Best of sonnTAG
sonnTAG 068
HEDI LUSSER
Berlin darf nicht Düsseldorf werden
Ein Pamphlet
Manchmal gehe ich in der Nacht nach Hause, über weite, zum Teil unbeleuchtete Straßen. Stolpere über schiefes Kopfsteinpflaster, das alle paar Meter aufgerissen daliegt, als wäre es Land, das nur zufällig zum Gehsteig gemacht wurde und nicht unbedingt vor hätte das für immer zu bleiben. Hier sind die Straßen weit und unwegsam - das ist der Osten. Der Osten, wie ich ihn gerne hätte. Unbefestigt, form- und wandelbar. Seines Staates beraubt, hilflos, beinahe trotzig daliegend und fordernd: "Mach was mit mir. Nimm meine verlassenen Fabriks- und Wohngebäude, die noch die Ära einer allzu nahen, und nur zu gerne vergessenen Vergangenheit atmen, oder lass es einfach."
Solchen Gedanken nachhängend durchquere ich unwegsames Gelände, das weit ist und macht, dass ich mitten in der Stadt die Sterne sehen kann. Dort, wo einmal das Stadion der Weltjugend war, ist heute nichts mehr als eine matschige Ödnis, wo sich an sonnigen Tagen der Himmel in den Pfützen spiegelt und man die Golfspieler am Horizont nur erahnen kann. Keine 5 Minuten weiter drängen sich die Schönen und Reichen durch das Quartier 206 auf der Friedrichstraße. Aber hier ist Ruhe. Vielleicht noch ein Pärchen mit ihrem Hund, das den silbrig glitzernden Nikeball umrundet, stilles Zeugnis einer Zeit, in der alle an den Fortschritt glaubten. Ich bin froh. Froh, dass Berlin kein Geld hat, denn die, die den Osten so lieben wie ich - unvollkommen und wandelbar, sind nicht die, die hier das sagen haben. Man nehme nur den Alexanderplatz. Inbegriff des sozialistischen Städtebaus. Ein Patchwork aus alt und neu. Marx und Engels, die verloren am neobarocken Neptunbrunnen vorbei auf den Eingang zum Fernsehturm mit seinen Metallspitzen starren. Dahinter wird gerade die Fassade des Galeria Kaufhofes demontiert. Nur die Bauplanen erinnern an das, was für mich einmal ein Wahrzeichen Berlins war. Die Pläne Kohlhoffs, seit zwölf Jahren abgesegnet, wurden nicht realisiert - noch nicht. Sie werden aus dem Alexanderplatz einen gesichtslosen Stadtteil machen. Dort, wo einmal Vielfalt und Unvollkommenheit herrschte, sollen für die Investoren Hochhäuser in den Himmel schießen. Wie so etwas aussehen kann, sieht man am Potsdamer Platz, diese göttliche Freifläche im Niemandsland. Heute lassen sich hier Touristen vor einem 2x3 m großen Mauerstück fotografieren. Die Türme des Sonycenters erhellen den Himmel und lassen alles in seiner Umgebung verblassen. Hier ist alles geplant. Alles an seinem Ort. Dunkin donuts neben dem 3D Kino Cinecube. Hier muss man keine Angst haben auf plötzliche Leerflächen zu treffen. "Oh Gott. Wie schrecklich", rúfen sie. Wildnis, Ödnis, diese Angst ... "Ich möchte aber ein ganzes Keks", greinen die Kinder. Und wenn man schon keine Investoren findet, dann wenigstens eine anständige Grünanlage bitte. So geht das doch nicht, dieses unkontrolliert Ungeordnete. Ich lobe den Tag des Einbruchs der New Economy und wenn es heißen soll, dass ich noch mehr Jahre nur bei Aldi Wurst kaufen kann. Dafür habe ich dieses Gefühl der Weite, wenn ich an den ehemaligen sozialistischen Prachtbauten der Karl-Marx Allee vorbeifahre, kann noch sehen, wo die Mauer in der Bernauerstraße war, meine Finger in die Einschusslöcher in meinem Hinterhof legen und mich in den Schoß von Ernst Thälmann setzen und die Sterne betrachten, wenn mir danach ist. Ich verzichte auf prachtvolle Shoppingcenter, Tiefgaragen und Hotelkomplexe. Ich möchte die Abendsonne in der Fassade des Palastes der Repulik sich spiegeln sehen und in der Nacht die S-Bahn unter dem Schwedtersteg beobachten. Das ist der Osten. Das ist mein Berlin.
sonnTAG 068 wurde im Jahr 2005 erstmalig auf gat.st veröffentlicht und damals von Ute Angeringer und Markus Gfrerer ausgewählt.
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