MARTIN GRABNER
Architektur entsteht in einem Kontext. Und dann?
Der Name Asmara sagt hierzulande wahrscheinlich den wenigsten etwas. Und doch befindet sich in der Hauptstadt des seit 1991 unabhängigen Staates Eritrea das größte und am besten erhaltene Ensemble von Bauten der Klassischen Moderne. Der Grund dafür liegt in zwei der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte: dem Kolonialismus und dem Faschismus.
Die von Naigzy Gebremedhin kuratierte und an seinem 2003 erschienenen Buch „Asmara − Africa’s Secret Modernist City“ orientierte Ausstellung „Asmara − Afrikas heimliche Hauptstadt der Moderne“, die derzeit im HDA zu sehen ist, versucht dieses eindrucksvolle Beispiel der Architektur des frühen 20. Jahrhunderts nicht einfach nur zu zeigen, sondern spricht auch den historischen Kontext seiner Entstehung an.
Mit der Kolonialisierung des Landes am Horn von Afrika durch Italien im Jahr 1889 begann die rasante Entwicklung Asmaras zu einer der modernsten Städte ihrer Zeit, nicht zuletzt durch ihre militärische Bedeutung für die expansionistische Politik Italiens. Unter Mussolini entstand ab Mitte der 30er-Jahre ein repräsentatives Zentrum, das den Fantasien des Diktators von einer Wiedergeburt des Römischen Imperiums Ausdruck verleihen sollte. Junge italienische Architekten konnten hier, fernab von den Zwängen ihrer europäischen Heimat − und mit großzügiger finanzieller Unterstützung durch das Regime − ihre Vorstellungen von einer modernen Stadt verwirklichen. Oder wurden sie − und damit auch die Moderne − von faschistischen Machthabern als Werkzeug benutzt, um deren Weltvorstellungen durchzusetzen?
In Asmara wird die Ambivalenz der Moderne deutlich, zwischen der sozial-emanzipatorischen Vision der Gleichheit und den fast schon autoritären Zügen ihres Anspruchs auf die Allgemeingültigkeit formaler Gesetze. Die Negation jedes bestehenden lokalen Kontexts im modernistischen Städtebau und ihre eurozentrische Sichtweise machten die Moderne zu einem praktikablen Partner für den Kolonialismus. In den meisten ehemaligen Kolonien führte das zu einer völlig anderen − negativen − Rezeption als in Europa, da sie dort als ein Instrument der Unterdrückung wahrgenommen wurde.
Die Fotos des Briten Edward Denison zeigen jedoch nichts von alledem; die geschichtlichen Hintergründe erfährt man erst im Film „City of Dreams“, der Teil der Ausstellung ist. Die ausgestellten Fotos präsentieren in hoher fotografischer Qualität einzelne faszinierende Gebäude von Asmara, die einen verdichteten Querschnitt durch die Strömungen moderner Architektur darstellen: vom späten Neoklassizismus über Art Deco, Novecento, Futurismo und Razionalismo, der die meisten der über 400 Gebäude kennzeichnet, bis zum Monumentalismo. Nach dem abrupten Ende des Wachstums mit der Vertreibung der Italiener durch Briten und Äthiopier im Jahr 1941 fiel die Stadt in einen Dornröschenschlaf und überstand in Folge auch den dreißigjährigen Unabhängigkeitskrieg gegen Äthiopien ohne große Zerstörungen.
Im Unterschied zu den meisten anderen afrikanischen Staaten hat die Bevölkerung in Asmara das bauliche Erbe der früheren Besatzer im Laufe der Zeit angenommen und in ihre eigene Kultur integriert. Die Menschen haben den Stadtteil zurückerobert, den sie früher nicht einmal betreten durften, da die Zonierung des funktionalistischen Städtebaus im Faschismus um rassistische Segregation erweitert wurde. Es war dann auch die Bevölkerung, die den Ausschlag zur Unterschutzstellung der Architektur gegeben hat. Ein erklärtes Ziel der Ausstellung, die seit 2006 schon in 13 Städten Station gemacht hat, ist es, das architektonische Erbe Asmaras bekannt zu machen und die Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe zu bewirken.
Im Rahmen der Ausstellungseröffnung lud das HDA zu einer Podiumsdiskussion, in der Alfred Mansfeld, der Präsident der Österreichisch-Eritreischen Gesellschaft, betonte, dass die Gebäude in Asmara nach der Aneignung durch die Bevölkerung heute für einen Geist der Freiheit und Toleranz stehen und nicht mehr für den Faschismus. Architektur sei zwar immer ein Instrument der Macht, könne aber mit neuen Inhalten besetzt werden und so einen Kontextwechsel vollziehen, ergänzte der Wiener Architekt Andreas Rumpfhuber. Auf die Frage nach der heutigen Rolle von Architekturexport unterschied die Wiener Architektin Bärbel Müller zwischen rein wirtschaftlich motiviertem Engagement europäischer Architekten, etwa in China oder den Golfstaaten, und einer postkolonialistischen Arbeitsweise, bei der nicht europäisches Denken exportiert, sondern von lokalen Partnern gelernt werde. Auch wenn die Diskussion etwas schaumgebremst geführt wurde, zeigte sie – ebenso wie die Ausstellung –, dass die Macht von Architektur und Städtebau nicht unterschätzt werden darf. Genauso wenig darf allerdings die Macht der Gesellschaft, die in Stein gegossene Geschichte mit neuen Inhalten zu füllen und so in einen neuen Kontext zu stellen unterschätzt werden. Ein Anerkennung Asmaras als Weltkulturerbe sollte nicht allein für die Bauten erfolgen, sondern auch deren Verortung in der Geschichte und ihre Rezeption bis in die Gegenwart thematisieren, denn, wie Daniel Libeskind es formulierte: „Bauwerke sind keine autonomen, abstrakten Objekte. Sie sind Teil des Lebens, Teil eines Kontexts.“
AUSSTELLUNG:
Asmara. Africa’s Secret Modernist City
Ausstellungsdauer: bis 31. Juli 2010
Öffnungszeiten: Di - So 10.00- 18.00 Uhr
Ausstellungsort: HDA Graz im Palais Thinnfeld
Mariahilferstraße 2, 8020 Graz
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Empfehlung
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