Baukulturelles Bewusstsein - Baukultur - ein gesellschaftliches Anliegen!

Eine Veranstaltung, keine Diskussion, ein Ärgernis.

26/04/2004

Bitte, über 16 Brockhausbände verfügt die Hausbibliothek unseres Bildungsbürgers, und das Wort Baukultur taucht auf diesen tausenden Seiten nicht auf. Was tun? Unser Diskussionsleiter weiß sich zu helfen, Potz Blitz, frei assoziiert: Baukultur ist das, was übrig bleibt. Aha!

Christian Kühn korrigiert souverän. Baukultur ist gegenwärtig und Baukultur ist die Summe aller Botschaften des Gebauten u n d die Ausstrahlung alles Nichtgebauten. Baukultur ist die Beschreibung einer gesellschaftlichen Befindlichkeit und Baukultur als Begriff ist wertfrei. Baukultur hat also etwas mit dem Was und Wie des Bauens zu tun. Ob dieses Bauen zu Baukunst wird, hat daher nichts mit Baukultur zu tun, wohl aber, ob eine Gesellschaft Baukunst fordert und erkennt und anerkennt. Na also!

Gunther Hasewend, Landesbaudirektor der Steiermark, zählt seine vier stategischen Punkte zur Entwicklung von Baukultur auf. Einer davon ist die „Regionale Baukultur“ beziehungsweise ihre Verbesserung. Beispielhaft nennt er die zahlreichen Neu- und Umbauten der Edelweinbauern. Man muss nur die Bürgermeister busweise nach dort transportieren, um ihre Baukultur zu fördern. Prost?

Dann sprechen Giselbrecht und Windbichler, die zwei Architekten am Podium, und sagen wenig zur Baukultur. Giselbrecht meint, dass gute Bauten immer noch das beste Marketing für Architektur seien und betont die Wichtigkeit der Architekturvermittlung. Verstanden?

Bertram Werle, Stadtbaudirektor von Graz, möchte, dass seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen etwas zur Baukultur in Graz beitragen oder richtiger, mehr beitragen und das mit Hilfe eines unabhängigen, „möglichst hoch dekorierten“ Gestaltungsbeirates. Bitte sehr.

Manfred Wolff Plottegg berichtet von Üblem. Ein Verein „Baukultur Steiermark“ schickt eine prominente Jury durchs Land. Diese soll aus vom Verein nominierten Bauwerken solche auswählen, die für „gutes Bauen“ mit einer dann aufgeschraubten Eisenplatte, genannt „Geramb Rose“, geehrt werden. Der Volksbildner Geramb hätte vermutlich an anonyme Baukunst gedacht, seinerzeit. Die Jury übrigens auch, 2003. Nicht aber der Verein. Dem Vorstand mit dem Landesbaudirektor an der Spitze schien eine Reihe zu ehrender Bauwerke nicht ehrungswürdig genug und die Entscheidung der Jury wurde vom Vorstand abgeschmettert. Die Rosen verblieben im Magazin. Skandal!

Christoph Schlick, nicht geehrter Bauherr, spricht wenig, ihm scheint die Veranstaltung eher überflüssig. Er weiß auch ohne Geramb-Rose, was er an seinem Haus hat. Kultiviertheit.

Der Diskussionsleiter dankt für die Diskussion und leitet die Schlussrunde ein, weil bereits zwei Stunden geredet wurde und nach der Erfahrung eines routinierten Diskussionsleiters in dieser Zeit alles gesagt sei. Tumult. Eine Diskussion über Baukultur hatte nach Meinung vieler Zuhörer noch gar nicht stattgefunden, weil Mitglieder der vorjährigen Jury zu sehr und zu lange auf dem Thema der Nichtverleihung der Geramb-Rose 2003 beharrten.

Tessmar-Pfohl als anfangs sicher interessierter Zuhörer verlässt die Veranstaltung indigniert. Hasewend spricht über Regionalismus und Tourismusförderung.

Tatsächlich lässt das Interesse der Zuhörer stark nach.

Much Tritthart erweckt nochmals Aufmerksamkeit, indem er den Begriff des Regionalismus von der Baukultur in die Bauphysik umdefiniert: Regionale Bauweise, d.h. regionale Entwicklungen waren die Folge von Informationsdefiziten durch Abgeschiedenheit. In der Informationsgesellschaft heute gibt es diese Defizite nicht mehr und man kann deshalb keinen Regionalismus herbeireden. Baukultur entwickle sich global, regional differieren nur noch die Wärmedämmwerte von Außenwandkonstruktionen.

Mehrere Zuhörer genehmigen sich bereits ein Bier. Ich schließe meinen Bericht und empfehle Bernard Rudofskys „Architektur ohne Architekten“ auf www.gat.st sonnTAG 024 nachzulesen. Sie finden dort alles und das Gegenteil.

Aus dem HDA

Heinz Wondra

Verfasser/in:
Heinz Wondra
"Freie Meinung"

Artikelempfehlungen der Redaktion