"Hyttynen"
von Bernd Schuhmann, Bamberg
Finnland gleicht einem gigantischen Waschbrett aus Granit. Ein unentschiedenes Gebilde zwischen Land und Wasser (Was geschah hier am dritten Tag der Schöpfung?). Invers. Das Meer mit so vielen Inseln, dass es einem See gleicht und das Land wiederum übersät mit unzähligen Seen, dazwischen Sümpfe und Moore. Land im Wasser oder Wasser im Land – eine Frage des Blickes. Wie auch die Sauna: eine Synthese aus Wasser und Stein.
Dem Nicht-Finnen kann die Unterscheidung mitunter schwer werden.
Dieses Waschbrett – von Gletschern wellig geschliffen – liegt ganz flach im Wasser der Ostsee. So bildet es an den Hochpunkten erst einmal Inseln, weiter oben steht in den Tiefpunkten der Rillen Wasser.
Das Granitwaschbrett ist auf den Hochpunkten mit einer dünnen Schicht von Ablagerungen bedeckt. Diese kann sich mit dem Untergrund nicht verbinden, bleibt aufgesetzt und klingt beim Begehen merkwürdig hohl. Die Ablagerungen – vollgesogen mit Wasser – sind idealer Nährboden für Birken und Gelsen – außerdem erfreulicherweise für vereinzelte Finnen. Diese leben weit verstreut übers Brett, die meiste Zeit auf den Hochpunkten, haben allerdings ein sehr starkes Bedürfnis, sich gelegentlich unabhängig von Tages- und Jahreszeit in die Tiefpunkte zu stürzen (zu begeben). Ein Verhalten, das mitteleuropäischen Warmduschern ausgesprochen befremdlich anmutet.
Nachdem die Finnen – trotz ihrer Ignoranz hinsichtlich des δT-Phänomens – im sozialen ausgeprägte Anhänger des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik sind, hat es der Städtebau schwer im Landesinneren. Städte im europäischen Sinn haben ein paar angeschwemmte Schweden eingeschleppt und an der Küste spärliche Verbreitung gefunden. Helsinki selbst wurde allerdings von einem preußischen Architekten im Dienst des Zaren geplant.
Ansonsten ist finnischer Städtebau, wenn, dann subtil: Alle allenfalls fünf Kilometer ein Anwesen (eingeschossiges Haus, ein bis zwei Saunahäuschen und eventuell kleine Lagergebäude, alles in angemessener Entfernung voneinander) – vorausgesetzt es gibt dort einen See – es gibt vermutlich deutlich mehr Seen als Häuser – und dazwischen viel Wald. Zwischen drei bis vier benachbarten Anwesen entstehen so stadträumliche Bezüge, die den Menschen jenseits der Ostsee unzugänglich bleiben, auch wegen der Gelsen.
Die Straßen sind – sofern Nebenstraßen – minimal invasiv gestaltet, auch hier: Understatement. Das Zentrum in durchschnittlich mehr als 30 km Entfernung besteht aus einer Straßenkreuzung mit zwei benachbarten, d.h. diagonal vis-a-vis angeordneten Supermärkten in Sichtweite, mitunter sogar Rufweite. (Finnen reden angeblich nicht viel. Brecht meinte sogar, sie schwiegen in zwei Sprachen, denn Schwedisch ist auch offizielle Sprache. Aber das ist natürlich übertrieben, seit es das Nokia-Handy gibt.)
Die (Dorf-)Kirche? Irgendwo, woanders, weit weg – städtebauliche Überraschung! Aber klarerweise an einem großen See, damit die Bauern mit knechtgetriebenen Booten auch aus größerer Entfernung landen konnten.
Die bei hiesigen Architekten, Bau- und Kunsthistorikern beliebten Kirchenexkursionen dauern lang. Für sechs kleine Stabkirchen müssen wegen der Entfernungen mindestens drei Tage veranschlagt werden, weiter Richtung Lappland dreht sich das Verhältnis angeblich um. Faszinierend ist immer wieder die groß angelegte städtebauliche Dimension.
So erscheint es im Finnland der Wälder und Seen besser von Land-bau, denn von Städtebau zu sprechen.
Selbst Jyväskyllä, die Stadt Alvar Aaltos, Universitätsstadt, wichtiges Zentrum in Mittelfinnland, von der Einwohnerzahl wohl eine veritable Stadt (ca. 80.000 EW), lebt von ihrer wunderbaren Lage am See: Der Stadtraum der Straßen und Plätze erscheint vernachlässigt, ungedacht, der öffentliche Raum interessiert nicht, besser vielleicht: er bleibt der Natur überlassen und wo dieser die Besetzung nicht gelingt, liegt er verlassen, dazwischen. Vielleicht aufgespart für den großen Schnee?
Aber qualitätvolles Design zeigt sich dann bereits an der Eingangsgestaltung selbst ansonsten langweiliger und liebloser Gebäude. Doch selbst architektonisch durchaus gelungene Bauwerke scheinen sich kaum aufeinander zu beziehen. Die jungen Architekten versuchen in den Randgebieten – orientiert an „europäischen“ Wohnbauarchitekturen – Raumlösungen zu finden. Die Erfolge sind nicht größer als bei ihren „Vorbildern“.
Lediglich im Zentrum Jyeväskylläs wurde neuerdings versucht, stadträumlich einzugreifen. Im Zentrum der Stadt steht eine alte, sehr kleine Dorfkirche (sog. „Stadtkirche“) mit einem umgebenden Landschaftsstreifen, der ursprünglich von wildwuchsähnlichen Bepflanzungen besetzt, Distanz zu der vergleichsweise mächtigen, vielgeschossigen Bebauung des Randes hergestellt hatte. Dieser mittlerweile durchaus ansprechend, zu einem Park geordnete Grünraum enttarnt nun aber das Dorfkirchlein in seiner Winzigkeit und gibt es nahezu der Lächerlichkeit preis.
Guter Städtebau ist hier somit die Bindung der Architektur an die Natur. Bei der Finlandiahalle in Helsinki ist dies Aalto gelungen: Sie liegt flachgestreckt an einem seeartigen Meeresarm, der sich in die Stadt zieht und von der Straße leicht distanziert mittels eines kleinen Birkenhains, am Fuße einer sanften Felsenkuppe. Das ist doch Funktionalismus und Klassische Moderne. Die inhomogene Bebauung um die Laufbahn als Zentrum des Campus der Universität von Jyväskylä erscheint uns dagegen befremdlich.
Qualitativer Städtebau in Finnland bemisst sich in Grad und Qualität der Einbindung in die Natur. Dies ist umso wichtiger, als sich die Gebäude kaum im Untergrund verankern lassen. Unter der dünnen Bodenschicht steht gleich der massive Fels des Waschbretts an. Die Gebäude besitzen deshalb meist keinen Keller, sind jenseits der großen Stadt in der Regel aus Holz in Leichtbauweise gefertigt und scheinen so auf merkwürdige Weise zu schwimmen, verschiebbar zu sein, wie die Häuschen eines städtebaulichen Models. So ist nichts wichtiger und nichts schwieriger als die richtige Verortung des Gebäudes in der Landschaft, die unabdingbar Raum erfordert. In der Peripherie der großen Städte mit für finnische Verhältnisse kleinen Parzellen kann das nicht immer gelingen. Die Häuser bleiben ihrem Ort oft fremd.
Die Trassen für Wasserleitungen und Kanal (auch Straßenkanal) müssen in den felsigen Untergrund gesprengt werden. Selbst in Helsinki stehen aber mitten in der Stadt unbebaute sanfte Felskuppen. Dort wurde sogar in übertriebener Sprengeuphorie eine Kirche gesprengt – nicht etwa in die Luft, sondern in den Fels. Und so wird auch in der Felsenkirche die Präsenz der Natur zelebriert, wie sie in der Stadt gegenwärtig ist.
BERND SCHUHMANN studierte an der TU Graz Architektur. Er lebt und arbeitet als Architekt in Eltmann (D).
sonnTAG 046 wurde von Ute Angeringer und Markus Gfrerer ausgewählt und ist erstmalig am 26. September 2004 auf www.gat.st erschienen.
- Verfasser/in:
- Bernd Schuhmann










