Am 31. Jänner wurde der Architekturpreis des Landes Salzburg 2004 verliehen. Es ist bemerkenswert, dass beim Großteil der ausgezeichneten Projekte Architekten entscheidend beteiligt waren, die ihr Studium an der TU Graz absolvierten:
Heinz Lang (Halle 1, Salzburg), Hemma Fasch (fasch&fuchs., Wien), Ulrich Stöckl, Heribert Wolfmayr (heri & salli, Wien).
Der Preis wird alle zwei Jahre ausgeschrieben und von der Initiative Architektur Salzburg abgewickelt (Kurator: Paul Raspotnig, Organisation und Ausführung: Andrea Großschädl).
JUROREN WAREN:
Univ. Prof. Stefano de Martino, Innsbruck
Arch. DI ETH Carl Fingerhuth, Basel
DI Karin Tschavgova, Graz
Arch. DI Ursula Klingan, Innsbruck
DI Dr. Michael Zinganel, Wien und Graz
PREISTRÄGER
HALLE 1 für vier eingereichte Projekte
für ihre „ganzheitliche“ Haltung und ihr Konzept, das über ihre Arbeiten sichtbar wird:
_ S-Bahn-Station Salzburg
_ Kindergarten Gebirgsjägerplatz
_ Zentrum Sterneckstraße, City-, Office- und Tower-Eleven
_ Keltenmuseum Hallein (mit Architekten Wimmer-Armellini, Bregenz)
ANERKENNUNGEN
Architekten Forsthuber Scheithauer > Gartenstadt Aigen
als Beispiel für neue Siedlungsformen
Architekten fasch&fuchs. (Hemma Fasch, Jakob Fuchs) > Bibliothek der Pädagogischen Akademie des Bundes
als Beispiel für einen sorgfältigen Umgang mit Altbausubstanz
Arch. Ulrich Stöckl > BergbauMuseum Leogang
als Signal für Baukultur im ländlichen Raum und auf Grund des Umstandes, dass dieses Projekt aus einer lokalen Initiative hervorgegangen ist
STIPENDIUM
heri & salli (Heribert Wolfmayr, Josef Saller)
für ihren spielerischen Ansatz und für ihre im Vergleich zu anderen virtuosere Umsetzung von ProjektideenAlle eingereichten Projekte können noch bis 14. März 2005 im Foyer des Amtes der Salzburger Landesregierung in der Michael Pacherstraße 36 (Foyer des Amtsgebäudes, Land Salzburg) während der Amtszeiten beichtigt werden.
Die Buchpräsentation zum Architekturpreis findet im Rahmen einer Finissage am Montag, den 14. März 2005, um 19 Uhr im Foyer des Amtes der Salzburger Landesregierung statt.
AUS DEM JURYPROTOKOLL:
BESCHREIBUNG DER PROJEKTE
Preisträger
HALLE 1, vier eingereichte Projekte
HALLE 1 hat sich mit vier sehr unterschiedlichen Bauaufgaben beworben, die in den letzten drei Jahren fertig gestellt wurden. Dabei handelt es sich um Lösungsvorschläge für ein breites Spektrum sozialräumlich relevanter Bauaufgaben im Land und für das Land Salzburg: um einen Infrastrukturbau (die S-Bahn-Station Salzburg-Gnigl), einen Kindergarten (am Gebirgsjägerplatz), die Adaption historischer Bausubstanz für kulturelle Nutzung (das Keltenmuseum Hallein in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Wimmer-Armellini) und eine Mischbebauung in einer städtischen Problemzone (Wohnungs-, Büro- und Gewerbebauten im Zentrum Sterneckstrasse).
In allen vier Fällen beweist das Architekturbüro dasselbe Engagement, dieselbe Sensibilität und dieselbe Konsequenz bei der Konzeption und Durchführung der Aufgabe, von der städtebaulichen Einbindung bis zur Detailplanung und Ausführung.
Der Kindergarten teilt einen riesigen Platz durch seine Querstellung in zwei Zonen unterschiedlicher räumlicher Qualität und Nutzung. Der Baukörper repräsentiert einen geradezu virtuosen, bis in die Details durchgearbeiteten Entwurf, der seine räumlichen Attraktionen maßgeblich aus der simplen Idee zweier bezüglich ihres Gebäudequerschnitts zueinander verdrehter Boxen bezieht.
Im Keltenmuseum gelingt es – zusätzlich zu einer vorzüglichen Ausstellungsgestaltung –, einem alten Gebäude durch subtile Eingriffe einen beträchtlichen Mehrwert zu verschaffen. Flussseitig wird mittels einer leicht gekrümmten Glasfassade auf feinen Betonwinkeln ein schmaler Zubau ergänzt, der als neue Eingangs- und Erschließungszone dient, die zuerst am Gebäude entlang führt und direkt vor Heinz Tesars vertikalem Erschließungsturm endet. Durch die Lage und seine kontrastierende Ausführung konterkariert der Gang die Schwere der aufsteigenden Gebäudeteile, sowohl die des Altbaus als auch die der bereits vorgefundenen Ergänzung durch Heinz Tesar. Erst durch den Zubau werden diese wirklich erlebbar, umso mehr, als nun auch die unmittelbare Nähe des darunter vorbei fließenden Flusses publikumswirksam inszeniert wird.
Mit dem Gestaltungskonzept für neue S-Bahn-Stationen, deren erster realisierter Prototyp die neue Station in Gnigl darstellt, beweist HALLE 1, dass trotz exakter Gestaltungsvorgaben und Rahmenbudgets durch den Auftraggeber und trotz eines extrem engen Handlungsspielraumes in der besonderen städtebaulichen Lage und am schmalen Terrain einer Station bei entsprechendem Einsatz der Planer durchaus eine außergewöhnliche baukünstlerische Qualität realisiert werden kann. Das ist insofern besonders zu würdigen, weil die Erkenntnisse aus diesem Entwurf in die Musterbücher zukünftiger ÖBB-Stationen eingehen werden und dieser Entwurf den Handlungsspielraum und die Gestaltung zukünftiger Stationen daher einen großen Schritt voran gebracht hat.
Die Mischnutzung im Zentrum Sterneckstraße ist deshalb besonders würdigenswert, weil hier mit planerischen Mitteln dazu beigetragen wurde, präventiv gegen die drohenden Gefahren der Ghettoisierung in einer potentiellen städtische Problemzone vorzugehen. Investoren konnten erfolgreich davon überzeugt werden, anstelle einer monokulturellen Nutzung auf funktionale und soziale Durchmischung zu setzen. Ersteres gelang durch die Funktionsmischung aus Büros, Gewerbe, Geschäften und Wohnungen, letzteres durch das gleichzeitige Angebot von geförderten Wohnungen für wenig zahlungskräftige Klienten und hochwertigen Eigentumswohnungen für zahlungskräftige Interessenten in den obersten Geschoßen ein und desselben Wohnturms.
Spezielle Branchen, wie ein Fitnessstudio, die auch nach Geschäftsschluss einen regen Publikumsverkehr generieren, und die Besiedelung der Erdgeschoße mit Wohnungen ermöglichen hier eine weit reichende soziale Kontrolle im Areal (im Vergleich dazu ist die Präsenz des Wachdienstes, der in einem Bürogebäude seinen Firmensitz hat, ein ergänzendes symbolisches Signal). Trotz der hohen Dichte und Größe der Gesamtanlage konnte eine variantenreiche Raumqualität realisiert werden, deren Stimmungen und Dimensionen immer überschaubar bleiben. Das Projekt ist daher Manifest und Beweis für die Möglichkeit, auch heute noch – oder auch heute wieder – lebenswerte, ästhetisch attraktive urbane Strukturen realisieren zu können.
(Text: Michael Zinganel)
Anerkennung
BergbauMuseum Leogang
Arch. Ulrich Stöckl
Die Erweiterung des BergbauMuseums in Leogang stellt eine gleichermaßen bemerkenswerte wie sympathische Haltung dar. Prämiert wird ein Projekt, das auf lokale Eigeninitiative und dabei offensichtlich auf den rührigen Einsatz einer Person zurückzuführen ist, die den unschätzbaren Wert der über Jahrhunderte gehüteten und gesammelten "Reliquien" des Bergbaues erkannt hat und ihnen einen angemessenen Platz schaffen wollte.
Die Erweiterung zeigt, dass es dem Initiator nicht vordergründig darum gegangen sein kann, sich ein Denkmal zu setzen. Das ist sympathisch. Mehr als die Verdoppelung der Ausstellungsfläche wird in diesem Konzept nämlich durch einen neuen "Raum unter Tag" erreicht, der sich an der Oberfläche nur durch großzügig dimensionierte Glasdeckenfelder abzeichnet. Der denkmalgeschützte Bau des Museums - ursprünglich ein Bauernhaus - bleibt dadurch als Solitär erhalten in einer dörflichen Struktur, die geformt ist durch kleine bäuerliche Einzelobjekte inmitten von Obstgärten. Mit der Bauaufgabe wurde ein junger, noch wenig bauerfahrener Architekt aus dem Ort beauftragt, dem man Vertrauen entgegenbrachte. Wenn auch die Realisierung des Konzeptes nicht ganz so virtuos, so konsequent, wie dies wünschenswert wäre, durchgezogen ist, so ist vor allem lobenswert, dass der Zubau ganz ohne Fortschreibung eines vermeintlichen Traditionalismus auskommt, der sich im Zitieren rustikaler Stilelemente erschöpft. Die Gemeinde als Museumserhalter wäre gut beraten, auch die Ausstellungsgestaltung in professionelle Hände zu legen und ebenso engagiert dafür Mittel aufzutreiben. Damit könnte diese einmalige Sammlung ihre Strahlkraft voll entfalten und zum unverwechselbaren Kleinod werden - ein absolutes Muss für Besucher der Region.
(Text: Karin Tschavgova)
Anerkennung
Bibliothek der Pädagogische Akademie
Arch. fasch&fuchs.
Durch den sensiblen Umgang mit der vorhandenen baulichen Struktur und der Umsetzung ihres klaren Konzepts – die Transformation einer aufgelassenen Schwimmhalle in ein Mediencenter und eine Bibliothek – gelingt den Architekten fasch & fuchs ein überzeugender Eingriff in die bestehende Schule.
Die zweigeschossigen Büchertürme wachsen aus dem ehemaligen Becken und strukturieren den großzügigen, lichtdurchfluteten Bibliotheksraum. Es entstehen neue Durch- und Ausblicke, offene Leseplätze und auch Bereiche, die einen Rückzug ermöglichen.
Die Verwendung neuer Materialien und Farben schafft zwischen dem Umbau und der bestehenden Schule einerseits eine eindeutige Zäsur, andererseits eine Aufwertung des gesamten Schulgebäudes. Das Lichtkonzept von Thomas Hamann unterstreicht die Großzügigkeit des neuen Bibliotheksraums und macht die verschiedenen Zonierungen noch klarer ablesbar.
(Text: Ursula Klingan)
Anerkennung
Gartenstadt Aigen X
Arch. Forsthuber-Scheithauer
Die Gartenstadt Aigen X zeigt einen innovativen Umgang mit Wohnungsbau. Sie basiert auf einem klar definierten Konzept, das sich in verschiedenen Maßstäben entfaltet: Im Bezug zu Umgebung und direkter Nachbarschaft bildet die Siedlung ein überzeugendes Ensemble - der Identität einer Gartenstadt entsprechend. Die Positionierung der Quadranten oder Viertel gestaltet ein deutliches Bild des öffentlichen Raums. Die Gliederung der Baukörper bildet eine dichte, trotzdem aber offene und variierte Struktur. Das Projekt weist nach, wie durch einen bewussten Umgang mit urbanen Hierarchien städtische Qualität erzeugt, durch Verdichtung auch Differenzierung geschaffen und wie durch geringe Änderungen von Typologien eine reiche Vielfalt von öffentlichen und privaten Situationen inszeniert werden kann.
(Text: Stefano de Martino)
STIPENDIUM
heri & salli
Sofern "Forschung" in der Architektur als Aufeinanderfolge von räumlichen Experimentier-anordnungen verstanden wird, kann dem Team heri & salli ein "forschungsorientierter" Zugang zur Architektur attestiert werden. Dieser Zugang mag spielerisch erscheinen und sich mitunter dem Feld der bildenden Kunst annähern, trotzdem behandeln die beiden Architekten Phänomene der Material-, Raum- und Stadtwahrnehmung, die für Erkenntnisgewinne nutzbar gemacht werden können. Besonders würdigenswert ist, dass diese Experimentieranordnungen in vielen Fällen im Maßstab 1:1 umgesetzt werden.
(Text: Michael Zinganel)CARL FINGERHUTH, Juryvorsitzender
Bei jeder Reise in das Land Salzburg wird der Besucher immer wieder von der Komplexität der architektonischen und städtebaulichen Gestalt dieses Teiles der Welt überfallen. Hier zeigen sich architektonische Objekte, die von einer radikalen Suche nach Bildern für unsere Zeit geprägt sind, in diesem Raum liegt unversehrt eines der größten städtebaulichen Ensembles aus der Zeit des Barocks und darüber lagert sich eine dichte Schicht von Gebäuden, die von der ländlich-bäuerlichen Vergangenheit des Landes Salzburg berichten. In der Diskussion über Formen und Strukturen der Stadt wird diese Vielfalt der Schichten, die auf Unterschiede und regionale Eigenheit verweisen könnte, aber immer wieder auch zu harten Fronten, die angegriffen oder verteidigt werden müssen. Gegensätze werden aufgebaut, anstatt Synergien entwickelt. So entstehen aus prägnanten, die Gestalt des Landes bereichernden oder die Kontinuität lesbar machenden Vorhaben immer wieder banale Bauten oder wichtige Projekte versanden im Widerstreit der Meinungen.
Mit den von uns vorgeschlagenen Preisen und Anerkennungen haben wir versucht, auf Beispiele hinzuweisen, die jenseits dieser Konflikte stehen. Es handelt sich um Bauten, die kreativ und kompetent mit diesen Gegensätzen umgehen. Sie respektieren die speziellen Qualitäten des Ortes, suchen nach innovativen Interpretationen der sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedürfnisse, ohne banal oder aggressiv zu sein.
Das Bergbaumuseum in Leogang zeigt, wie man im ländlichen Raum eine neue Bauaufgabe ohne Anbiederung und Verkleidung, aber mit Respekt für den Ort gestalten kann.
Bei der Bibliothek der Pädagogischen Akademie des Bundes in Salzburg und beim Keltenmuseum in Hallein wird dokumentiert, wie aus vorhandener Bausubstanz durch intelligentes und subtiles Entwerfen neue Nutzungen möglich werden.
Mit dem Entwurf für die S-Bahn-Stationen wurden raffinierte Konzepte entwickelt für neue Bauaufgaben. Mit den Wohnüberbauungen an der Sterneckstrasse und in Aigen-Süd und mit dem Kindergarten beim Gebirgsjägerplatz werden alte Bauaufgaben für unsere Zeit gekonnt neu interpretiert.
Bei allen ausgezeichneten Objekten ist es den Architekten gelungen, Zeichen zu setzen, wie in urbanen und ländlichen Situationen die großen Themen unserer Zeit mit hoher gestalterischer Qualität in städtebauliche und architektonische Form umgesetzt werden können. Dies schien uns auch die zentrale Aufgabe eines Architekturpreises zu sein, der von der Politik ausgeschrieben wird. Der Preis soll auch dazu dienen, die erbrachten Leistungen von Architekten und Bauherren zu würdigen. Primäres Ziel ist aber, wie es in der Ausschreibung formuliert war, eine größere Öffentlichkeit für zeitgenössische Architektur zu schaffen und damit die Baukultur zu fördern – im Interesse der sozialen, ökonomischen und kulturellen Ziele der Stadt. So verstanden, verliert die Ästhetik ihren elitären Charakter und wird zu "Schönheit", die die Menschen dazu führt, sich mit ihrer Stadt und ihrem Dorf zu identifizieren.
In diesem Sinn haben wir dieses Jahr bemerkenswerte Leistungen beim Entwurf von Einfamilienhäusern nicht ausgezeichnet, weil uns andere Themen in der heutigen Zeit wichtiger waren.
Bei der Präsentation der Projekte durch die Architekten hat uns überrascht, dass in kaum einer Einreichung die städtebauliche Situation erkennbar wurde. In fast allen Fällen wurde die Qualität des Umgangs mit dieser zentralen Aufgabe erst bei unseren Begehungen sichtbar. So hat das eine Museum bei der Beurteilung seiner städtebaulichen Wirkung verloren und ein anderes gewonnen.
Wir wünschen uns, dass der Preis zu einer breiten und intensiven Diskussion führt. Wegen der einzigartigen Situation im Raum und in der Zeit könnte diese gerade im Land Salzburg umso fruchtbarer sein.
Bildnachweis:
HALLE1: alle Bilder © Gebhard Sengmüller
Bergbaumuseum Leogang: © Ulrich Ströckl
PÄDAK: © Paul Ott
Aigen Süd: © Paul Ott
heri&salli: © heri&salli