AUSSTELLUNG Christian KRI Kammerhofer "defeKt"

"Christian Kammerhofer zeigt in seiner defeKten Welt (mit großem K – wie Kunst oder KRI) die Brüche und Verwandlungen der ihn umgebenden Alltagsgegenstände..." Bis 11.09.

20/08/2010

Galerie Eugen Lendl, Graz

Ausstellungsdauer: 11. August – 11. September 2010

Eröffnungsrede von Alexandra Riewe,

gehalten am Dienstag, dem 10. August 2010

"Christian Kammerhofer zeigt in seiner defeKten Welt (mit großem K – wie Kunst oder KRI) die Brüche und Verwandlungen der ihn umgebenden Alltagsgegenstände.

Die dreiteilige Serie „Schutzhülle“ zeigt Wandobjekte, die aus in Schaumgummi verpackten Gegenständen bestehen. Wir kennen die Funktionsverpackungen aus Schaumgummi oder Styropor, bei denen der verpackte Gegenstand in einer exakt angepassten Hohlform vor Bruch geschützt ist. Bei den Schutzhüllen von KRI ist es genauso, nur sind die Gegenstände hier bereits gebrochen und der Defekt ist in der Verpackung sorgfältig miteinbezogen.

KRI hat seine kleinen Objekte, die er „Schutzhülle“ nennt, schon länger fertig gestellt, bevor er den „großen Wurf“ macht: Er holt sich eine Schaumstoffmatratze von der Caritas und schneidet seinen eigenen Umriss ein. Diese Arbeit („Schutzhülle Mensch“) besteht nur als Foto. Gleich den „Profanen Altären“ ist hier die abgebildete Skulptur sozusagen die „verlorene Form“, wie wir sie aus der Terminologie der Skulptur kennen. Beim Bronzguss zerstört sich das abgegossene Wachsmodell, ebenso sind die skulpturalen Gebilde, die auf den Fotos festgehalten werden, ephemer und bestehen nur in der Erinnerung.

Die Haltung, die KRI bei der Arbeit ..... einnimmt, die angezogenen Knie, eine Schutzhaltung des Schlafes, erinnert mich auf eigenartige Weise an die Toten Pompejis. In Pompeji wurden die Hohlräume, die die mittlerweise dematerialisierten Körper in der Vulkanasche hinterließen, mit Gips ausgegossen. Auch diese Hohlräume waren exakte „Schutz“-hüllen der Leiber. Diese sozusagen aus ihrem Schattenbild rekonstruierten Menschen sind sehr eindrucksvoll, manche in abwehrender Haltung, manche zusammengekauert wie KRI.

Die beiden Begriffe „Profan“ + „Altar“ bilden eigentlich ein Oxymoron, da der Altar als Ort der kultischen Verehrung zu verstehen ist und Profanität genau das Gegenteil meint.

KRI leitet sein Thema aber von den neuen Heiligenwinkeln in unseren Wohnungen ab. Die Vitrinen mit Nippes, der Tabernakel in der Wohnwand mit dem versteckten Fernsehapparat, der Alibert im Badezimmer.

Er stellt eigene Altäre nach und verwendet mit Lust die heterogensten Gegenstände und Materialien. Ein Altar zeigt sogar ein „echtes Kunstwerk“ im Zentrum, eine Skulptur von Erwin Huber, einem bekannten, bereits ver-storbenen Grazer Plastiker.

Den „architektonischen“ Hintergrund allerdings bildet die Styroporeinlage einer technischen Verpackung. Säulen entstehen aus den beliebten bunten Schwämmchen und ein paar weitere handelnde Personen wie Ken, Barbie und Stofftiere geben die Heiligen. Die fotografischen Ikonen sind alte Fotoporträts – Zufallsfunde; die sakrale Beleuchtung eine Herzchen-Lichterkette. Als „heiliger Geist“ über allem schwebend noch die Jagdtrophäe: das Rehkrikel. Vielleicht würde man meinen, der Titel „blasphemische“ Altäre stünde diesen Bildern besser, aber das geht am Wesentlichen vorbei, es geht sicher nicht darum, irgend jemandes religiöse Gefühle zu verletzen, Religion wird hier nur als eine Spielart der Fetischisierung dargestellt, ein Aspekt, den man auch schwerlich in Abrede stellen kann.

Der Fetisch ist ein wichtiger Faktor in KRIs Inszenierungen. Ein Klassiker: der Schuh. Drei Objekte bestehen aus Schuhen, die in herzigböse Tiere (Pinguin, Marienkäfer, Krokodil) verwandelt wurden.

Mit der „heiligen Schuhecke“ kondensiert KRI den von Imelda Marcos und Carrie Bradshaw vorgelebten Frauentraum in einem „Herrgottswinkel“ aus Damenschuhen.

Bei der „Druckplastik NORM“ ist der Schuh in einen schraubstockartigen Rahmen gequetscht. Auch in den kleinen Skulpturen von KRI werden die Gegenstände meist schlecht behandelt, aufgezwungen, durchbohrt, gequetscht. Die Bürsten und Pinsel erinnern an Haut und Haar. Das große Thema der existentiellen Ausgesetztheit des Menschen wird hier lapidar und bescheiden abgehandelt, mit einem großen Maß an Humor und Selbstironie.

Die Arbeiten von Christian Kammerhofer stehen in einer sehr spezifischen österreichischen Skulptur-Tradition – wenn man überhaupt noch die Kategorie „Skulptur“ bemühen möchte. Diese neue Form der Skulptur arbeitet nicht mit einem Werkstoff, sei es Stein, Holz oder Ton, sondern als Werkstoff fungieren vorhandene Gegenstände, die bereits aufgrund ihrer Signifikanz Bedeutungsträger sind. Wie z.B. der Kabelbinder, dieses kleine raffinierte Verbindungselement, das sich einmal eingerastet nur mehr durch Zerstörung lösen lässt, das Klebeband, der Schwamm usw. Soweit bekannt: diese Formen der Skulptur sind eine internationale Kunstsprache, die ihre Entstehung dem Surrealismus, DADA und in besonderem dem großen Leitbild Marcel Duchamp verdankt. Das spezifisch Österreichische scheint mir im besonderen Moment des Witzes zu liegen. Analog zu Sprachwitz und Bildwitz könnte man hier durchaus von „Objektwitz“ sprechen. Um nur einige Künstler aufzuzählen, die ebenfalls bei Eugen Lendl ausgestellt haben: Michael Kienzer, Werner Reiterer, Manfred Erjautz, Markus Wilfling, Christian Eisenberger ...

Es mag ein Gemeinplatz sein, der die Genealogie der Psychoanalyse als typisch österreichisches Phänomen highlighted und ihren Einfluss auf das Selbstverständnis österreichischer Kunstproduktion unterstreicht, nichtsdestotrotz möchte ich in diesem Zusammenhang auf Sigmund Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Un-bewußten“ verweisen. Kurz gesagt, ich halte den Begriff OBJEKTWITZ für ein österreichisches Spezifikum der Gegenwartskunst.

Zu jeder einzelnen Arbeit von KRI ließe sich noch viel herausfinden und erzählen – das für Plakat und Postkarte verwendete Foto „ohne Titel“ erinnert mich an die Kindheit, „Alice hinter den Spiegeln“, die Faszination des Überganges zu einer Gegenwelt in der Spiegelung einer Regenpfütze.

In den Fotos der „Schaufenster Serie“ findet sich der diskrete Charme der trivialen Schaufensterdekorationen.

Bei der Serie „Endlos ohne Titel“, eine Uhr, deren Zeiger mit Vorhänge-Schlössern fixiert sind, fällt mir Faust ein: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön“ – KRI allerdings wird in der Sache handgreiflich.

Das Herzstück dieser Ausstellung, die kinetische Skulptur „Tränen“, stellt nicht nur melancholisch das Vergehen der Zeit im gleichmäßigen Tröpfeln des Wassers dar, sondern ist auch ein Frauenkörper, eine Animationsma-schine, ein Duchamp-Zitat, und nicht nur das.

Was also macht KRI? Sein ästhetisches Understatement ist in keiner Weise spekulativ, er versucht nicht, das Krude zu finden und zu thematisieren, weder versucht er das Banale zu erhöhen, noch die Ästhetik des Einfachen zu feiern, sein Umgang mit der Form ist geprägt von großer Selbstverständlichkeit oder um es mit einem Zitat von Erich Fried zu sagen: Es ist was es ist ... "

Christian Kammerhofer ist 1971 in Bruck an der Mur geboren, Lehre als Vergolder und Staffierer 1986 – 1989, Meisterklasse Bildhauerei an der HTBLA bei Erwin Talker 2001 – 2003, zeitweilig als Restaurator tätig, widmet er sich seit zwei Jahren ausschließlich seiner Kunst; außerdem ist er Kletterer (Bouldern) und trägt Tattoos.

Christian KRI Kammerhofer "defeKt"

Ausstellungsdauer: 11. August bis 11. September 2010

Geöffnet: Di-Fr 14.00-19.00 Uhr

Sa 10.00-13.00 Uhr

GALERIE EUGEN LENDL

Palais Lengheimb

Bürgergasse 4/1, Graz

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F 0043 (0)316/825-514-4

info@eugenlendl.com

Verfasser/in:
Alexandra Riewe, Empfehlung

Weiterführende Links

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"O. T.", 2010, C-Print, 50 x 50 cm
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Serie Schutzhülle, 2010
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Serie Schutzhülle „Mensch“, 2010
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Profaner Altar, 2009
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Pinguin-Schuh, 2010
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Serie Endlos „ohne Titel“, 2010

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