ANNE FAUCHERET
NORBERT PFAFFENBICHLER "Silent Alien Ghost Machine"
Eine Empfehlung.
Die handgeschriebene Beschriftung „Museum“, die zurzeit über der Eingangstür des Kunstvereins Medienturm zu lesen ist, lädt den Besucher sofort dazu ein, die folgende Ausstellung auf einer Metaebene zu betrachten. Sie ist nicht nur die geschickte Zusammenstellung von Werken in einem Raum, sondern das Mittel des Künstlers, um Produktions-, Vorstellungs- und Darstellungsmodi zu analysieren. Weit entfernt von der normativen musealen Institution wird Medienturm zum Labor und Spielplatz. Der Künstler führt uns hinter die Kulisse der Moderne, indem er unter anderem die paradigmatischen Media des 20. Jh. mit Jubel zerlegt: Fotographie und vor allem Film.
In der Mitte eines DIN-A1-Rahmens mit breitem weißem Passepartout liegt ein kleines Amateurphoto, das ein Porträt eines als Vampir verkleideten Teenagers zeigt. Im Handout erfährt man, dass es sich dabei um den Künstler selbst handelt. Pfaffenbichler stellt sich ironischerweise in seiner eigenen Ausstellung in den Mittelpunkt. Die Haupteigenschaft des Künstlers wäre seine Fähigkeit, sich zu entstellen und sich von den anderen zu ernähren, wenn man sich auf das Motiv (und gleichzeitig den Titel) des Bildes bezieht. Die Frage der Darstellung des Künstlers wird in der Ausstellung durch den künstlerischen Topos des Selbstporträts des Künstlers dekliniert. Der Künstler wird als hybrides Wesen, also „Monster“, dargestellt, das zwischen absoluter Andersartigkeit (Silent Alien) und „anormaler“ Verschiedenheit (One of us) oszilliert. Die Ausstellung ist eine Art Freak-Show. Die Anomalien oder „prothetischen Erweiterungen“ (Auge, Finger) betreffen die dem Künstler traditionell zugeordneten Organe aber bleiben ihm ohne Nutzen: der Künstler besitzt elf Finger mit vier Daumen, aber die Hände haben nichts zu bieten. Das „Monokel“ mit zwei Bügeln erinnert an Freuds Brille, könnte aber von seiner Größe nur den Schädel eines Liliputaners umfassen. Man fühlt sich wie in Naked Lunch …
Dem Eingangsraum folgt ein seltsam stiller und dunkler Raum. Wie im Kino befindet sich eine breite Schwarz-Weiß-Projektion dem Zuschauer gegenüber. Dimensionen und Orientierungen verschwimmen im Bild und außerhalb. Kinderstühle stehen dem Publikum zur Verfügung. Der Projektor ist auf der Stufe einer an der Decke befestigten Leiter befestigt und projiziert fünf Runden eines Kartenspiels. Ein realer Tisch ist an der Wand befestigt und fungiert als Bildschirm, auf den das von oben gefilmte Bild des Tisches projiziert wird. Das Ganze erzeugt eine spielerische Täuschung. Jedes Werk erschafft eine fast träumerische Stimmung und fungiert gleichzeitig als Analyse einer Art Bilder- und Werkproduktion. Chaplins Film Dough and Dynamite wird räumlich dargestellt, um die filmischen Werkzeuge sichtbar zu machen. Indem er historische Formate und Vormundschaftsfiguren aufruft (Chaplin, Méliès, Eisenstein, Griffith, Pasolini) hinterfragt Pfaffenbichler die Position des zeitgenössischen Künstlers gegenüber Geschichte und Intertextualität. Die zentrale Installation Organ verschränkt Méliès Voyage dans la Lune (1902) und Russolos Intonarumori (1913) in einer handwerklichen Ästhetik. Die nach Vorbild von Russolos Lautsprechern geformten Elemente erfüllen hier eine völlig andere Funktion: Sie sind über den im Raum verteilten Videomonitoren platziert und beschränken die Sicht auf beängstigende und verzerrte Monde, die in Schleife das Wort „Silenzio“ aussprechen. Eine Auswahl des ursprünglichen und modernen Kinos – zwischen philosophischer Kritik und politischer Instrumentalisierung – wird vom Künstler manipuliert, um einige Kodierungen zu enthüllen.
Jedoch wirkt jeder Raum durch den Eklektizismus der Stile und Referenzen völlig anders, was durch die zwischenräumlichen Filztrennungen noch verstärkt wird. Luna Cappella ist eine Art Kapelle. Fundobjekte sind wie Votivelemente, die sich auf Pier Paolo Pasolini beziehen sollen, an den Wänden angesteckt. Die Rorschach-artigen Bilder – Die Verhütung des Unheilbaren – stammen aus alten Medizinbüchern. Das Kartenspiel des ersten Raumes besteht darin, Karten mit jeweils einer Abbildung eines „klassischen“ Kunstwerks auf den Tisch zu legen. Die sehr kodierte Ausstellung oszilliert zwischen analytischer Zerlegung, Hommage und Aneignung als drei Produktionsmethoden, derer sich der zeitgenössische Künstler bedienen kann. Er scheint aber manchmal darauf reduziert, die Zeichen der Vergangenheit einfach verschwimmen zu lassen, wie im Werk All frames in one , das letztendlich nur aus zwei unlesbaren grauen Bildern besteht. Ist der lächerliche Künstler, wie bei Burroughs, unfähig, etwas anderes als difforme Bilder seines eigenen Egos zu produzieren? Mit Model of a playground attraction, erreichbar durch eine carrollartige Tür, wird der Künstler wieder zum Weltenmacher.
Unsere bilderverliebte Zeit ist der Grundsatz der Arbeit Pfaffenbichlers, der mit zahlreichen Quellen arbeitet – Cartoons, Büchern, Kinofilmen, Photographien – um uns zu zeigen, dass wir die Dinge erkennen, aber niemals kennen (Gilles Deleuze). Bescheidenheit als Ultima Ratio.
AUSSTELLUNG:
Norbert Pfaffenbichler "Silent Alien Ghost Machine"
Ausstellungsort: Kunstverein Medienturm
Josefigasse 1, Graz, Steiermark
Ausstellungsdauer: bis 22.05.2010
Öffnungszeiten: Di–Sa 10.00–13.00 Uhr, Mi–Fr 15.00-18.00 Uhr
FR, 07.05.2010, 10.00-22.00 Uhr
SYMPOSIUM
10 Jahre Medienturm: Symposium "Wer macht Stadt?"
in Kooperation mit Lendwirbel 2010
Veranstaltungsort: Kunstverein Medienturm
Josefigasse 1, Graz, Steiermark
FR 07.05.2010, 15.00 Uhr
PROGRAMM
_ 15.00 Uhr TALK
"Zur Frage von Stadtraum, Ubanität und Lebensformen"
mit:
Theo Deutlinger (TD-Architects Rotterdam)
Kurt Smetana (Gebietsbetreuung Ottakring)
Philipp Klaus (INURA Zürich Institut)
Elke Krasny (Kulturtheoretikerin Wien)
Markus Wilfling (Künstler Graz)
_ 18.00 Uhr PODIUM
Zur Frage politischer Macht oder Ohnmacht in der Stadt
Mit: Lisa Rücker (Bürgermeister-Stellvertreterin) und Elke Edlinger (Stadträtin für Frauen und Soziales)
_ 20.00 Uhr - late PARTY
10YEARSAFTERPARTY
Fest der FreundInnen der Kunst
_ 10.00-22.00 Uhr AUSSTELLUNG
Silent Alien Ghost Machine Museum
Norbert Pfaffenbichler
Konzeption:
Gottfried Prasenec, Harald Saiko (Lokal Heroes 8020)
- Verfasser/in:
- Anne Faucheret, Ausstellungsempfehlung
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