentlichkeit.
Im Lauf der Zeit entstehen ganze Ensembles von Wiedergeburtshäusern in Veliko Tarnovo, Etara, Koprivschtiza, Melnik oder Nessebar. Verschiedene Haustypen entwickeln sich, wobei das Plovdiver Wohnhaus als das prächtigste Bürgerhaus und Inbegriff des Wiedergeburtshauses überhaupt gilt. Bekanntester Architekt dieser Periode ist Nikola Fitschew (1800-1881), der im Volksmund Koljo Fitscheto genannt wird.
Neben dem Wohnhausbau widmete man sich zur Zeit der nationalen Wiedergeburt aber auch der Renovierung und dem Neubau von Klöstern, die während der osmanischen Besetzung das Überleben der nationalen Kunst und Kultur sicherten. Bereits im 10. Jh. entstand mit dem Rila-Kloster südlich von Sofia eine der größten Sehenswürdigkeiten Bulgariens. Heute ist es mit bis zu 5000 Besuchern täglich, v.a. in den Sommermonaten, hoffnungslos überlaufen. Mit meinem geplanten Besuch im Mai hoffe ich unter die ersten 2000 zu kommen …
Wienerisches Sofia
Nach Erlangung der Unabhängigkeit 1878 wurde die rege Bautätigkeit fortgesetzt – nun standen Prestigebauten im Zentrum des Interesses und Sofia versuchte, den Metropolen Prag, Budapest und v.a. Wien nachzueifern. Die enge Beziehung zwischen Bulgarien und Österreich-Ungarn beruhte nicht zuletzt auf einem 1862 geschlossenen Handelsvertrag zwischen der Monarchie und dem osmanischen Reich, weshalb sich viele Händler in Wien aufhielten. Dazu kam die Donau als günstiger Verkehrsweg und es nimmt angesichts der kulturellen Hochblüte Wiens nicht Wunder, dass wohlhabende Bulgaren ihre Ausbildung in Wien erhielten. Diese Vorbildwirkung führte dazu, dass Bauaufträge an Architekten der gesamten Donaumonarchie vergeben wurden, die bereits in anderen Städten Theater- und Botschaftsgebäude, Schlösser und öffentliche Bauten errichtet hatten: Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, Viktor Rumpelmayer, Friedrich Grünanger, Peter Paul Brang, Adolf Václav Kolář, Karl Heinrich, Jiří, Josef und Václav Prošek, Konstantin A. Jovanović sowie die Bildhauer Andreas Greis und sein Sohn Edmund. Umgekehrt beeinflusste die österreichische Baukunstlehre auch bulgarische Architekten, die ihre Ausbildung in Wien erhielten, wie Jordan Milanov, Georgi Fingov, Nikola Jurukov oder Petko Momtschilov.
Das Stadtbild der noch jungen Hauptstadt Sofia (seit 1879) prägten v.a. Grünanger, Kolář und Rumpelmayer deutlich mit. Der Wiener Architekt Friedrich Grünanger (1856-1929) lebte 30 Jahre in Bulgarien und erbaute nicht nur die Geistliche Akademie und das Priesterseminar, sondern auch die Sofioter Synagoge. Der 1905 begonnene und 1909 eingeweihte historistische Bau kann für sich verbuchen, die größte Synagoge der Balkan-Halbinsel zu sein. Heute ist die jüdische Gemeinde in Sofia auf ein paar Hand voll Gläubige geschrumpft.
Gemeinsam mit Viktor Rumpelmayer baute Grünanger nach der Befreiung auch den türkischen Konak zum Zarenschloss um, wobei das Gebäude vergrößert wurde. Nun beherbergt der unauffällige Neobarockbau die Nationale Kunstgalerie, das Nationale Ethnografische Museum und einen Souvenirshop, in dem man sich mit Rosenöl und bemalten Keramiktöpfen eindecken kann.
Im Unterschied zum ehemaligen Zarenpalast ist der von Adolf Václav Kolář geschaffene Zentrale Militärclub wesentlich schmuckvoller ausgefallen. 1907 in Neorenaissance-Stil errichtet, wirkt das Gebäude mehr wie ein Wiener Prunkpalais denn wie ein Militärclub. Das mag sich auch die österreichische Botschaft gedacht haben, die seit 1996 im großen Saal die 1880 eingeführte Tradition des „Wiener Balls“ wieder fortsetzt.
Sofioter Tiefparterre und Erdgeschoss
Zahlreiche weitere Highlights machen die 1,2-Mio.-Einwohner-Stadt für Architekturliebhaber interessant: In einer Fußgängerunterführung, die zum größten Warenhaus Bulgariens („ZUM“ – Zentralen Universalen Magasin) führt, befindet sich die Kirche „Sweta Petka Samardshijska“, die zu Beginn der Osmanenherrschaft errichtet wurde und entsprechend unauffällig aussehen musste.
Die kleine Kirche ist aber nicht das einzige unterirdische Bauwerk Sofias. Bei Grabungsarbeiten für die U-Bahn, die erst nach 20 Jahren Bauzeit 1998 eröffnet wurde und derzeit acht Stationen umfasst, entdeckte man Reste der Festungsmauer des antiken Serdica. In der gleichnamigen Metro-Station können die freigelegten Mauerreste besichtigt werden.
Die Rotunde „Sweti Georgi“, die sich im Innenhof des Präsidentensitzes befindet, stammt aus dem 4. Jh. und ist damit das älteste Gebäude Sofias. Im 16. Jh. wurde die Kirche in eine Moschee umgewandelt und musste im Laufe der Zeit viele Veränderungen erdulden, von denen fünf Schichten Wandmalereien Zeugnis ablegen.
Wahrzeichen der Stadt ist die Alexander-Newski-Kathedrale, die jenem Alexander gewidmet ist, der neben dem Deutschen Ritterorden auch die Truppen des Schwedenkönigs an der Newa besiegte. Da seine Patronanz der russischen Truppen während der Türkenkriege erfolgreich war, beschloss man, ihm zu Ehren eine Kathedrale zu erbauen. Für die Ausführung des Baus, der nicht zufällig stark der Hagia Sophia ähnelt, zeichneten die russischen Architekten Bobomolow und Pomeranzew verantwortlich. Die Wahl der höchsten Stelle der Stadt für den 5-schiffigen Prunkbau wird klar, wenn man bedenkt, dass während der Osmanenherrschaft nur kleine Kirchen tief im Erdboden errichtet werden durften, und das auch nur nachts. Da die Staatskassen leer waren, wurde der gesamte Bau während 20 Jahren (1882-1912) von Spenden der Bevölkerung getragen.Teil 2 der Geschichte folgte am Sonntag, den 9. April 2006 (siehe LINK).
Iris Hipfl ist seit Oktober 2005 Deutsch-Lektorin an der Universität Veliko Tarnovo in Bulgarien.
Literatur:
Engelbrecht, Elena u. Engelbrecht, Ralf: Bulgarien-Handbuch. 4., akt. Aufl. Bielefeld: Reise-Know-how-Verl. 2003.
Knaus, Gerald: Bulgarien. München: Beck 1997.
Dinev, Dimitré: Engelszungen. Roman. Wien-Frankfurt a. Main: Deuticke 2003.
Zone Bulgarien. http://de.zonebulgaria.com/
- Verfasser/in:
- Iris Hipfl
Weiterführende Links














