Bernhard Hafner: Vom Himmel zur Erde und zurück

"1961-2020: Vom Himmel zur Erde und zurück" lautete der Titel des Vortrags von Bernhard Hafner, im Rahmen der 4-teiligen Vortragsreihe "Rethinking/Designing Structure", a

03/05/2010

Er erinnert sich noch lebhaft: Als kleiner Junge stand er oft mit seiner Großmutter vor der Oper in Graz und sie sagte zu ihm: „Komm, jetzt gehen wir in die Stadt!“ Hier, am Kaiser-Josef-Platz, war demnach nicht die Stadt. Was ist also Stadt? Dieses Erlebnis beschreibt Bernhard Hafner als eines der drei Bildungserlebnisse − Urerlebnisse − des Architekten, den er „Er“ nennt und dessen fiktive Zeitreise er im Vortrag „1961−2020: Vom Himmel zur Erde und zurück“ erzählt. „Er“ ist Hafner selbst, doch indem er von „ihm“ spricht, lässt er mehrere Möglichkeiten offen, eine Methode der strukturellen Literatur. Doch dazu später.

Der Vortrag fand am 21. April im Rahmen der vierteiligen Vortragsreihe Rethinking/Designing Structure des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, an der TU Graz statt. In der kurzen Vorstellung Hafners, der an der damaligen Technischen Hochschule Graz und in Harvard studierte und an mehreren Hochschulen, vor allem in den USA, lehrte, betonte Daniel Gethmann die Bandbreite Hafners vom bauenden und schreibenden Architekten (Architektur und sozialer Raum, 2002) bis hin zum Poeten: Ebenfalls 2002 verfasste Hafner den Gedichtband „Tanz der Lurche“.

In den 60er-Jahren, der Studienzeit Hafners, stand in der österreichischen Architektur das besondere Bauen, wie er es nennt, im Vordergrund. Die Wiener Architekten sahen, unter anderem in der Tradition von Adolf Loos, ihre Aufgabe im Entwerfen des „besonderen Gebäudes“. Doch Hafner interessierte die Stadt, die nicht besonders, sondern alltäglich war. Das Besondere beschreibt er als vordergründig, während urbane Architektur hintergründig sei. Er entschied sich dafür, ebenfalls hintergründig zu sein.

Es gibt drei Arten, wie architektonische Form entstehen kann. Die klassische Vorgehensweise der Komposition zielt auf das besondere Gebäude, orientiert sich an Harmonie und Proportionslehre. Komponisten wie Le Corbusier haben stets ein − zum Zeitpunkt des Entwurfs noch unbekanntes − Endprodukt im Sinn. Die Methode der Dekomposition entstand in den 50er-Jahren und war ein erster Versuch, sich dem architektonischen Entwurf wissenschaftlich anzunähern.

Ganz anders geht der Strukturalismus an den Entwurf heran. Hier geht es nicht um Schönheit, auch nicht primär um die Funktion, sondern um die Trennung des Langfristigen vom Kurzfristigen. Die Struktur ist langlebig, sie bildet die Hardware für den Ausbau, der im Laufe der Zeit ausgetauscht werden kann. Der Strukturalist hat nie einen Endzustand im Sinn, sondern jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem. Das ist, laut Hafner, städtische Architektur – pluralistisch und undeterminiert. Der Rest ist Sache der Zeitgeschichte.

Die Komplexität entsteht im Wechselspiel von Struktur und Ausbau. Die Struktur ist dabei gestaltwirksam, innerhalb ihrer Regeln ist aber Platz für Komposition und Ästhetik, wie die Arbeiten des, aus Estland stammenden US-amerikanischen Architekten Louis Kahn zeigen. Er arbeitete strukturell und entwickelte für seine Projekte eine Vielzahl an Varianten, etwa verschiedene Dachaufbauten. Die Auswahl der endgültigen Form ist dann ein kompositorischer Schritt, der jedoch innerhalb des Regelwerks der Struktur passiert. Ein weiteres Beispiel sind Stadtraster, wie das des hippodamischen Plans von Milet. Während die Struktur dauerhaft bestehen bleibt, ändert sich der Inhalt der Blöcke im Laufe der Zeit. Die Stadt verändert sich.

Bernhard Hafner war mit dieser Auffassung am Puls der Zeit. Zu seiner Diplomarbeit an der TH Graz, dem Entwurf eines Stadtzentrums, meinte sein damaliger Professor Ferdinand Schuster, Architektur müsse es halt noch werden. „Es ist schon Architektur“, entgegnete Hafner.

In seiner Zeit in den USA lernte er sehr früh eine sehr technikorientierte Seite des Entwurfs kennen und konnte in den folgenden Jahrzehnten seine strukturellen Überlegungen auf mehrere Projekte anwenden, etwa die „Layered City“ (Schichtenstadt) in einem realisierten Wettbewerbsprojekt. In Österreich stammen unter anderem eine Laborhalle der Montanuniversität Leoben und die Werkstätte der Landesberufsschule 6 in Graz von Bernhard Hafner.

Aktuell beschäftigt er sich mit der Darstellung von städtebaulichen Interventionen und deren Auswirkung auf die Stadt schon in der Entwurfsphase. Zum Beispiel könnten Zufallsverteilungen von Elementen innerhalb eines städtischen Rasters, ergänzt um Algorithmen zur Zentrumsbildung, eine Alternative zu den oft unflexiblen Masterplänen sein. Durch die Simulationen von Entwurfskonfigurationen könnten objektive Bewertungskriterien an die Stelle von politischen Entscheidungen treten. Ein Buch zu dem Thema soll folgen.

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Chancen von Visionen in der heutigen Gesellschaft und die Marginalisierung der Architekten in Fragen der Gestaltung, über die sich keiner der Anwesenden Illusionen machte. Wie um dies greifbar zu machen, wurde die Diskussion von der zunehmend lauter werdenden Musik einer zeitgleich stattfindenden Veranstaltung im Foyer der Alten Technik übertönt. Wir waren wieder auf der Erde angekommen.

Unter den Diskutanten war auch Konrad Frey, dessen eine Woche später folgender Vortrag mit dem Titel „INFRASTRUKTUR 1960ff. – What happened to Megastructures?” weitere interessante Aspekte aufzeigte. In der ersten Maiwoche folgen Vorträge von Heidult Gerngross (5.5.2010) und Peter Hellweger (6.5.2010).

>> weitere Termine im Rahmen von "Rethinking/Designing Structure"

MI 05 | 05 | 10, 19:00 Uhr Rethinking/Designing Structure: HEIDULF GERNGROSS

TU Graz - HS L

Lessingstraße 25

DO 06 | 05 | 10, 14:00 Uhr Rethinking/Designing Structure: PETER HELLWEGER

TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Seminarraum 143

Technikerstraße 4/3

Verfasser/in:
Martin Grabner, Nachlese

Weiterführende Links

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Vortragsreihe "Rethinking/Designing Structure", des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, an der TU Graz (zur Vergrößerung auf das Bild klicken)
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Architekt DI Bernhard Hafner

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