Gebäude und Gedanken - Die Architekturtage 2010 machen Baukultur erlebbar – als eine der komplexesten Disziplinen modernen Designs.
ERNST GRABENWARTER
Mai 2010. Graz. Drei der größten Philosophen und Poeten der Menschheit sitzen im Mariahilfer-Viertel beim Wirt‘n zusammen und diskutieren– wie es sich für einen anständigen Stammtisch eben so gehört – angeregt. Tagelang. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, kann es sich der etwas in die Jahre gekommene Aristoteles nicht verkneifen, als die „Grazer Schule“ zur Sprache kommt. Antoine de Saint-Exupéry ergänzt: „L’essentiel est invisible pour les yeux.“ Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Nachdenkliche Stille. Schließlich ergreift der stürmische deutsche Sprechsänger Max Herre das Wort und drängt unverhohlen: „Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen!” Denn die Bösen seien oft gut und die Guten nur gerissen ...Worum es hier eigentlich geht? Um Architektur. Genauer, um steirische. Die will gegen Ende des Designmonats Mai die Hosen runterlassen. Wozu das gut sein soll? Die Leute sollen ruhig sehen: Design ist mehr als nur Verpackung. Ist mehr als nur erster Blick. Doch das bemerkt man eben erst auf den zweiten. Seit Anbeginn menschlichen Gestaltens steht Usability (wozu wir etwas brauchen, wie wir es nutzen) im Mittelpunkt. Gerade Architektur war niemals nur äußerer Anschein. Musste stets mehr sein. Doch was ist das, dieses Mehr? Mehr als bloß ein Haus: Die baulichen Spuren, die die mittlerweile zu Lehrern gewordenen „Grazer Schüler“ Günther Domenig, Klaus Kada, Karla Kowalski oder Michael Szyszkowitz direkt vor den Grazer Haustüren geschaffen haben, sind ausgeklügelte, in sich geschlossene Systeme, deren tatsächliche Wirkung sich dem kurzweiligen Betrachten entzieht. Architektur designt Lebensraum, formt die Bühnen unseres täglichen Lebens.
Seit es Menschen gibt, sehnen sich diese nach einem Dach über dem Kopf. Was vielen jedoch nicht bewusst ist: Hinter jedem Gebäude aus Stein steht ein Gedankengebäude. Wer baulich gestaltet, tut dies zwar zweifelsohne immer unter Einhaltung (vordergründig) ästhetischer Maßgaben. Doch Architektur ist auch Raumgefühl. Ist Funktionalität. Ist Gebäudetechnik und Statik genauso wie Wirtschaftlichkeit. Hier gibt es einiges zu entdecken. Die Komplexität, die hinter so manch klarer Linie steckt, soll während der Architekturtage (be-)greifbar werden. Da wird nicht nur hinter die Fassade von eindrucksvollen, bemerkenswerten Bauwerken, sondern auch in die Köpfe der Planer geblickt. So geht Tag der offenen Tür hierzulande. Wenn schon, denn schon …
Architektur in Entstehung: Die Architekturtage bieten Nachfragern die seltene Gelegenheit, den Gestaltungsprozess von Architektur – sozusagen Ziegel für Ziegel – von der Idee über die Konzeption am Planungstisch bis zur faktischen Umsetzung auf dem Bauplatz hautnah zu erleben. Wagen Sie einen Blick von den höchsten Aussichtsplattformen der Murmetropole auf interessante Baustellen und aufregende Stadtentwicklungsgebiete. Seien Sie dabei, wenn Architekturbüros einen Tag lang zu gläsernen Fabriken werden. Seien Sie Fahrgast und entdecken Sie zeitgenössische Architektur– von Haltestelle zu Haltestelle der Straßenbahnlinie 1. Oder lernen Sie bei einem Streifzug durch den Grazer Untergrund das Zentralnervensystem der Murstadt kennen. Das und vieles mehr bieten die Architekturtage 2010, die vom 27. bis 29. Mai im Rahmen des großen ganzen Designmonats Graz stattfinden – das Programm in all seinen Details finden Sie unter www.architekturtage.at (siehe Link)
KONTAKT:
HDA Graz im Palais Thinnfeld
Mariahilferstraße 2, 8020 Graz
T 0316/32 35 00-13
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