Am Dienstag, den 21.06.2005 fand im Großen Minoritensaal in Graz die von der Stadt Graz veranstaltete und von der Stadtbaudirektion organisierte Baukultur-Enquete statt. Im geladenen Kreis wurden geeignete Instrumente zur Qualitätssicherung des städtischen Erscheinungsbildes und zur Förderung der Baukultur angedacht und diskutiert.
Zu Beginn der Veranstaltung richtete sich der Blick auf die Verbesserungspotenziale des Stadtentwicklungskonzepts, des Flächenwidmungsplanes und der Bebauungspläne für Graz. Im Verlauf der Enquete erfolgte allerdings eine Fokussierung auf das Fachbeirats- und Wettbewerbswesen.
Die einleitenden Überlegungen der Gastgeber Planungsstadtrat Gerhard Rüsch, Kulturstadtrat Christian Buchmann und Stadtbaudirektor Bertram Werle machten eindeutige Positionen sichtbar. Während sich Gerhard Rüsch u. a. für den Wettbewerb als qualitätssicherndes Instrument aussprach, zeigte sich Bertram Werle davon überzeugt, dass ein Fachbeirat die architektonische Qualität auf hohem Niveau zu sichern vermag und damit städtebauliche und architektonische Fehlentwicklungen weitgehend zu verhindern wären. Er meinte durch das rechtzeitige Hinzuschalten eines Fachbeirates bei Planungen könnten mehr Planungssicherheit bei allen Bauvorhaben gewährleistet und die Zeitdauer von Bauverfahren beschleunigt werden. Dabei solle der Gestaltungsbeirat nicht, wie von einigen Anwesenden befürchtet, als behindernde Instanz wirken, sondern, bereits zu einem möglichst frühen Zeitpunkt eingesetzt, ein Hilfsmittel in der Entwicklung von Bauprozessen darstellen und dynamische Prozesse bei der Arbeit für die Qualitätssicherung und Förderung der Baukultur in Gang setzen. Die Wortmeldungen im Anschluss – vor allem von Seiten der Architektenschaft – bestätigten Werle in seinem Standpunkt.
Darüber hinaus forderte Kammerpräsident Architekt DI Werner Nussmüller ein neues Raumordnungsgesetz und die Implementierung eines Stadtforums - eine „Ansammlung heller Köpfe für die Stadtentwicklung“ - in dem u. a. Architekten, Verkehrsplaner und Soziologen vertreten sind. Ein Fachbeirat sollte quasi als begleitendes Gewissen Versprechen einfordern. Mit diesen Maßnahmen würde sich die Zahl der durchgeführten Architekturwettbewerbe wesentlich erhöhen, zeigte sich Nussmüller überzeugt.
Die aus dem Publikum geäußerten Bedenken, dass Fachbeiräte Bauverfahren weiter verzögern könnten und die Meinung, Architektenwettbewerbe seien zur Qualitätssicherung ausreichende Instrumente, wurden durch die folgenden Referate über die Gestaltungsbeiräte in Salzburg und Linz weitgehend ausgeräumt. Stadtrat Rüsch verließ zu Beginn des ersten Vortrags, in dessen Rahmen Johann Padutsch, politisch zuständiger Stadtrat für den Gestaltungsbeirat der Stadt Salzburg, sehr überzeugend über den seit 20 Jahren funktionierenden und auf hohe Akzeptanz stoßenden Gestaltungsbeirat in Salzburg berichtete, die Veranstaltung. Er kehrte erst zurück, als Otto Hochreiter, Moderator der Enquete und designierter Direktor des Grazer Stadtmuseums, im Anschluss an die drei Vorträge – neben Padutsch stellte der Architekt Herbert Karrer den Linzer Gestaltungsbeirat vor und erläuterte Alfred Fruhmann, Bauträger für Gesamtabwicklung von Gewerbeprojekten die Ansprüche von Investoren an einen Fachbeirat – zum Resümee überleitete. Somit entging Gerhard Rüsch u. a. die wesentliche Erkenntnis, dass mit Architektenwettbewerben die Qualität von Baukultur nicht allgemein gesichert werden kann. Dies liegt nicht an den Ergebnissen der Wettbewerbe, denn der Architekturwettbewerb ist und bleibt das sicherste Qualitätsinstrument für Bauherrn, das beste Projekt zu finden, sondern daran, dass Bauträger und private Investoren nicht zur Ausschreibung von Architektenwettbewerben verpflichtet werden können. In Städten mit Gestaltungsbeirat entscheiden sich Bauträger und Investoren, mit steigender Tendenz, zur Ausschreibung von Architekturwettbewerben, weil man erfahren hat, dass die daraus hervorgehenden Siegerprojekte den architektonischen Kriterien eines Fachbeirates in der Regel entsprechen und bereits nach der ersten Prüfung abgewickelt werden können. Das spart zeit und Kosten. Fachbeiräte und Wettbewerbsverfahren sind also nicht gegeneinander austauschbare, sondern nur in Verbindung eingesetzt, qualitätssichernde Instrumente zur Förderung der Baukultur.
Die Beiträge und Wortmeldungen im Verlauf der Enquete verdeutlichten jedenfalls, dass nach einem Jahr der Diskussion die Zeit reif ist, sich für einen Gestaltungs- bzw. Fachbeirat in Graz zu entscheiden. Finanzielle Mittel stehen bereit, Voraussetzung ist nunmehr der politische Wille zur Umsetzung.
Das detaillierte Protokoll zur Baukultur-Enquete finden Sie demnächst auf GAT.
- Verfasser/in:
- Redaktion GAT Graz Architektur Täglich
Weiterführende Links


